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Pater Christoph Kreitmeir: „Die Wurzel echter Barmherzigkeit ist tiefe Gottesliebe“

In seiner Auslegung zum Sonntagsevangelium, das über Jesus und die Ehebrecherin berichtet (Joh 8,1-11), betont unser geistlicher Begleiter Pater Christoph Kreitmeir:

„Wer liebt verurteilt nicht!“

Dabei erklärt Pater Kreitmeir, dass es ihn fasziniert, dass Barmherzigkeit über alle Weltanschauungen und Religionen hinweg weht.

 

Anbei die Worte seiner Predigt als Audio-Datei und anschließend im Textformat:

 

 

Was wir soeben im Evangelium gehört haben, berührt uns im Innern, weil es so anders ist, wie wir es sonst kennen.

Jesus lebt uns etwas vor, wonach wir uns so sehnen und es selbst so wenig können: Barmherzigkeit.

Da sind Menschen ganz schnell zur Hand, jemanden zu verurteilen. Das Gesetz gibt ihnen dazu sogar Handlungsmöglichkeiten. Das Gesetz ist aber nicht alles. Gesetze können eiskalt, menschenverachtend und tötend sein. Jesus stellt dieses Handeln mit seinem Satz „Wer ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein!“ total in Frage und bringt sich auf die Seite der Angeklagten. Gleichzeitig enttarnt er die Heuchelei der Ankläger.

Dann spricht er zu der Sünderin, nein, er spricht mit ihr auf einer Ebene, nicht von oben herab. Sie kann deshalb auch antworten und gleichzeitig ihr Herz öffnen. Er verurteilt sie nicht, er sagt aber auch ganz deutlich mit einer inneren Klarheit, dass sie von nun an das ihr vorgeworfene sündige Verhalten sein lassen soll.

Jesus, der Mensch gewordene Sohn Gottes, macht durch sein Reden und Tun klar, was Gott uns Menschen zutraut und wie gut Gott letztlich und immer wieder von uns „denkt“.

Gott verurteilt dich nicht, verurteile du dich selbst auch nicht und verurteile des Weiteren auch andere nicht!

Wer in seinem Leben wirklich einmal echtes Verzeihen und tiefe Vergebung erfahren hat, der wird dies nie mehr vergessen. Und sein Denken, Fühlen und Handeln werden dementsprechend weniger hart, sondern einfühlsam, mitfühlend und barmherzig sein.

Besondere Menschen, wie Franz von Assisi zeichnete diese Seelenqualität aus.

„Franziskus war es wichtig, niemanden zu verurteilen, weder wegen seiner Kleidung noch seines Lebensstiles noch seiner Verfehlungen (vgl. Gef 14,58). Auch gegen die Brüder, die sich verfehlt hatten, übte er Nachsicht und Barmherzigkeit und forderte dies auch von den Ministern (Leitungsverantwortlichen) ein: „Und darin will ich erkennen, ob du den Herrn und mich, seinen und deinen Knecht, liebst, wenn du folgendes tust, nämlich es darf keinen Bruder auf der Welt geben, mag er auch gesündigt haben, soviel er nur sündigen konnte, der deine Augen gesehen hat und dann von dir fortgehen müsste ohne dein Erbarmen, wenn er Erbarmen sucht. Und sollte er nicht Erbarmen suchen, dann frage du ihn, ob er Erbarmen will. Und würde er danach auch noch tausendmal vor deinen Augen sündigen, liebe ihn mehr als mich, damit du ihn zum Herrn ziehst. Und mit solchen habe immer Erbarmen“ (Min 9f.)

Die ersten Gefährten bestätigen, dass Franziskus selbst diese Haltung gelebt hat: „Denn Franziskus sprach voll Mitleid zu ihnen, nicht wie ein Richter, sondern wie ein barmherziger Vater zu seinen Söhnen und wie ein guter Arzt zu den Kranken. Er verstand es, mit den Schwachen schwach und mit den Betrübten traurig zu sein“ (Gef 14,59). Ein exemplarisches Beispiel dafür ist seine Solidarität mit dem Bruder, der nachts von Hunger gequält wird. „Da ließ der selige Franziskus ein Mahl bereiten, und weil er ein Mensch voll Liebe und Weisheit war, aß er mit jenem Bruder, damit er sich nicht schäme, allein zu essen; und weil er es so wollte, aßen auch alle anderen Brüder mit ihm“ (SP 27).“ Quelle: franziskaner.net

Und der große evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer schreibt in seiner „Nachfolge“:

„Die Barmherzigen haben eine unwiderstehliche Liebe zu den Geringen, Kranken, Elenden, zu den Erniedrigten und Vergewaltigten, zu den Unrechtleidenden und Ausgestoßenen, zu allem, was sich quält und sorgt. Sie suchen die in Sünde und Schuld Geratenen. Keine Not ist zu tief, keine Sünde zu furchtbar, die Barmherzigkeit geht zu ihr ein. Selig sind die Barmherzigen, weil sie den Barmherzigen zum Herrn haben.“ (Quelle: jesus.de)

Barmherziges Handeln entspringt nicht einem Denken, sondern es kommt von ganz Innen heraus. Barmherzigkeit und Gebärmutter entstammen im Hebräischen derselben Sprachwurzel. Man spürt es auch sofort, wie jemand barmherzig handelt, verkopft oder beseelt…

Echte Barmherzigkeit ist einem Menschen innerlich, sie ist ihm in Fleisch und Blut übergegangen.

Was mich fasziniert, ist, dass Barmherzigkeit über alle Weltanschauungen und Religionen hinweg weht.

So fand ich eine Zeitungsmeldung, die mich wirklich beeindruckte und die mir gleichzeitig zeigte, dass die Wurzel echter Barmherzigkeit tiefe Gottesliebe ist.

In Saudi-Arabien hat ein Mann den Mörder seiner Tochter in letzter Sekunde vor der Enthauptung bewahrt. Das berichtet die saudische Internet-Zeitung “Sabq“.

Der Henker habe am Montag auf dem zentralen Hinrichtungsplatz der Stadt Mekka bereits sein Schwert bereitgehalten, als plötzlich der 63 Jahre alte Vater des Opfers aus dem Kreis der Schaulustigen heraustrat und dem Todeskandidaten das Leben schenkte. Der wegen Mordes zum Tode verurteilte 36-Jährige und seine Angehörigen weinten vor Freude.

Der Mann hatte vor drei Jahren auf der Straße mit der erwachsenen Tochter des Mannes gestritten. Erst verprügelte er sie. Dann überfuhr er die junge Frau mit seinem Auto. In Saudi-Arabien urteilen die Gerichte auf der Grundlage einer besonders konservativen Auslegung der “Scharia“ (islamisches Recht), die für Mord, Vergewaltigung und Totschlag den Tod durch das Schwert vorsieht.

Die Familie eines Mordopfers hat jedoch die Möglichkeit, dem Täter zu verzeihen. Das Urteil wird dann nicht vollstreckt. Oft wird ein sogenanntes Blutgeld an die Familie des Opfers gezahlt. Der Vater aus Mekka hatte sich jedoch mehrfach geweigert, ein “Blutgeld“ zu akzeptieren. Die Familie des Todeskandidaten soll ihm mehr als eine Million Rial (etwa 196 000 Euro) geboten haben. Als er schließlich dem Mörder seiner Tochter verzieh, sagte er: “Ich tue dies nur für Gottes Lohn.“

„Liebe und Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer“ (vgl. Mt. 9,13).

Der, welcher wirklich an Gott glaubt, wird sich durch dessen Barmherzigkeit im Innern verwandeln lassen.

Amen.

Anbei ein schöner Song von Albert Frey zu den Worten von Pater Kreitmeir: