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In seiner Auslegung zum heutigen Sonntagsevangelium zum Fest der Taufe des Herrn (Markus 1,7-11) beschreibt unser geistlicher Begleiter Pfarrer Christoph Kreitmeir, was es bedeutet durch die Taufe mit Jesus Christus in die Tiefe zu gehen und was es bedeuten kann, als Christ in dieser Welt zu leben, aber von seinem Sein und seiner Heimat her nicht von der Welt zu sein. Dabei nimmt Pfarrer Kreitmeir auch Bezug zur die Predigt von Bischof Stefan Oster zum Fest der Heiligen Familie.

 

Hier die Worte seiner Predigt als Audio-Datei und anschließend im Textformat:

 

 

Wir haben heute am Fest der Taufe des Herrn davon gehört, dass Jesus sich in die Gruppe der Menschen einreihte, die sich von Johannes dem Täufer im Jordan taufen ließen. Nach seiner Taufe begann Jesu öffentliches Auftreten und Wirken. Er heilte, tröstete, vergab Sünden … Später sagte er dann zu seinen Jüngern und Nachfolgern, dass sie hinaus in alle Welt gehen und das Evangelium verkünden sollen und wer sich taufen lässt, der wird gerettet werden (vgl. Mk 16, 15-18).

Heute dürfen und sollen wir an unsere eigene Taufe denken:

Da gibt es jemand, der nicht wollte, dass der Himmel für uns verschlossen bleibt, der nicht wollte, dass Gott ein stummer Götze sei, der nicht wollte, dass die großen Worte nur Worte bleiben, und der nicht wollte, dass Gott für uns kein Gesicht hat.

In unserer Taufe wurden wir zu Kindern Gottes, der Heilige Geist kam auf uns herab, Gott öffnete den Himmel für uns, auch wenn wir den Weg dorthin im Laufe der Zeit noch erst finden und gehen müssen. Das hört sich sehr fromm und sehr ideal an, aber was uns Christen wirklich ausmachen sollte, ist, dass wir dazu berufen sind, nicht an der Oberfläche, nicht oberflächlich zu leben, sondern immer wieder in die Tiefe zu gehen.

Das Wort „Taufen“ kommt nämlich von „tief eintauchen“, in die Tiefe gehen. Das ist der Weg Jesu. Unsere Taufe verbindet uns mit ihm.

So heißt, aus der Taufe zu leben, mit Jesus auch immer wieder in die Tiefe zu gehen. Durch die Taufe sind wir mit der Hilfe Gottes ein anderer Mensch geworden.

Und jetzt kommt für mich die entscheidende Frage: Sind wir durch die Taufe wirklich ein anderer Mensch geworden? Viele Zweifel und Fragen kommen da sofort in mir hoch, wenn ich das Weltgeschehen in Vergangenheit und Gegenwart betrachte. Wie viele getaufte Christen waren so gar nicht anders als ihre ungetauften Mitmenschen? Wie viele getaufte Christen haben bewusst und gezielt schlimme bis schlimmste Verbrechen an der Menschlichkeit begangen?

Macht die Taufe Menschen anders?

Die christliche Gnadenlehre sagt dies. Der getaufte Christ darf im Laufe der Zeit seines Lebens in die Taufgnade des „Andersseins“ hineinwachsen, sich bewusst und immer wieder neu mit Versuch und Irrtum in die Taufe hineinleben.

Die Taufe schenkt die Potentialität, also die Möglichkeit zum Anderswerden, zum Andersseinkönnen und zum Aushalten bleibender Fremdheit.

Denn ein Christ ist zwar in der Welt lebend, aber von seinem Sein und seiner Heimat her nicht von der Welt (vgl. Joh 17, 14.16).

Dass dies innerer und äußerer Stärke bedarf zeigt z.B. eine Predigt von Bischof Stefan Oster am Fest der Hl. Familie 2020, mit der er massiv aneckte, böseste Rückmeldungen und Drohungen wie diese bekam: „“LGBTIQ (Steht für Lesbisch Schwul BTrans*  Inter* Queer bzw. im Englischen entsprechend für Lesbian Gay Bisexual  Trans Intersex Queer) zu diffamieren ist nicht Teil der Religionsfreiheit, auch wenn das in Ihrer scheiß Bibel steht, wir werden das nicht mehr zulassen und euch Dreckskatholiken dafür zur Verantwortung ziehen!“ Der Wiener Bibelwissenschaftler Ludger Schwienhorst-Schönberger lobte dagegen die Predigt Osters: „Mir ist keine Predigt und kein Text vonseiten der Katholischen Theologie und Kirche bekannt, die so präzise die Lehre der Katholischen Kirche in dieser Sache im Kontext der kritischen Anfragen unserer Zeit darlegt und zugleich einige offene Fragen anspricht.“

