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In seiner Auslegung zum Sonntagsevangelium (Mt 18,21-35) geht unser geistlicher Begleiter Pfarrer Christoph Kreitmeir auf den Wert der Vergebung ein. Dabei erklärt er, dass jemandem zu vergeben und zu verzeihen, nicht bedeutet, mit ihm Freund zu werden oder denjenigen wieder in unserem Leben willkommen heißen zu müssen. Es bedeutet auch nicht, dass wir denjenigen mögen müssen, und erst recht nicht, dass wir das, was passiert ist, gutheißen sollen. Vergebung hat weniger mit dem anderen Menschen zu tun, denn Vergebung ist ein Geschenk an uns selbst. Es ist ein Akt der Selbstbefreiung und der Selbstheilung.

Hier die Worte seiner Predigt als Audio-Datei und anschließend im Textformat:

 

Die Anfangsfrage von Petrus in unserem heutigen Evangelium „Herr, wie oft muss ich meinem Bruder vergeben, wenn er gegen mich sündigt? Bis zu siebenmal?“ ist auf den ersten Blick gut nachzuvollziehen und man sieht ja auch das Bemühen – bis zu siebenmal? – , ABER, mit Verlaub, die ganze Laufrichtung der Frage ist schon falsch. Das kleine Wörtchen „muss“ – wie oft muss ich? – zeigt dies an. Wenn ich etwas tun muss, sogar, wenn ich bis zu siebenmal – voll heroisch!!! – mich bemühe, dann schwingt da innerer oder äußerer Zwang mit.

Vergeben muss aus einer tieferen Erkenntnis und aus einem bereiten Herzen heraus geschehen.

Kein Mensch ist perfekt, auch wenn sehr viele Menschen immer bemüht sind, stets das Richtige zu tun. Wer, wenn nicht Gott weiß das am Besten! Zu unserem Glück, denn Gott ist kein Nachtragender, sondern ein Vergebender, wie Jesu Antwort – siebzigmal siebenmal – ja zeigt.

Melanie Wolfers, Theologin und Ordensfrau, die ein wirklich interessantes Buch mit dem Titel „Die Kraft des Vergebens. Wie wir Kränkungen überwinden und neu lebendig werden“ geschrieben hatsagt: Vergeben kommt nicht mit dem moralischen Zeigefinger daher: Du musst vergeben!

Niemand muss vergeben. Das ist immer die eigene Entscheidung. Aber es liegt ein ganz großes Versprechen darin, wenn du diese Last der erlittenen Vergangenheit nicht auf Dauer mit dir herumschleppen musst.

Du wirst wieder lebendiger und beziehungsreicher, wenn diese Geschichte, die dich so verwundet hat, wenn diese Wunde heilen kann und nicht auf Dauer blutet.

In einer Sendung der Reihe „Stationen“ im Bayerischen Fernsehen spricht sie z.B. von vier notwendigen Schritten:

  • Sich der Verletzungs- und Verdrängungsgeschichte bewusst werden, sie nicht unter den Teppich kehren.
  • Den Tunnelblick – ich bin das Opfer, der andere ist der Böse – verlassen und einen realistischen Blick auf die Situationen der Verletzungen und Kränkungen gewinnen. Mich von negativen Gefühlen distanzieren und dabei eine neue Perspektive einnehmen.
  • Eine Entscheidung treffen: Will ich weiter nachtragen und/oder selbstmitleidig meine Wunden immer wieder lecken oder aufkratzen oder will ich wirklich vergeben?
  • Und aus tieferen Quellen schöpfen, die mir helfen, meine eigenen schwachen Fähigkeiten zum Vergeben zu weiten und zu bereichern: Glaube, Spiritualität, Philosophie, positive Vorbilder, Therapie durch Von-der-Seele-reden, schreiben, malen oder musizieren, psychotherapeutische Hilfen zur Selbsthilfe.

