Zum gestrigen 60. Geburtstag der Theologin Margot Käßmann erschienen im Pressewald viele Artikel und Interviews mit der ehemaligen Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland. In einem Interview mit der Frankfurter Rundschau sprach Margot Käßmann, die Ende des Monats in den Ruhestand geht, auch über ihren persönlichen Glauben.

Auf die Frage, warum sie eigentlich an Gott glaube, antwortet sie, dass es dafür keine Begründung im Sinn einer Entscheidung gäbe, sondern:

„Mein Glaube ist entstanden – erst durch die Erziehung im Elternhaus, später dann durch eigenes Fragen und Nachdenken.“

Auf die Nachfrage, was da genau entstanden sei, sagt sie:

„Eine Lebenshaltung, die Jesus in dem Wort zusammenfasst, ‚du sollst Gott über alle Dinge lieben, und deinen Nächsten wie dich selbst‘.“

Und weiter:

„Das bedeutet für mich ein Verantwortungs- und Vertrauensdreieck: zu Gott, aus dessen Hand mein Leben kommt, aber ebenso zur Welt, in der ich lebe, zu den Mitmenschen und zu mir selbst.“

Im weiteren Verlauf des Gesprächs kristallisiert sich ein kritischer, aber interessiert fragender Interviewer heraus, der wissen, möchte, ob gläubige Menschen anderen etwas voraus haben, inwieweit ihr Glaube in Zeiten der Krebsdiagnose präsent war, wie das Glauben gehe, was es bringen sollte, täglich das ‚Vater unser‘ zu beten oder an welchen Orten man Gott auf die Spur kommen könnte.

Margot Käßmann formuliert sehr klar, dass der Glaube ‚Kind Gottes‘ zu sein eine Befreiung vom Druck gesellschaftlicher Normen sei. Weiter betont sie, dass gläubige Menschen gelassener mit der Endlichkeit des Lebens umgehen können, gerade in einer Gesellschaft, in der sie das Gefühl habe, dass alle vor dem Thema Tod und Sterben weglaufen würden. Diesem Thema musste sie sich im Lauf ihres Lebens insbesondere stellen, als sie eine Krebsdiagnose erhielt. Heute sagt sie, dass sie wenig Angst vor dem eigenen Sterben habe und weiter:

„Ich habe tatsächlich viele Menschen in großem Frieden sterben gesehen, die ihr Leben losgelassen und zurückgelegt haben in Gottes Hand.“

Auf die Frage, wie es denn nun gehe, an Gott zu glauben, antwortet sie mit Verweis auf Martin Luther: „Jeden Tag ein Vaterunser, und am Ende ein kräftiges ‚Amen‘ gegen deinen Zweifel.“ Das empfinde sie als einen sehr pragmatischen Rat.

Auf die kritische Anmerkung, was das bringen solle und dass das fast nach den Bußen, die Katholiken früher in der Beichte auferlegt bekamen wie Zehn Vater Unser und Zehn Ave Maria, bestärkt Margot Käßmann:

„Beten verändert etwas: Du siehst dein Leben nicht mehr nur aus der Warte der Egomanie, führst keinen ‚Ich, ich, ich‘-Monolog, sondern kommst in eine Gesprächsverbindung. Auf die Dauer entsteht eine Standleitung zu Gott.“

Wieder stellt dem Interviewer diese Antwort nicht zufrieden und er fragt mit „Aha. Und da antwortet auch jemand am anderen Ende der Leitung?“ weiter nach. Margot Käßmann erklärt dann darauf, dass es Situationen gäbe, in denen der Mensch seinem Herz folgt und verweist auf dem Bibelspruch „Folge dem, was dein Herz dir rät“ aus dem Buch Jesus Sirach im Alten Testament. Es gelte, mit dieser inneren Stimme zu rechnen, die einen klar werden lässt, was gut und richtig für einen selbst wie auch für die Welt sei. Weiter betont sie:

„Die meisten Menschen kennen diese innere Stimme, und ich glaube, es ist Gott, der da zu ihnen spricht.“

Manche würden diese Stimme vernehmen, dann aber in den Verdrängungsmodus übergehen, indem sie dann nicht so genau darauf hören.

Gott erfahren könne man zu, wenn man an einem idyllischen Platz zum Beispiel das Markus-Evangelium oder die Bergpredigt lese oder wenn man „in eine schöne, alte Kirche“ als einen „durchbeteten Ort“ gehe, „wo Menschen über Jahrhunderte hinweg ihr Leben Gott anvertraut haben“. Das nehme einen Menschen hinein „in eine lange, lange Tradition, die trägt“. Weiter könne man auch ein Kloster besuchen, das als ein Ort der Stille und des Rückzugs „unwahrscheinlich gut“ tue. Zusammenfassend sagt sie:

„Natur, Kirche, Kloster – da kommen Sie Gott ziemlich nah. Und natürlich begegnen wir Jesus Christus immer da, wo Hungrige gespeist, Kranke und Gefangene besucht, Fremde aufgenommen werden.“

So wie es im Matthäusevangelium stehe.

Das komplette Interview gibt’s auf der Homepage der Frankfurter Rundschau.

Gegenüber der Bild sagte sie, dass man in Sache Nächstenliebe Jesus auch nicht „weichspülen“ sollte. Dabei gibt sie zu, dass sie selbst auch nicht alle Menschen liebe und ergänzt:

„Die Nächstenliebe bleibt auch für mich eine tägliche Herausforderung.“

Aber es gebe Menschen wie Martin Luther King, die das durchgehalten haben. Auch wenn er kein perfekter Mensch gewesen sei, so sei er doch ein Vorbild. Dazu sagt sie weiter:

„Vorbildlich leben heißt nicht, keine Fehler zu machen.“

Man müsse aber mit Fehlern offen und verantwortlich umgehen.

Quellen: fr.de, bild.de und katholisch.de