Pater Christoph Kreitmeir: „Wir brauchen diesen Geist, der uns hilft herauszufinden, worum wir beten und was wir tun sollen“

 

In seiner Predigt zum 16. Sonntag im Jahreskreis (Lesung: Weish. 12, 13.16-19; Evangelium: Matth. 13, 24-43) erklärt unser geistlicher Begleiter Pater Christoph Kreitmeir, was die Weisheit Gottes und die Botschaft Jesu im Umgang mit Bösem lehren.

 

Anbei die Worte der Predigt von Pater Kreitmeir als Audio-Datei und anschließend im Textformat:

 

 

Also, das ist schon ein starkes Stück! Da kommt in der Nacht ein Feind, streut Unkraut in eine frisch ausgesäte Saat und dann soll man zusehen, wie es wächst, soll sich nicht empören oder den Typen herausfinden und zur Rechenschaft ziehen. Diese ersten Worte des heutigen Evangeliums regen mich auf.

Wir Menschen sehnen uns immer wieder nach „kurzem Prozess“ und wollen das Böse mit Stumpf und Stil ausrotten. Jesus schlägt im Gleichnis einen anderen Weg vor, denn er nimmt eine Erfahrung der Bauern auf und macht daraus ein Gleichnis über das Reich Gottes.

Es gibt nämlich ein Kraut – Taumellolch heißt es – , das dem Weizen sehr ähnelt, aber giftig ist. Und dieses Unkraut hat ein Feind in die gute Saat gesät. Jesus will mit seinem Gleichnis ein grundsätzliches Problem des Menschen ansprechen: Wie gehen wir mit dem Bösen um? In der Welt, in unserer Umgebung, mit anderen, in uns selbst?

Sehr oft wollen wir es nicht sehen, wir verdrängen es, lassen andere machen oder sagen: Es ist nicht so schlimm. Wenn wir aber merken, dass es uns schadet, dann kommt der Punkt, wo wir gegen es vorgehen wollen. Nur: Das ist wirklich nicht einfach!

Das Böse ist wie das Gute im gleichen Boden verwurzelt. Wenn wir es voreilig ausreißen wollen, vernichten wir damit auch das Gute. Manchmal ist es sinnvoll, bis zur Ernte zu warten – so empfiehlt es heute Jesus – , um dann Unkraut vom Weizen zu trennen. Manchmal ist es aber auch sinnvoll, einen „Schnitt“ zu machen. Um dabei dann das Richtige zu tun, benötigen wir die Gabe der Unterscheidung der Geister.

Wir brauchen diesen Geist, der uns hilft herauszufinden, worum wir beten und was wir tun sollen.

Diesen Geist finden wir in der Lesung aus dem Buch der Weisheit. Immer wieder quält Menschen die Frage: Warum hat Gott dies und das zugelassen? Warum hat er nicht eingegriffen?

Abwarten, Geschehenlassen kann ein Zeichen von Schwäche sein, es kann aber auch ein Zeichen von Stärke und Weisheit sein. Schwäche ist es, wenn ich mich schnell, zu schnell – und das ist unsere Zeitkrankheit – , einschalte, weil ich vielleicht Angst habe, sonst meine Autorität zu verlieren. Stärke ist es, wenn ich nicht vorschnell urteile und verurteile, sondern Entwicklungen zulasse, damit mein Gegenüber selbst wachsen, sich wandeln, zu sich finden kann, aus einem Schwachen zu einem Starken werden kann. Das Buch der Weisheit meint: Bei Gott, dem Schöpfer, können wir diese Geduld und diese Milde aus Stärke lernen! UND: Es geht auch hier um die Möglichkeit der Umkehr: „ … und du hast deinen Söhnen und Töchtern die Hoffnung geschenkt, dass du den Sündern die Umkehr gewährst.“ (Weish 12, 19)

Wie kommen wir zu einer Haltung der Gelassenheit gepaart mit einer echten Ernsthaftigkeit im Glauben? Wie kommen wir zu einer Haltung der abwartenden Stärke und der gütigen Geduld? Wie kommen wir zu einer reifen Persönlichkeit, die Gutes und Böses, die Licht und Schatten in sich vereinen kann?

Sicherlich nicht dadurch, wenn wir geradewegs Fehlerlosigkeit und Vollkommenheit ansteuern. Denn dies führt nicht zu weiser Reife, sondern oft genug zu Rigorismus, Heuchelei und Leistungsdenken. Die Weisheit Gottes und die Botschaft Jesu lehren uns da anderes: Das, was uns nicht gefällt, lernen zuzulassen, es bis zur „Ernte“ nicht auszureißen, es als berechtigten Anteil in mir anzunehmen und zu integrieren.

Der berühmte Schweizer analytische Psychologe Carl Gustav Jung sprach von einem Individuationsprozess bei der Entwicklung zu einer reifen Persönlichkeit. Jung sprach vom Schatten, den dunklen Seiten in uns, die wir gerne verdrängen, ablehnen oder auf andere projizieren. Im Laufe des Lebens geht es aber darum, unsere Schattenseiten wahr- und anzunehmen, sie zuzulassen. Dabei werden deren bisher nicht zugelassenen Kräfte zu Ressourcen einer ganzheitlichen Persönlichkeit.

Jesus verwendete in seiner Verkündigung Gleichnisse. Dabei sind Gleichnisse keine Märchen, sondern die Verwendung von aus dem Alltag Bekannten, um Unbekanntes, Verborgenes ans Licht zu bringen. „ … ohne Gleichnisse redete er nicht zu ihnen, damit sich erfülle, was durch den Propheten gesagt worden ist: Ich öffne meinen Mund in Gleichnissen, ich spreche aus, was seit der Schöpfung der Welt verborgen war.“ (Mt 13, 34-35) Amen.