Nach tagelangen Pro, Contras und Attacken im Internet gegen Bischof Oster äußerte er dann dies: „Es gibt ja bei den Kommentaren alles, von größter Zustimmung bis hin zu massiver Ausfälligkeit gegen mich. Ich freue mich, wenn ich mit einigen Menschen in ein vernünftiges und respektvolles Gespräch komme. Mit anderen, wie ich in vielen Kommentaren auf Social Media zu spüren bekomme, ist es im Grunde nicht möglich, sachlich zu argumentieren. Und das besorgt mich.“

Mich besorgt das auch! Zunehmend!

Wir leben nicht nur als Christen in einer Zeit, wo es immer schwieriger wird, mit Argumenten seinen Glauben vertreten zu dürfen. Sofort wird man als ewiggestrig, rückständig und überholt beschimpft und noch mehr.

Auch demokratische Grundwerte, die Gebäude wie der Berliner Reichstag oder das amerikanische Capitol in Washington verkörpern, werden durch Querdenker und andere Zeitgenossen, die andere Meinungen nicht mehr gelten lassen wollen, erstürmt und Umsturz und Chaos gezielt gewollt.

Christen müssen durch die Kraft zum Anderssein solchen Tendenzen mutig und unerschrocken widerstehen und aus der Komfortzone, in der sie es sich kuschelig und warm eingerichtet haben, heraustreten. Dabei dürfen sie in die Geschichte und Kirchengeschichte schauen. Die Christen der ersten drei Jahrhunderte nach Christi Geburt waren in großer Zahl Blutzeugen und Märtyrer für ihren Glauben und die Christen während der Nazi- und der Kommunismuszeit waren mutige Zeugen in Gefängnissen und anderen Unterdrückungseinrichtungen. Stellvertretend für all diese möchte ich den mutigen Christen und Bekenner Dietrich Bonhoeffer mit seinem Glaubensbekenntnis aus seinem Buch „Widerstand und Ergebung“ erwähnen:

Ich glaube,
dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten,

Gutes entstehen lassen kann und will.
Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten
dienen lassen.
Ich glaube,
dass Gott uns in jeder Notlage soviel Widerstandkraft geben will,

wie wir brauchen.
Aber er gibt sie nicht im voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst,

sondern allein auf ihn verlassen.
In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft
überwunden sein.
Ich glaube,
dass auch unsere Fehler und Irrtümer nicht vergeblich sind,
und dass es Gott nicht schwerer ist mit ihnen fertig zu werden,
als mit unseren vermeintlichen Guttaten.
Ich glaube,
dass Gott kein zeitloses Fatum (Schicksal) ist,

sondern dass er auf aufrichtige Gebete
und verantwortliche Taten wartet und antwortet.

(in: Widerstand und Ergebung, DBW Band 8, Seite 30 f.)

 

Dass Dietrich Bonhoeffer dies selbst nicht leicht gefallen ist, zeigt sein berühmtes Gebet in Bedrängnis, das ich uns, die wir die Taufgnade Gottes ernst nehmen wollen, in Erinnerung rufen möchte:

Gott, zu dir rufe ich. Sammle meine Gedanken,

hilf mir zu beten; ich kann es nicht allein.

In mir ist es finster, aber bei dir ist das Licht;

ich bin einsam, aber du verlässt mich nicht;

ich bin kleinmütig, aber bei dir ist die Hilfe;

ich bin unruhig, aber bei dir ist Friede;

in mir ist Bitterkeit, aber bei dir ist die Geduld;

ich verstehe deine Wege nicht,

aber du weißt den rechten Weg für mich.

Vater im Himmel,
Lob und Dank sei dir für die Ruhe der Nacht
Lob und Dank sei dir für den neuen Tag
Lob und Dank sei dir für alle deine Güte und Treue
in meinem vergangenen Leben.
Du hast mir viel Gutes erwiesen,
lass mich nun auch das Schwere aus deiner Hand hinnehmen.
Du wirst mir nicht mehr auferlegen, als ich tragen kann.
Du lässt deinen Kindern alle Dinge zum Besten dienen.

(in: Widerstand und Ergebung, DBW Band 8, Seite 204 f.)

 

Anbei Links zu den Ereignissen rund um Bischof Stefan Oster, auf die Pfarrer Kreitmeir in seiner Predigt Bezug nimmt:

Predigt von Bischof Oster zum Fest der Heiligen Familie

Artikel „Wie eine Predigt Bischof Osters über die Familie zum Streitthema wurde“

Stellungnahme von Bischof Stefan Oster