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Pater Christoph Kreitmeir: „Jeremia und Jesus redeten Menschen nicht nach dem Mund“

In seiner Auslegung zur Sonntagslesung (Jer 1, 4 – 5. 17-19) und zum Sonntagsevangelium (Lk 4, 21-30) beschreibt unser geistlicher Begleiter Pater Christoph Kreitmeir die verbindende Brücke zwischen diesen beiden Texten und zeigt dabei mit Blick auf die Situation der Kirche von heute, dass die Worte Jeremias und Jeus nichts an Aktualität verloren haben.

 

Anbei die Worte seiner Predigt als Audio-Datei und anschließend im Text-Format:

 

 

In meiner heutigen Predigt möchte ich die erste Lesung mit dem Evangelium verbinden, weil mir eine Brücke zwischen den beiden Texten aufgefallen ist. Die verbindende Brücke, die ich meine, ist ein Mensch, der anderen nicht nach dem Mund redet, der Dinge sagt, auch wenn sie nicht gefallen, der sich traut, für eine innere Überzeugung auch Prügel einzustecken.

So ein Mensch war Jeremia – Titelheld der ersten Lesung.

So ein Mensch war Jesus von Nazareth – Verkünder der „Frohen Botschaft“ und Gottessohn.

Jeremia, Sohn einer bekannten Priesterfamilie, wächst von Kindheit an fraglos in den jüdischen Glauben hinein. Doch aus einem frommen Priestersohn wird einer der schärfsten Kritiker des Jerusalemer Tempelkultes. Denn Jeremia sieht, wie seine Zeitgenossen sich im Glauben einrichten wie in einem bequemen Sessel und davon ausgehen, es reiche, Volk Gottes zu sein.

Und was ist schon dabei, noch andere Götter zu verehren? Man weiß ja nie, wofür man sie noch gebrauchen kann …

Gott beruft Jeremia zum Propheten, um Israel und der Welt einen Spiegel vorzuhalten.

Wo Jeremia auftritt, hört die Bequemlichkeit auf, werden Lebenslügen entlarvt, muss man sich der Wahrheit stellen, ob man will oder nicht. Wer will das schon …?

Auch heute, wo der Staat die Kirche wiederholt und mit Nachdruck auffordern muss, das jahrzehntelange Missbrauchsgeschehen in den eigenen Reihen aufzudecken, aufzuarbeiten, vertuschende Strukturen von Grund auf zu ändern und den vielfältigen Opfern mit Schuldbewusstsein und Respekt zu begegnen.

Die zweite Person, die den Menschen nicht nach dem Mund redet, ist Jesus von Nazareth.

Sein erster öffentlicher Auftritt in der Synagoge hatte doch so verheißungsvoll begonnen und … er endete in einem Eklat. Zuerst hatten sie alle mit dem Kopf genickt und waren begeistert und jetzt treiben sie ihn voller Wut vor die Stadt, um ihn zu erledigen. Das ist wirklich traurig … aber warum musste Jesus seine Mitbürger und Glaubensgeschwister auch provozieren?

Mit einem Sprichwort und zwei Beispielen entlarvt er das Staunen der Leute: Ihr Beifall ist nichts anderes als Ausdruck der Erwartung, dass er jetzt für sie, für die Seinen, Wohltätiges tun wird. Das, was er woanders getan hat, das soll er jetzt gefälligst auch hier tun: Brot vermehren, Kranke heilen, Dämonen austreiben. Daher zuerst ihr Wohlgefallen an dem seltsamen Prediger.

Arzt, heile uns! Sonst bist du keiner – so treten Jesus seine Landsleute entgegen. Dass er sie mit seinem Hinweis auf die Propheten Elija und Elischa dann auch noch daran erinnert, dass immer schon gerade die die Wunder Gottes erfahren, die gar nicht damit rechnen und die, die damit rechnen, leer ausgehen, macht das Maß voll.

Jesus stellt seine Zuhörer in ihrem Zweckmäßigkeitsdenken bloß, in dem sie sich auch noch das Heilige – Gott selbst – dienstbar zu machen suchen.

Und das ist so beschämend, dass der anfängliche Beifall von einem Augenblick zum anderen umschlägt in blinde Wut gegen den, der das aufdeckt.

Wenn Beifall in Wut umschlägt, wie realistisch war dann der Beifall?

Wut bedeutet, dass ein innerer Abstand aufgehoben wird – und darin liegt eine Chance!

Lassen wir uns eigentlich von der Botschaft Jesu noch aus der Fassung bringen? Werden wir zum Beispiel noch wütend über den miserablen Zustand der Institution Kirche? Oder haben wir uns eingerichtet – in fragloser Zustimmung oder sicherer Distanz?

Jeremia und Jesus von Nazareth – Menschen, die aufrichtig und echt für das Heilige eintreten, Menschen, die Spiegel vorhalten, um zur echten Selbsterkenntnis zu kommen.

Dazu fällt mir ein Text ein, der mich seit Jahren begleitet und mich immer wieder daran erinnert, dass der „Blick in den Spiegel“ vor Überheblichkeit und Selbstgerechtigkeit bewahren kann. Der Text lautet: „Der Mensch im Spiegel“ nach Dale Wimbrow

„Wenn Du wieder einmal alles erreicht hast, was Du wolltest, Dir jeder anerkennend Beifall gespendet hat und die Welt Dich für einen Tag zum Gewinner macht, dann stelle Dich vor den Spiegel, schau hinein und höre, was der Mensch darin Dir zu sagen hat.

Es ist weder Dein Vater noch Deine Mutter, weder Deine Vorgesetzten, Lebensgefährten oder Freunde, vor deren Urteil Du bestehen musst. Der einzige Mensch, dessen Meinung für Dich zählt, ist der, der Dich aus dem Spiegel anschaut.

Viele Menschen halten Dich für toll und interessant. Sie nennen Dich einen wundervollen Mann oder eine phantastische Frau, doch der Mensch im Spiegel nennt Dich schlicht einen Menschen mit vielen Mängeln und Schattenseiten, wenn Du ihm nicht ehrlich und offen in die Augen sehen kannst.

Auf ihn allein kommt es an. Kümmere Dich nicht so sehr um die anderen, denn nur er ist bis ans Ende Deiner Tage stets bei Dir. Du hast erst dann die schwierigste aller Prüfungen wirklich bestanden, wenn der Mensch im Spiegel Dein bester Freund geworden ist.

Auf Deinem ganzen Lebensweg kannst Du Masken tragen und Dir und der Welt etwas vorspielen, doch Du wirst nicht zufrieden und glücklich werden, wenn Du den Menschen im Spiegel betrogen, belogen und getäuscht hast.

Suchst Du nach Vollkommenheit, blicke in den Spiegel. Findest Du sie dort, darfst Du sie auch anderswo erwarten.“

Amen.

„Die Sache Jesu braucht Begeisterte“ (Keine Extremisten, egal welcher Richtung!)