Pater Christoph Kreitmeir: „Jesus lädt zu Rückzug, Pause und Auftanken ein“

In seiner Auslegung zum heutigen Sonntagsevangelium (Markus 6,30-34) erinnert unser geistlicher Begleiter Pater Christoph Kreitmeir daran, den eigenen Rhythmus zu finden, Pausen zu machen, um motivierter zu sein.

Anbei die Worte seine Predigt als Audio-Datei und anschließend im Text-Format:

 

 

„Mission accomplished – Mission erfüllt“, so könnte es über dem heutigen Evangelium stehen: Jesu Jünger, die für das Evangelium unterwegs zu den Menschen waren, kehren zurück, versammeln sich um ihn und berichten meist freudig, was sie so alles erlebt hatten. Jesus ist ein guter Chef, er hört sich das alles nicht nur wohlwollend an, sondern er fühlt sich in seine Leute ein und spürt Erschöpfung. Ein schlechter Chef würde sagen, „Ja und … und weiter geht´s“.

Jesus lädt sie ein zu Rückzug, Pause und Auftanken.

Welcher Chef macht das denn? Das Höchste ist vielleicht ein „Workshop“, wo man lernen kann, wie man effektiver arbeiten kann.

Heutige kluge und damit gute Chefs und Chefinnen haben aber sehr wohl erkannt, dass „Pause machen“ nicht nur für die Arbeitseffektivität hilfreich ist, sondern auch zu ausgeglicheneren Mitarbeitern führt.

Pause machen könnte so einfach sein, ist es aber in der Realität leider nicht. Für viele Menschen ist Abschalten und Entspannen harte Arbeit. Zu hoch liegt der Stresspegel, zu viele Termine drängen sich zu dicht aneinander, zu groß sind die Erwartungen, denen man glaubt, gerecht werden zu müssen. Laut einer Umfrage der Gewerkschaft Verdi arbeitet jeder 10. Arbeitnehmer durch. Acht Stunden am Stück – oder mehr. Das ist ein Riesenfehler, der sich mehrfach rächen wird.

Der Mensch ist keine Maschine. Wer immer nur Vollgas gibt, riskiert einen Totalschaden. Diagnose Burnout.

Wer besser, produktiver und entspannter arbeiten möchte, sollte seinen Arbeitstag in 90-Minuten-Blöcke unterteilen. Dieser Tipp geht auf das sogenannte BRAC-Prinzip zurück, das der Begründer der Schlafforschung, Nathaniel Kleitmann, etablierte. BRAC ist ein Akronym und steht für „Basic Rest – Activity Cycle“. Danach durchläuft das menschliche Gehirn sowohl im Schlaf als auch im Wachzustand zyklische Konzentrationsphasen. Nach rund 90 bis 100 Minuten werden wir deshalb unweigerlich müde. Die Aufmerksamkeit sinkt, die Konzentration lässt nach. Dann ist es definitiv Zeit für eine Pause!

Fachleute nennen sechs Anzeichen, wenn wir eine Pause brauchen (vgl. karrierebibel.de):

 

  • Sie können sich nicht konzentrieren.

Am deutlichsten äußert sich das Aufmerksamkeitsdefizit, wenn man lesen will. Fällt es Ihnen zunehmend schwerer, mitzudenken? Oder müssen Sie immer wieder von vorne anfangen? Bei diesen Signalen ist es höchste Zeit für eine Erholungspause.

  • Sie sind leicht reizbar.

Wenn Kleinigkeiten, über die Sie normalerweise hinwegsehen, beginnen Sie zu nerven, sollten Sie Ihren Schreibtisch für einen Augenblick verlassen. Ansonsten kommt es noch zu einem ungewollten Wutausbruch.

  • Sie sind nicht motiviert.

Ihre Aufgaben gehen Ihnen zunehmend schwerer von der Hand. Sie haben den Eindruck, immer langsamer voranzukommen. Spaß und Freude weichen spürbar… In dem Fall sollten Sie unbedingt eine kurze Auszeit nehmen, um neue Kraft zu tanken.

  • Sie sind müde.

Ihre Augen fallen immer wieder zu. Am liebsten würden Sie sich hinlegen und schlafen. Gerade zwischen zwei und drei Uhr fallen Arbeitnehmer regelmäßig ins sogenannte „Schnitzelkoma“. Da hilft nur Bewegung, um wieder fit zu werden.

  • Sie sind nicht mehr ehrgeizig.

Wer erschöpft ist, vernachlässigt die Qualität. Es geht nicht mehr darum, sein Bestes zu geben, sondern darum, fertig zu werden. Irgendwie. Klares Zeichen für ein Tief. Wer merkt, dass es ihm egal wird, wie das Ergebnis aussieht, sollte die Arbeit kurz ruhen lassen und Pause machen.

  • Sie machen mehr Fehler.

Die Fehlerhäufigkeit ist ein sicheres Indiz dafür, dass die Akkus leer sind und Ihre Aufmerksamkeit leidet. Bevor es zu schwerwiegenden Fehlern kommt, sollten Sie sich einige Minuten der Muße und Entspannung gönnen.

 

Auch im religiös-spirituellem Leben ist es wichtig, den richtigen Rhythmus von Beten und Arbeiten zu finden.

Die Mönche leben nach der Regel „Ora et Labora“. Wer gegen seinen körperlichen, geistigen und geistlichen Rhythmus lebt, kommt früher oder später mit Grenzerfahrungen wie Erschöpfung, Lustlosigkeit, Burnout, Herzinfarkt und vielem mehr in schmerzlichen Kontakt. Nicht nur körperlich-geistig benötigen wir Pausen und Auszeiten, sondern auch unser geistliches Leben sucht Rückzug, Alleinsein, Zweisamkeit mit anderen, die einem guttun – bei den Aposteln war es Jesus – Leerwerden, Auftanken und Neuinspiration.

Immer wieder erlebe ich im Krankenhaus Aussagen von Menschen, wenn sie sich um ihre Angehörigen jeglichen Alters sorgen und um deren Leben bangen, wie: „Hätte er doch weniger gearbeitet“, „Hätte sie doch auch mal an sich und nicht nur an andere gedacht“ oder „Jetzt hätte er seine Rente nach harten Jahren in der Firma genießen können“.

Unser Evangelium zeigt auch, dass es mit den Anforderungen nicht aufhört, die Leute, die etwas von Jesus oder den Aposteln wollen, nicht weniger werden… Das kennen wir auch:

Die Arbeit wird nicht weniger, sie wird nie weniger. Um sie aber so gut wie möglich bewältigen zu können, ist es unsere Pflicht Selbstverantwortung zu übernehmen und auf unser Wohl zu achten.

Eine Geschichte möchte dies verdeutlichen und unterstreichen:

Ein Mann  war jung, reich, in allem erfolgreich, was er unternahm. Er hatte eine wunderschöne Frau und wohlgeratene Kinder. Als er einmal von der Arbeit nach Hause fuhr, blieb er bei einer  Ampelkreuzung stehen, obwohl die Ampel Grün zeigte. Er hielt den Verkehr an, weil ihn ein Herzinfarkt dazu zwang. Zum Glück hat er das überlebt. Der Auftrag des  Arztes, sich zu schonen war für ihn schwierig, denn für ihn bestand das Leben nur aus Arbeit. Es zwang ihn aber dazu, die Art seines Lebens zu ändern. Er wurde sich dessen bewusst, dass er für alles Geld, das er verdiente, sich keinen einzigen  Herzschlag kaufen konnte. Wie viele Herzschläge hatte er schon vergeudet?  Er begann, sich mehr  der Familie und der Natur  zu widmen. Auch fing er an, die Kirche  zu besuchen. 30 Jahre später sagte bei seinem Begräbnis sein Nachbar folgendes: „Mein Freund hat mir eine Lektion über den Herzschlag erteilt. Er war überzeugt, dass jeder Herzschlag ein Geschenk Gottes ist.  Es hängt davon ab,  in was wir alles investieren. Schnell kann man auch etwas vergeuden.  Mein Freund  verbrachte durch diese Einsicht ein glückliches und vollwertiges Leben.“

Damit auch wir lernen, mehr auf unseren gesunden Rhythmus zu achten, möchte ich am Ende meiner Predigt beten (nach Petra Gaidetzka):

Herr, lass mich erkennen: Ich habe Zeit.

Alle Zeit, die du mir schenkst, gehört mir. Es ist mein Leben.

Ich verschwende es nicht, wenn ich mir die Zeit nehme innezuhalten;

im Gegenteil – ich erfahre es intensiver in der Stille.

Lass mich Frieden finden und hilf mir, Frieden auszustrahlen.

Ruhig, gelassen und heiter will ich sein, damit andere gerne in meiner Nähe sind und Heilung finden, wenn sie der Heilung bedürfen.

Indem ich meine Zeit mit ihnen teile, verschwende ich sie nicht –

ich gewinne sie vielmehr zurück, die Zeit, die du mir geschenkt hast.

Herr, ich bitte dich: Hilf mir, in der Zeit, die du mir zugedacht hast,

das zu tun, wozu du mich bestimmt hast. Amen