Jemandem zu vergeben und zu verzeihen, bedeutet nicht, mit ihm Freund werden oder denjenigen wieder in unserem Leben willkommen heißen zu müssen. Es bedeutet auch nicht, dass wir denjenigen mögen müssen, und erst recht nicht, dass wir das, was passiert ist, gutheißen sollen.

Vergebung hat weniger mit dem anderen Menschen zu tun, denn Vergebung ist ein Geschenk an uns selbst. Es ist ein Akt der Selbstbefreiung und der Selbstheilung.

Der Arzt, Psychologe und Bestsellerautor Gerald G. Jampolsky ging selbst durch leidvolle Erfahrungen und fand vor allem durch die Kraft des Verzeihens zu Glück, Angstfreiheit, Liebe und ganzheitliche Gesundheit. In seinem sehr praktisch ausgerichteten Buch „Verzeihen ist die größte Heilung“ sagt er: Menschen, die von ganzem Herzen verzeihen können, sind einfach gesünder und zufriedener als andere. Wenn an Stelle von Hass die Liebe, an Stelle von Angst die Zuversicht tritt, haben wir unseren Frieden mit uns und der Welt gemacht und ersetzen Krankheit durch Gesundheit und Unglücklichsein durch Glück.“

Aus der Fülle seiner Wege zur Befreiung durch Verzeihen möchte ich nur folgende nennen:

  • Beschließen Sie, dass Sie nicht länger unter dem Bumerang-Effekt Ihrer unversöhnlichen Gedanken leiden wollen.
  • Schreiben Sie einen Brief an die Menschen, denen Sie verzeihen möchten. Drücken Sie all Ihre Gefühle aus und zerreißen Sie anschließend den Brief.
  • Drücken Sie Ihre tiefsten Gedanken und Gefühle in schönen Worten aus, denn für viele Menschen hat das Schreiben von Gedichten während des Vergebungsprozesses eine heilsame Wirkung.
  • Seien Sie sich darüber im Klaren, dass Ihr einziges Ziel der innere Friede ist, nicht die Veränderung oder Bestrafung eines anderen Menschen.
  • Seien Sie willens, in dem Menschen, der Ihnen wehgetan hat, einen Ihrer besten Lehrer zu suchen, der Ihnen die Möglichkeit gibt, wahrhaft zu erkennen, was es überhaupt heißt, zu verzeihen.
  • Denken Sie daran, dass Sie auch sich selbst verzeihen, wenn Sie einem anderen Menschen verzeihen.
  • Erkennen Sie, welcher Wert darin liegt, anderen Menschen und sich selbst zu segnen und für sie zu beten, und fangen Sie damit an.
  • Denken Sie daran, dass Verzeihen nicht bedeutet, dem anderen Menschen Recht zu geben oder sein verletzendes Verhalten gutzuheißen.
  • Genießen Sie das Glück und den Frieden, die aus dem Verzeihen entstehen.

Bleibe nicht mehr Knecht deiner Verletzungen und den damit verbundenen Gefühlen, sondern werde zum Herrn deiner Empfindungen, deiner Gedanken, deiner Geschichte, deines Schicksals.

Merken Sie, wie recht Jesus mit seinem Gleichnis vom unversöhnlichen Knecht hatte, der für sich alles forderte, aber anderen nichts nachließ? Er wurde hart vom Herrn, will sagen, vom Leben bestraft.

Merken Sie, wie recht Jesus mit seiner Aussage hatte, siebzigmal siebenmal zu verzeihen, um Frieden mit anderen, mit seinem Schicksal, mit sich selbst und mit Gott zu finden?

Es ist wirklich ein Segen, dass GOTT uns Jesus als unseren Erlöser geschickt hat.

Amen.

 

Mehr spirituelle Impulse von Pfarrer Kreitmeir gibt’s unter www.christoph-kreitmeir.de

 

Hier ein schöner Song vom christlichen Liedermacher Jürgen Werth zum Predigt-Thema von Pfarrer Kreitmeir: