Image by Michal Jarmoluk from Pixabay

Pater Christoph Kreitmeir: „Jesus stellt die Welt des Konkurrierens auf den Kopf“

In seiner Auslegung zum heutigen Sonntagsevangelium (Markus 9,30-37) betont unser geistlicher Begleiter Pater Christoph Kreitmeir, dass der Mensch mehr ist als seine Wünsche und Triebe.

Hier die Worte seiner Predigt als Audio-Datei und anschließend im Text-Format:

 

 

Wenn ich nach einem langen Arbeitstag abschalten will, dann schau ich mir im Fernsehen sehr gerne Natursendungen verschiedenster Art an. Dem Himmel sei Dank gibt es auf verschiedenen Sendern und deren Mediatheken gute, lehrreiche und gleichzeitig unterhaltsame Filme in diesem Genre. Im Laufe vieler Jahre habe ich da auch einiges hinzulernen können, das mich auch vor allzu großer Naturromantik, wie man sie immer wieder erleben kann, bewahrt.

Wenn man nämlich in die Gesetzmäßigkeiten der Natur hineinsieht, dann kommen da versteckte oder auch sehr offene Verhaltensweisen zu Tage, die gar nicht romantisch oder schön sind.

Die Gesetze von Mutation und Selektion, von Jagen und Gejagdwerden, von Fressen und Gefressenwerden, von Konkurrenz aber auch Kooperation sind in der Natur überall wirksam. Sogar das friedliche Bild einer Wiese oder eines Waldes ist ein Kampf ums Überleben, um Nahrung, Licht und die besten Plätze, um diese zu ergattern.

Auch beim Menschen gelten diese Gesetzmäßigkeiten, wir wissen es und wir leiden darunter. Ein modernes Gedicht bringt dies gut auf den Punkt:

Starke Hände,

Schwache Hände,

Kämpfe, Kriege

Ohne Ende.

Der, wer stark ist,

Hat die Macht;

Der wer schlau ist,

Der ist stark;

Wer schlau sein will,

Hat viel Geld –

Das ist das einzige

Was zählt.

Wer nicht wurde

Reich geboren,

Hat von vornherein

Verloren.

 

Stimmt das?

Irgendwie schon, das sagt uns unsere Erfahrung und unser täglicher Blick in die Medien.

Sogar bei den Jüngern Jesu – man höre und staune – war die Frage, wer der Größte von ihnen sei, wichtig. Wir haben gerade davon im Evangelium erfahren. Umso schlimmer ist dieses Denken und Reden dann, weil Jesus nur kurz vorher von seinem Weg nach unten, seinem Leidensweg gesprochen hatte. Als er sie bei ihrem so gar nicht spirituellen Reden ertappte, stellte er sie nicht bloß, sondern nutzte wieder einmal auf ganz besondere Art, ihnen zu erklären, worauf es ihm ankam, worauf es im Reich Gottes ankommt.

Jesus stellt die Welt des Konkurrierens auf den Kopf: Ein Kind in seiner Hilflosigkeit, in seinem Angewiesensein, in seinem Vertrauen soll das Vorbild für jesuanisches Denken, Fühlen und Handeln sein.

Der Mensch ist als Lebewesen ein Teil der Natur. Auch bei ihm gilt seit jeher das Gesetz des Stärkeren aber auch das vernünftige Kooperieren, um als einzelner, als Familie, Sippe oder Volk zu überleben. Das Rangeln um die besten und obersten Plätze bestimmt unser Denken, Fühlen und Handeln von unserer Genetik und oft auch von unserer Erziehung her.

ABER, der Mensch ist neben seinen biologischen und psychischen Fähigkeiten auch geistbegabt!

Er kann auch ganz bewusst aus dem Kreislauf von Oben und Unten, von Erster oder Letzter aussteigen, wenn er lernt, sich von seinen inneren Leidenschaften und Trieben, wie wir sie in der Lesung beschrieben bekamen, zu distanzieren. Eifersucht, Begehren und Streit führen zu Unordnung, bösen Taten, ja letztlich zu Kriegen und Zerstörung.

Wer nicht lernt, seinen inneren Trieben und Leidenschaften einen Widerstand entgegenzusetzen, der wird zum Spielball und zur Marionette von unfrei machenden inneren und äußeren Gesetzmäßigkeiten.

Die wirkliche Freiheit kommt aus der „Trotzmacht des Geistes“. Der Begründer einer sinn- und geistorientierten Psychotherapie – Logotherapie – , Viktor Emil Frankl, formuliert dies einmal sehr anschaulich:

„Was mag mich zum Klettern bewogen haben? Offen gesagt die Angst davor, aber wie oft frage ich meine Patienten, wenn sie sich mit ihren Angstneurosen an mich wenden: Muss man sich denn auch alles von sich gefallen lassen? Kann man nicht stärker sein als die Angst? Hat nicht schon Nestroy (…) die Frage gestellt: Jetzt bin ich neugierig, wer stärker ist, ich oder ich? Und so habe ich denn auch mich, als ich mich vor dem Klettern fürchtete, gefragt: Wer ist stärker ich oder der Schweinehund in mir? Ich kann ihm ja auch trotzen. Gibt es doch etwas, was ich einmal bezeichnet habe als die „Trotzmacht des Geistes“ gegenüber Ängsten und Schwächen der Seele.“ (FRANKL, Viktor E., (2008): Bergerlebnis und Sinnerfahrung (6. Aufl.), Innsbruck-Wien: Tyrolia)

Auch Jesus, und dieser auf besondere Weise, setzt unserer körperlichen, psychischen, charakterlichen, durch Herkunft, Umstände und Erziehung einschränkenden Bedingtheit, also unserem So-und-nicht-anders-sein-können die Freiheit aus der Trotzmacht des Geistes eines Anders-werden-und-sein-können entgegen.

Wer aus der Kraft des Geistes und in Orientierung auf Gottes Geist lebt, der wird sich nicht nur selbst und seine niederen Beweggründe besiegen können, sondern der wird den echten Weg zu Glück und Sinn finden.

Amen.

 

Mehr geistliche Impulse von Pater Christoph gibt es unter

www.christoph-kreitmeir.de