Pater Christoph Kreitmeir: „Wir sind alle auf Verzeihung und Erbarmen angewiesen“

In seiner Auslegung zum „Gleichnis vom verlorenen Sohn“ (Lk 15, 1-3. 11-32) beschreibt unser geistlicher Begleiter Pater Christoph Kreitmeir anhand des berühmten Ölgemäldes von Rembrandt die Wirkung dieses Gleichnisses, in dem Jesus aufzeigt wie Gott ist.

 

Anbei die Worte seiner Predigt als Audio-Datei und anschließend im Textformat: 

 

 

Das heutige Evangelium gehört zu meinen Lieblingsstellen im Neuen Testament: Das Gleichnis vom verlorenen Sohn oder vom barmherzigen Vater. Viele Male durfte ich es schon lesen oder hören, aber seit einigen Jahren erlebe ich es wie eine zweite Haut, in die ich hineinwachsen möchte.

Behilflich bei diesem Wachstumsprozess ist mir ein bebildertes Buch des geistlichen Autors Henri J.M. Nouwen mit dem Titel „Nimm sein Bild in dein Herz“ geworden. Der Untertitel lautet: „Geistliche Deutung eines Gemäldes von Rembrandt“.

Henri Nouwen erzählt von dem berühmten Ölgemälde Rembrandts „Rückkehr des verlorenen Sohnes“ und seine ihn in seinem Innern verwandelnde Wirkung auf ihn. Auch auf mich hatte das Bild schon immer eine Art magische Wirkung, die mich ganz innerlich berührt.

Jedes Mal, wenn ich die Szene eines barmherzigen alten Vaters mit rotem Umhang auf mich wirken lasse, wie er liebevoll seinen abgerissenen und heruntergekommenen Sohn in die Arme nimmt, da wird es mir ganz warm um´s Herz.

Der Sohn fällt ergriffen vor Scham und Reue auf die Knie, die beiden Arme und Hände des Vaters nehmen ihn liebevoll und behutsam auf, drücken ihn sanft an seinen Bauch, an seine Brust und umfangen ihn mit Liebe und Wärme.

Der Junge kehrt quasi in den Mutterschoss des Vaters zurück, was durch Rembrandt einfühlsam und genial dargestellt wurde. Das hebräische Wort für Barmherzigkeit besitzt die gleiche Bedeutung wie Mutterschoß und die Hände des Vaters sind ganz besonders gemalt. Die rechte ist eine kräftige Männerhand die linke eine Frauenhand.

Zwischen 1666 und 1669 gegen Ende eines von Erfolg, Unglück und Leid erfüllten Lebens malte Rembrandt van Rijn dieses Meisterwerk.

Die Betrachtung des Bildes und das Sichhineinfühlen in Jesu Gleichnis führen zu einer inneren Herzenserkenntnis.

Man findet sich und sein Leben im Lebensentwurf des jüngeren Sohnes, der lebenslustig seinen Erbteil in der Fremde durchbringt, das große Glück sucht und am Ende wie ein Verlierer nach Hause zurückkehrt. Das Leben mit seinen Verlockungen und seinen Gefährdungen kehrt unser eigentliches Wesen hervor:

Wir sind alle auf Verzeihung und Erbarmen angewiesen.

Wenn man ehrlich ist, dann findet man sich auch im Lebensentwurf des älteren Sohnes, der brav zu Hause geblieben all das Notwendige erfüllt, dabei aber seine Träume verrät und hart, wirklich hart wird. Auch hier kehrt das Leben Seelen- und Wesensanteile von uns hervor, die wir haben, die wir aber nicht gerne zugeben wollen.

Und da ist der alte Vater der beiden Söhne, der nicht nur von Liebe und Barmherzigkeit durchzogen ist, sondern den auch große Weisheit kennzeichnet. Und Sehnsucht! Er hält immer wieder Ausschau nach seinem „verlorenen Sohn“, um ihn dann endlich in seine Arme schließen zu können. Dabei leidet er unter der seelischen Kälte und Härte seines „braven Sohnes“ und versucht, diesen mit seiner Liebe zu erwärmen.

Beide Söhne sind in unserem Inneren, beide wollen und müssen wahrgenommen werden. Beide wollen vom Vater umarmt und liebkost werden. Und der barmherzige und mütterliche Vater ist die Seelenqualität, auf die wir uns hinentwickeln dürfen.

Gleichzeitig ist diese Figur ein Sinnbild für Gott, den Gott, von dem Jesus immer wieder erzählt.

Unser äußeres und auch unser inneres Leben ist von Herausforderungen, Kämpfen, Gefährdungen, aber auch von Sehnsucht und anfanghaftem Finden gekennzeichnet. In der heimatlosen Suche nach Heimat leben und erleben wir psychologische und geistliche Kindschaft mit Licht- und Schattenseiten, gleichzeitig aber auch ganzheitliche Vater- und Mutterschaft für uns selbst und die uns Anvertrauten.

Henri Nouwen lässt uns mit folgenden Worten an seinen tieferen Erkenntnissen über Rembrandts Bild bereichernd teilhaben:

 „Bald, nachdem Rembrandt den Vater und dessen segnende Hände gemalt hatte, starb er. Neben dem linken Fuß des Sohnes steht die Signatur: RF, das heißt Rembrandt fecit – Rembrandt hat es gemalt. Rembrandts Hände haben unzählige Menschengesichter und Menschenhände gemalt. Hier, in einem seiner letzten Bilder, hat er das Gesicht und die Hände Gottes gemalt. Wer hat für dieses lebensgroße Bild Gottes Modell gestanden? Rembrandt selbst? Der Vater des Verlorenen Sohnes ist ein Selbstbildnis, aber nicht im herkömmlichen Sinn. Rembrandt eigenes Gesicht kommt in verschiedenen seiner Bilder vor. Es erscheint als der Verlorene Sohn im Bordell, als angsterfüllter Jünger auf dem See, als einer der Männer, die den Leichnam Jesu vom Kreuz abnehmen. Was hier aber zutage tritt, ist nicht Rembrandts Gesicht, sondern seine Seele, die Seele eines Vaters, der so viele Tode erlitten hat.“ (Henri J.M. Nouwen: Nimm sein Bild in dein Herz, Freiburg i. Brsg., 12. Auflage, 2002, 117)

Rembrandts Bild von der Rückkehr des verlorenen Sohnes und Jesu Gleichnis im 15. Kapitel des Lukasevangeliums gehören zu den Geschenken, die mich selbst seit Jahrzehnten in den Irrungen und Wirrungen aber auch in den Glücksmomenten und den Erfülltheiten meines Lebens begleiten.

Ähnlich wie Hermann Hesses Romane „Narziss und Goldmund“ oder „Siddhartha“, die ich in verschiedenen Lebensabschnitten schon mehrmals gelesen habe, helfen sie mir, mich, meine Fragen, mein Suchen und Finden, mein ganzes Leben als eine Entwicklung anzusehen, anzunehmen und vertrauensvoll und voller Zuversicht in Gottes liebende Umarmung hineinzugeben. Rembrandts Bild ist mein eigenes Seelenbild, mein eigenes Glaubensbild geworden. So kann ich im Auf und Ab, im Hin und Her des Lebens Ruhe und Frieden finden, eine Ruhe und ein Friede, auf die ich überhaupt hoffe. Amen.

Rembrandt artist QS:P170,Q5598, Rembrandt Harmensz. van Rijn – The Return of the Prodigal Son, cropped, CC0 1.0

Ein Lied der Vergebung: