Pater Kreitmeir: „Wie arm ist der Mensch, der nur an Sichtbares glaubt“
In seiner Predigt zu Allerheiligen und Allerseelen (Lesung: Offb 7,2-4.9-14; Evangelium: Mt 5,1-12) erklärt unser geistlicher Begleiter Pater Christoph Kreitmeir, warum er von einem Leben nach dem Tod überzeugt ist.
Anbei die Worte der Predigt von Pater Kreitmeir als Audio-Datei und anschließend im Textformat:
Als Seelsorger erlebe ich immer wieder etwas, was mich traurig stimmt: Christen glauben nicht mehr so recht an Gott, an den Himmel, an ein Leben nach dem Tod. Christen – nicht Atheisten!
Da ist irgendwie etwas ganz Wichtiges verloren gegangen beim Menschen der Moderne. Er glaubt nur noch an das Diesseits. Das Jenseits hat seinen Reiz verloren. Für viele ist der Gedanke an den Himmel undenkbar geworden. Nur, das, was messbar oder beweisbar ist, ist stichhaltig.
Wie arm ist der Mensch, der nur an Sichtbares glaubt, seine Realität ist sehr eingeschränkt, denn er hält sich nicht offen für andere Realitäten, die unsichtbar sind und uns doch umgeben.
Ich will hier mal nur die Welt der Radio-, Radar-, Funk- und Handystrahlen nennen – unsichtbar und doch real. In der Natur „unterhalten“ sich Pflanzen und Bäume durch Pheromone, bestimmte Duftstoffe – unsichtbar und doch real. Und wenn ich in meiner Liebe einen Menschen vermisse, der weit weg ist, dann kann ich mit meinen Gedanken und Gebeten mit ihm – sogar über den Tod hinaus – Kontakt aufnehmen – unsichtbar und doch real …
Ich will mir heute die Frage stellen, wie wir in der modernen Zeit den Himmel wieder erden können, wie wir dem Jenseits eine Realität, Gesichter und Namen geben können.
An diesem Wochenende feiern die einen Halloweenpartys, andere gehen in die Kirche und wieder andere auf die Gräber ihrer Lieben. Die katholische Kirche gedenkt am Sonntag aller Heiligen und am Montag aller Seelen. Auch, wenn es vielleicht nicht ganz up-to-date erscheint, diese beiden Themen sind nach wie vor hochaktuell.
Die heute im Evangelium gehörten Seligpreisungen sind ein Tor zu einer anderen Welt, zu der Welt Gottes.
Wenn es Gott und seine „Anderwelt“ nicht geben würde, dann wären die Seligpreisungen zynisch und ein Schlag ins Gesicht. Wie kann jemand selig sein, wenn er trauert, arm ist vor Gott, gewaltlos in einer Welt voller Gewalt ist und vieles mehr?
Es gibt aber die Realität hinter der Realität, die Rückseite der Vorderseite, die Jenseite der Diesseite, das Jenseits neben dem Diesseits.
Die Heiligen und auch die Verstorbenen sind Zeugen dafür, dass die Seligpreisungen Jesu nicht zynisch, sondern die Schlüssel zum Schloss der göttlichen Wirklichkeit sind.
Allerheiligen: Wer meint, dass Heilige verstaubte Brüder oder verkorkste Nonnen waren, der hat keine Ahnung. Vor vielen Jahren entdeckte ich den Autor Hans Conrad Zander, der Bücher wie „Gottes unbequeme Freunde – Heilige für unsere Zeit“ oder „Als die Religion noch nicht langweilig war – Die Geschichte der Wüstenväter“ schrieb. Der ehemalige Dominikaner und Sternredakteur Zander öffnete mir einen neuen Zugang zu Menschen, die für mehr als nur ihr eigenes Ego lebten. Sie brannten für Gott, für die Botschaft Jesu, sie legten sich mit Obrigkeiten an, sie litten und starben sogar für ihre Überzeugung und sie hinterließen Spuren, die bis in unsere Zeit reichen. In unserer Welt gibt es momentan so wenige echte Originale und so viele negative „Vorbilder“. Es ist an der Zeit, dass wir wieder positive Leitbilder finden. In vielen Heiligenbiographien schlummern Energien, die von uns neu entdeckt werden wollen.
Allerseelen: Wer meint, dass unsere verstorbenen Lieben weg sind, nur weil sie tot sind, der hat keine Ahnung. Sie sind auf der anderen Seite der Wirklichkeit angekommen oder noch auf dem Weg dorthin. Ins Licht, zur göttlichen Liebe und Geborgenheit hin. Als Klinikseelsorger habe ich in über neun Jahren nun ca. dreieinhalbtausend Menschen beim Sterben begleiten dürfen, manchmal nur kurz, manchmal über Wochen, ja Monate. Durch sie und im Austausch mit ihren Angehörigen habe ich sehr viel für mein eigenes Leben gelernt. Mittlerweile glaube ich nicht nur an ein Leben nach dem Tod, ich weiß, dass es diese Wirklichkeit gibt. Sobald wir tiefer in dieses Thema eintauchen, wird sich uns zeigen, dass es jenseits des Horizonts weitergeht. Deswegen heißt die andere Seite ja auch Jenseits.
Allerheiligen und Allerseelen – für mich überhaupt keine Ladenhüter, sondern Schatztruhen für unser Leben, die geöffnet und deren Schätze gehoben werden wollen.
Amen.
Hinweis: Mehr Infos zu und geistliche Impulse von Pater Kreitmeir gibt es auf seiner Webseite:



