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Pater Christoph Kreitmeir: „Ein verbitterter Mensch ist ein Gefangener im selbstgezimmerten Käfig“

In seiner Auslegung zur heutigen Sonntagslesung (Eph 4, 30 – 5, 2) und zum heutigen Sonntagsevangelium (Joh 6,41-51) spricht unser geistlicher Begleiter Pater Christoph Kreitmeir über Verbitterung und was dagegen hilft.

Hier die Worte seiner Predigt als Audio-Datei und anschließend im Text-Format:

 

 

Wir alle kennen das: In uns gibt es gute und schlechte Gedanken, positive und negative Gefühle und wir wissen auch wie wichtig es ist, gesunde Selbstfürsorge in unserem Inneren, in unserer Gefühls- und Gedankenwelt, in unserer Seele zu machen. Es ist so, wie es folgende Indianergeschichte ausdrückt, wo der Häuptling zu seinem Sohn spricht:

„Mein Sohn, in jedem von uns tobt ein Kampf zwischen 2 Wölfen. Der eine Wolf ist böse. Er kämpft mit Ärger, Neid, Eifersucht, Angst, Sorgen, Gier, Arroganz, Selbstmitleid, Lügen, Überheblichkeit, Egoismus und Missgunst. Der andere Wolf ist gut. Er kämpft mit Liebe, Freude, Frieden, Hoffnung, Gelassenheit, Güte, Mitgefühl, Großzügigkeit, Dankbarkeit, Vertrauen und Wahrheit.“ Der Sohn fragt: „Und welcher der beiden Wölfe gewinnt den Kampf?“ Der Häuptling antwortet ihm: „Der, den du fütterst.“

Der Apostel Paulus gibt in seinem Brief an die Gemeinde in Ephesus, den wir heute als Lesung gehört haben, in sehr ähnlichen Worten Hinweise darauf, wie wir als Christen dafür sorgen können, dass sich unsere Seele nicht verdunkelt.

Paulus erwähnt dabei einen gefährlichen Seelenzustand, die Verbitterung.

Ein modernes Gedicht beschreibt verbitterte Menschen recht treffend. Sehen Sie selbst unter folgendem Link!

Verbittert sein – Psychologie und Psychiatrie beschreiben dieses Phänomen so:

Verbitterungsreaktionen treten nach Erlebnissen der Herabwürdigung, des Vertrauensbruchs oder der Ungerechtigkeit auf. Sie werden im Kontext beruflicher wie privater Konflikte beobachtet, aber auch als Reaktion auf andere schwerwiegende negative Lebensereignisse wie beispielsweise Krankheit. Verbitterung ist jedem Menschen bekannt, vergleichbar zu Angst. Eine Sonderform der Verbitterungsreaktion ist die „Posttraumatische Verbitterungsstörung (Posttraumatic Embitterment Disorder = PTED)“.“

Verbitterung ist also auf eine oder mehrere Kränkungen und/oder Enttäuschungen zurückzuführen, die uns hilflos machen, mit unangenehmen Gefühlen konfrontieren und sogar die Annahme entstehen lassen, dass daran nichts zu ändern sei.

[Anmerkung: Für die folgenden Erkenntnisse nutzte Pater Kreitmeir folgende Quellen: palverlag.de, swr.de)

Die auslösenden Situationen oder Zusammenhänge können dabei ganz unterschiedlich sein. Es können Konflikte in der Familie, in Freundschaften, in der Partnerschaft oder auch im beruflichen Umfeld sein.

Verbitterung ist eine komplexe Emotion, die nicht nur mit Hilflosigkeit, Hoffnungslosigkeit und Niedergeschlagenheit verknüpft ist, sondern auch mit Aggression, Groll, Zorn und Rachephantasien. Zum Teil richtet sich der Groll und Zorn auch gegen sich selbst: „Wie konnte ich nur so blöd sein, mich immer treu für die Firma einzusetzen?“ oder „Wie konnte ich nur so dumm sein, meiner Frau/meinem Mann zu vertrauen?“

Bei einer Verbitterung bohrt sich die negative Energie wie ein Wurm, der sich immer mehr ins Kerngehäuse des Apfels vorarbeitet, in unser Herz, in unsere Seele. 

Ein verbitterter Mensch ist ein Gefangener im selbstgezimmerten Käfig.

Ihm ist in seinen Augen etwas so Schlimmes passiert, dass er nicht loslassen kann. Das Tragische ist, dass er der Kränkung selbst weitere Verletzungen hinzufügt. Solange er dieses Ereignis vor seinem inneren Auge immer wieder abspult, traumatisiert er sich immer wieder selbst.

Deshalb – und so rät es interessanterweise auch der Apostel Paulus – ist es entscheidend wichtig, diesem Teufelskreis gezielt positives Verhalten gleichsam als Herzens- und Seelentherapie entgegenzusetzen: 

„Seid gütig zueinander, seid barmherzig, vergebt einander …und führt euer Leben in Liebe.“ Immer wieder und immer wieder neu!

In psychologischer Sprache lautet dies so: Aus psychologischer Sicht ist eine Verbitterung die Folge eines verletzten Selbstwertgefühls und eines damit verbundenen geringen Selbstvertrauens. In dem Maße, in dem Betroffene lernen, ihr Selbstwertgefühl und ihr Selbstvertrauen zu stärken, erleben sie Angriffe anderer nicht mehr als persönliche Kränkung und ihre Hilflosigkeit nimmt ab.

Um eine Verbitterung loslassen und überwinden zu können, müssen Betroffene bereit sein, den Menschen, die sie in ihren Augen verletzt haben, zu verzeihen.

Man höre und staune, wie klug und psychologisch versiert der Apostel Paulus war …

Und wer hätte das gedacht, dass ich einmal ein Gedicht von Wolf Biermann in einer Predigt verwende. Eins muss ich ihm lassen: Sein Gedicht/Lied „Ermutigung“, das er ja in einem ganz anderen Kontext, nämlich der Unfreiheit in der DDR geschrieben hatte, passt am Ende meiner Gedanken über „Verbitterung“ wirklich als „Ermutigung“:

Den Text gibt es unter folgendem Link