Symbolbild – Image by Gerd Altmann from Pixabay

 

Pater Dr. Peter Uzor: „Gottes Gnade kommt immer zuerst“

 

Seine Predigt zum 15. Sonntag im Jahreskreis (1. Lesung: Jes 55, 10-11; 2. Lesung: Röm 8,18-23; Evangelium: Mt 13, 1-9) stellt unser geistlicher Begleiter Pater Dr. Peter Uzor unter die Überschrift „Gottes Gnade und unsere Mitarbeit“. Darin beschreibt Pater Peter, wie Gottes Geschenk und menschliche Mitarbeit zusammenwirken.

 

Anbei die Worte seiner Predigt:

 

Liebe Schwestern und Brüder,

haben Sie schon einmal einen Garten oder ein Feld nach einer langen Trockenzeit erlebt? Tagelang scheint die Sonne, der Boden wird hart, die Pflanzen lassen die Blätter hängen. Dann kommt endlich der Regen. Zuerst ganz sanft, dann kräftiger. Fast über Nacht verändert sich alles. Das Land atmet auf. Neues Leben beginnt.

Kein Mensch kann diesen Regen machen. Wir können pflügen, säen und arbeiten. Aber das Wasser, das Leben schenkt, bleibt Geschenk.

Genau dieses Bild stellt uns heute der Prophet Jesaja vor Augen. Gottes Wort ist wie der Regen und der Schnee, die vom Himmel herabkommen. Sie kehren nicht unverrichteter Dinge zurück. Sie tränken die Erde, machen sie fruchtbar und schenken Brot für den Menschen.

Damit sagt Jesaja etwas Grundlegendes über Gott: Alles beginnt mit ihm. Nicht wir suchen Gott zuerst – Gott sucht uns. Nicht wir erfinden den Glauben – Gott spricht uns an. Nicht wir verdienen seine Liebe – sie wird uns geschenkt.

Das ist die erste große Wahrheit des heutigen Sonntags: Gottes Gnade kommt immer zuerst.

Doch damit ist die Geschichte noch nicht zu Ende. Denn derselbe Regen fällt auf ganz unterschiedliche Böden. Ein fruchtbarer Boden bringt eine reiche Ernte hervor. Ein harter oder steiniger Boden dagegen nimmt das Wasser kaum auf. Genau diesen Gedanken greift Jesus im Evangelium auf.

Er erzählt vom Sämann, der seine Saat großzügig ausstreut. Eigentlich ist das erstaunlich. Ein vorsichtiger Bauer würde den Samen nur auf den besten Boden werfen. Jesus aber beschreibt einen Sämann, der fast verschwenderisch sät – auf den Weg, auf felsigen Boden, zwischen Dornen und auf gutes Erdreich.

So ist Gott, sagt Jesus. Er rechnet nicht kleinlich. Er schenkt seine Liebe nicht nur den Vollkommenen. Seine Gnade gilt den Heiligen ebenso wie den Suchenden, den Zweifelnden und sogar denen, die sich weit von ihm entfernt haben. Jeder Mensch erhält dieselbe Einladung.

Das Problem liegt niemals im Samen. Jeder Same trägt Leben in sich. Die entscheidende Frage lautet vielmehr: Auf welchen Boden fällt er? Und damit wird das Evangelium plötzlich ganz persönlich.

Nicht: Was für ein Mensch ist mein Nachbar? Nicht: Welcher Boden ist die Welt? Sondern: Welcher Boden bin ich?

Vielleicht gibt es in unserem Herzen Bereiche, die mit der Zeit hart geworden sind. Manche Enttäuschung, manche Verletzung oder auch unser Stolz können dazu führen, dass Gottes Wort gar nicht mehr eindringen kann. Vielleicht kennen wir auch den felsigen Boden.

Wir sind begeistert, wenn alles gut läuft. Wir nehmen uns vieles vor. Doch sobald Schwierigkeiten kommen, verlieren wir den Mut.

Oder wir entdecken die Dornen. Nicht unbedingt große Sünden. Oft sind es die vielen kleinen Dinge, die unser Herz ausfüllen: Sorgen, ständiger Zeitdruck, der Wunsch nach Erfolg, das ewige Funktionieren, die unzähligen Ablenkungen unseres Alltags. Das Wort Gottes wird nicht ausgerissen. Es wird langsam überwuchert. Und irgendwann wächst kaum noch etwas.

Jesus verurteilt uns deshalb nicht. Er lädt uns ein, unser Herz immer wieder bearbeiten zu lassen. Denn gutes Erdreich entsteht nicht von selbst. Ein Bauer weiß das. Er lockert den Boden. Er entfernt Steine. Er jätet das Unkraut. Er braucht Geduld.

Auch Gott arbeitet geduldig an unserem Herzen.

Manchmal geschieht das durch schöne Erfahrungen. Manchmal aber auch durch Krisen, die uns wieder offen machen für ihn.

Liebe Schwestern und Brüder,

Paulus erweitert heute unseren Blick noch einmal. Er sagt, dass die ganze Schöpfung seufzt und auf Erlösung wartet. Das klingt zunächst gewaltig. Doch Paulus macht damit deutlich:

Unser Glaube betrifft niemals nur uns allein. Wenn ein Mensch Gottes Liebe annimmt, verändert sich nicht nur sein eigenes Leben. Er verändert seine Familie. Er verändert seinen Arbeitsplatz. Er verändert seine Nachbarschaft. Er verändert ein Stück dieser Welt.

Jede Entscheidung für das Gute macht die Welt heller. Jedes Wort der Versöhnung heilt etwas. Jede Tat der Liebe lässt Gottes neue Schöpfung schon jetzt sichtbar werden. Vielleicht denken wir manchmal: Was kann ich schon bewirken? Die Antwort Jesu lautet: Mehr, als du glaubst.

Denn Gott erwartet keine spektakulären Leistungen. Er sucht ein offenes Herz. Ein kleines Samenkorn wirkt unscheinbar. Aber in ihm steckt ein ganzer Baum. So wirkt Gottes Gnade. Unauffällig. Still. Geduldig. Und doch mit ungeheurer Kraft.

Es gibt noch eine weitere Verbindung zwischen den heutigen Lesungen und jeder Eucharistiefeier. Gleich am Altar wird der Priester beten: „Gepriesen bist du, Herr, unser Gott, Schöpfer der Welt. Du schenkst uns das Brot, die Frucht der Erde und der menschlichen Arbeit.“

Diese Worte hören wir oft. Vielleicht zu oft. Denn sie enthalten ein tiefes Geheimnis. Das Brot ist Frucht der Erde. Es wächst, weil Gott Sonne, Regen und Leben schenkt. Aber es ist zugleich Frucht menschlicher Arbeit. Jemand hat den Acker bestellt. Jemand hat gesät. Jemand hat geerntet, gemahlen und gebacken. Dasselbe gilt für den Wein.

Immer wirken zwei zusammen: Gottes Geschenk und menschliche Mitarbeit. Genau das ist das Bild unseres ganzen christlichen Lebens.

Gott schenkt die Gnade. Wir schenken unsere Bereitschaft. Gott schenkt das Leben. Wir antworten mit Vertrauen. Gott wirkt das Wunder.

Wir öffnen ihm die Tür. Ein großer Kirchenvater, der heilige Augustinus, hat diesen Gedanken einmal in einem einzigen Satz zusammengefasst: „Gott, der dich ohne dich erschaffen hat, will dich nicht ohne dich retten.“

Gott nimmt unsere Freiheit ernst. Er zwingt niemanden. Liebe kann man nicht erzwingen. Sie wartet auf eine Antwort.

Darum bringen wir heute nicht nur Brot und Wein zum Altar. Wir bringen auch unser eigenes Leben. Unsere Arbeit. Unsere Mühe. Unsere Freude. Unsere Sorgen. Unsere Enttäuschungen. Unsere Hoffnungen. Vielleicht auch das, was in unserem Herzen noch steinig oder dornig ist. Wir legen alles in Gottes Hände. Und dann geschieht das Wunder.

Nicht wir verwandeln uns selbst. Gott verwandelt, was wir ihm anvertrauen.

Das ist die eigentliche Hoffnung unseres Glaubens. Wir müssen das Wunder nicht selbst hervorbringen. Aber wir dürfen zulassen, dass Gott es in uns wirkt.

Bitten wir deshalb heute den Herrn um ein hörendes Herz. Ein Herz, das sich von seinem Wort berühren lässt. Ein Herz, das Geduld hat. Ein Herz, das sich nicht von den Sorgen dieser Welt überwuchern lässt. Dann wird Gottes Wort in uns Wurzeln schlagen.

Dann wird unser Leben Frucht bringen – vielleicht dreißigfach, vielleicht sechzigfach, vielleicht hundertfach. Und wissen Sie: Für Gott ist nicht entscheidend, wie groß die Ernte aussieht. Entscheidend ist, dass überhaupt Frucht wächst. Dass seine Liebe in unserem Leben sichtbar wird. Dass Menschen durch uns etwas von seiner Güte erfahren.

Möge der Herr uns in dieser Eucharistie neu mit seiner Gnade beschenken. Und mögen wir den Mut haben, mit dieser Gnade Tag für Tag zusammenzuarbeiten. Dann wird aus unserem Leben, still und oft unbemerkt, eine Ernte wachsen, die bleibt. Amen.

Anbei der Song „Amazing Grace“ interpretiert von Star-Tenor Andrea Bocelli:

HIER