
Pater Dr. Peter Uzor: „Bei Jesus ist niemand eine Nummer“
Seine Predigt zum 4. Sonntag der Osterzeit (Der Gute Hirte Sonntag – Joh 10,1-10) stellt unser geistlicher Begleiter Pater Dr. Peter Uzor unter die Überschrift „Jesus Christus, der Hirte und Bischof eurer Seelen“ (1 Petr 2,25). Darin beschreibt Pater Peter, was christliche Führung ausmacht.
Anbei die Worte seiner Predigt:
Es gibt Persönlichkeiten in der Geschichte, die uns beeindrucken, weil sie in schwierigen Situationen echte Führung gezeigt haben. Einer von ihnen war der Polarforscher Ernest Shackleton. Seine Expedition in die Antarktis scheiterte – sein Schiff wurde im Eis eingeschlossen und zerbrach. Und doch gilt er bis heute als großer Anführer. Warum?
Weil unter seiner Führung kein einziger seiner Männer ums Leben kam. Er kannte seine Leute. Er sorgte sich um jeden Einzelnen. Er blieb bei ihnen – auch im Scheitern. Und er war bereit, alles zu riskieren, um sie zu retten.
Wenn wir das hören, dann ahnen wir: Hier leuchtet etwas von dem auf, was Jesus im heutigen Evangelium sagt. „Ich bin der gute Hirt“ (Joh 10,11).
Jesus spricht nicht abstrakt über Leitung.
Er beschreibt sie ganz konkret: „Der gute Hirt gibt sein Leben hin für die Schafe“ (Joh 10,11). Das ist der entscheidende Unterschied.
Viele führen – aber nicht alle dienen dem Leben. Jesus macht es noch deutlicher: „Der Dieb kommt nur, um zu stehlen, zu schlachten und zu vernichten; ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben“ (Joh 10,10).
Wahre Führung zeigt sich also an ihren Früchten: Führt sie ins Leben – oder nimmt sie Leben?
Ein zweites Kennzeichen des Guten Hirten ist seine persönliche Nähe: „Er ruft die Seinen beim Namen“ (Joh 10,3). Das ist mehr als ein schönes Bild. Es bedeutet:
Bei Jesus ist niemand eine Nummer.
Er kennt unsere Geschichte. Unsere Sorgen. Unsere Stärken und Schwächen. Und gerade darin liegt seine Autorität: Nicht in Distanz, sondern in Beziehung.
Wie anders ist das oft in unserer Welt! Führung wird dort schnell anonym, funktional, manchmal sogar kalt. Doch Christus zeigt: Wahre Leitung beginnt mit dem Kennen – und mit dem Ernstnehmen des Einzelnen.
Jesus sagt weiter: „Die Schafe folgen ihm, denn sie kennen seine Stimme“ (Joh 10,4). Er zwingt nicht. Er drängt nicht. Er führt so, dass Vertrauen wachsen kann.
Das ist vielleicht eines der tiefsten Merkmale seiner Leitung: Er gewinnt Menschen von innen her. Hier sieht man, Erkennen kommt aus Beziehung.
Wir kennen die Stimme eines geliebten Menschen – nicht weil sie besonders laut ist, sondern weil wir sie oft gehört haben. Genauso ist es mit Christus. Wir lernen seine Stimme kennen: im Hören auf die Heilige Schrift, in der Feier der Liturgie, im stillen Gebet, und im Inneren unseres Gewissens.
Seine Stimme ist eine, die ruft – nicht zwingt. Eine, die führt – nicht treibt. Eine, die beim Namen kennt.
Der Antwortpsalm bringt dieses Vertrauen wunderbar zum Ausdruck: „Der Herr ist mein Hirte, nichts wird mir fehlen“ (Ps 23,1). Das ist kein blinder Gehorsam. Das ist gewachsenes Vertrauen. Ein Vertrauen, das auch im Dunkeln trägt: „Muss ich auch wandern in finsterer Schlucht, ich fürchte kein Unheil; denn du bist bei mir“ (Ps 23,4).
Die Lesung aus dem ersten Petrusbrief zeigt uns, warum wir diesem Hirten vertrauen können: „Christus hat für euch gelitten und euch ein Beispiel hinterlassen“ (1 Petr 2,21). Er verlangt nichts, was er nicht selbst gelebt hat. Er ist kein Anführer, der von außen Anweisungen gibt. Er ist der, der vorangeht – sogar durch Leid und Kreuz. Und deshalb nennt ihn der Apostel: „den Hirten und Hüter eurer Seelen“ (1 Petr 2,25).
Seine Führung ist glaubwürdig, weil sie durch Hingabe bestätigt ist.
Liebe Schwestern und Brüder,
das Evangelium stellt uns heute auch eine unbequeme Frage: Wem folgen wir? Und welche Art von Führung prägt unser Leben? Denn es gibt viele „Hirten“ – Ideologien, Versprechen, Trends, auch Menschen in Verantwortung. Nicht alle führen zum Leben.
Jesus sagt klar: Er ist die Tür: „Ich bin die Tür; wer durch mich hineingeht, wird gerettet werden“ (Joh 10,9). Das ist ein Anspruch – aber auch ein Angebot. Ein Angebot, sich einer Führung anzuvertrauen, die trägt, die schützt, die Leben schenkt.
Und noch etwas dürfen wir nicht übersehen: Dieses Evangelium richtet sich nicht nur an „die anderen“. Jeder von uns übernimmt Verantwortung – in der Familie, im Beruf, in der Gemeinschaft. Überall dort sind wir gerufen, etwas vom Guten Hirten sichtbar zu machen: durch Verlässlichkeit, durch Aufmerksamkeit, durch Mut zur Verantwortung, durch echte Sorge um andere. Nicht perfekt – aber ehrlich.
Am Ende geht es nicht nur darum, Christus zu bewundern. Es geht darum, ihm zu vertrauen. Dem einen Hirten, der uns kennt, der uns führt, der sein Leben für uns gegeben hat. Und der uns heute neu zuspricht: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben“ (Joh 10,10). Amen.
Anbei der Song „Wunderbarer Hirt“ von Anja Lehmann zu Psalm 23, der die Worte von Pater Peter nachklingen lässt:

