Der Philosoph Prof. Peter Sloterdijk stellte sich aktuell den Interview-Fragen der BILD-Zeitung, die mit dem Anspruch „Bitte erklären Sie uns die Zeit, in der wir leben!“ an den renommierten Philosophen herantrat. Dabei nahm der 73-Jährige, der als einer der wichtigsten Denker Deutschlands gilt und mit seinen Beiträgen und Büchern in Deutschland zahlreiche Debatten ausgelöst hat, Bezug zur Relevanz des Betens. Im August 2017 erklärte Sloterdijk im Deutschlandfunk, dass der Glaube für ihn persönlich wichtig ist.

Zum digitalen Exhibitionismus, dass mittlerweile über 20 Millionen Deutsche ihren Alltag auf Instagram teilen, erklärte Peter Sloterdijk:

„Seit die Menschen das Beten verlernt haben, suchen sie nach Alternativen.“

Das Beten beschreibt Sloterdijk dabei als eine Methode, „sich beim Jenseits vorzustellen“. Während sich die Menschen im Gebet „mit einem inneren Anliegen“ dorthin wenden, hätten die modernen Kommunikationsmittel „eine Technik geschaffen, wie man Gebete in Bitten um Aufmerksamkeit umwandelt“. Dazu erklärte der 73-Jährige:

„Man spricht der Öffentlichkeit und dem Freundeskreis eine Rolle zu, die man früher dem Himmel und den Heiligen abverlangt hat.“

Und weiter:

„Instagram verkörpert das Flehen um Bedeutsamkeit mit zeitgenössischen Mitteln. Robert Gernhardt hat das neue Beten wohl am besten erfasst: ‚Lieber Gott, nimm es hin,/dass ich was Besondres bin …’“

Diese „Hoffnung auf Bedeutsamkeit und Wahrnehmung“ umtreibe heute so viele Menschen wie nie zuvor, so dass wir heute „eine echte Demokratisierung von Prominenz“ erleben, so Sloterdijk.

 

In seiner Aufsatzsammlung mit dem Titel „Nach Gott“ bündelte Peter Sloterdijk Schriften zur Religion. In diesem Zusammenhang sprach er Ende August 2017 gegenüber ‚Deutschlandfunk Kultur‘ über Glaube, Gott und dessen Anwesenheit auch in seiner Abwesenheit – insbesondere im Zeitalter sozialer Medien und laizistischer Staaten.

Dabei bekannte der renommierte Philosoph selbst „unbedingt“ ein gläubiger Mensch zu sein, insbesondere weil Glauben und Leben synonyme Funktionen seien.

Auch wenn es heute viele Atheisten gäbe, sei Gott nach wie vor ein „Schlüsselterminus für ein psychosemantisches Immunsystem“, ein „Bezugspunkt für innere und äußere Handlungen in einer entsicherten Welt“.

Den berühmten Satz „Gott ist tot“ liest Sloterdijk anders und neu.

In der Abwesenheit sei Gott immer noch präsent. Totsein sei eher eine Metapher für den Bedeutungsverlust Gottes.

Auch damals betonte Sloterdijk, dass er in der sich in den sozialen Medien offenbarenden Mitteilungsmanie ein deutliches Symptom erkenne, dass der Mensch von heute nach wie vor eine Sehnsucht nach göttlicher Beobachtung verspürt. Nur sei an die Stelle der vertikalen Beobachtung durch Gott nun die horizontale Beobachtung durch andere getreten, deren Blick man sich selbst ausliefere. Dazu stellte er fest:

„Die ganze moderne Gesellschaft, vor allem durch die modernen Telekommunikationstechnologien, ist ein riesiger Seitenbeobachtungszusammenhang geworden.“

Tastsächlich sei der Mensch von einer „umgekehrten Panik“ erfasst: Während der vormoderne Mensch noch die göttliche Beobachtung fürchtete, hat der moderne Mensch Angst davor, nicht gesehen zu werden. Er sei ständig auf der Suche „nach Kontaktaufnahme mit der Art von Beobachtung, vor der das eigene Dasein aufblüht.“

Überdies brachte Peter Sloterdijk zum Ausdruck, dass er eine strikte Trennung von Staat und Religion wie im laizistischen Frankreich ablehnt, was er wie folgt weiter begründete:

„Man kann in diesen Angelegenheiten von den Franzosen nichts lernen, weil ihre Form des Laizismus zu einem Analphabetismus in Religionsfragen geführt hat.“

Die Verhältnisse in Deutschland seien klar produktiver, so der renommierte Philosoph.

Quellen: bild.de, wikipedia.org, deutschlandfunkkultur.de