Foto: privat (mit freundlicher Genehmigung von Pfarrer Rainer Maria Schießler)

In einem beeindruckenden Post auf seiner Facebook-Seite schildert Pfarrer Rainer Maria Schießler wie großartig die „Großtat Gottes“, in Jesus Christus Mensch zu werden, für uns heute ist und wie das Nachsinnen darüber jede Generation neu herausfordert. Dabei warnt er vor fundamentalistischem Denken, das sich stur auf Glaubenssätze versteift und nur eine einzige, allein wahre Auslegung zulässt.

Hier sein heutiger Post auf Facebook, den wir mit freundlicher Genehmigung von Pfarrer Schießler hier veröffentlichen dürfen:

Wer die Osterevangelien aufmerksam liest und hört, der spürt:

Es wäre spiritueller Selbstmord, sich stur auf Glaubenssätze zu versteifen.

Von Forschern und Erfindern erwarten wir ja auch nicht, dass sie nur alte Erkenntnisse aufwärmen. Sie sollen aus den Erfahrungen der Generationen, auf denen sie stehen, Schritte entwickeln, die die Menschheit vorwärtsbringen: das gilt auch für die Religion. Daher setzen extreme Fundamentalisten auch alles daran, dass es bei Bibelworten immer nur eine einzige, nämlich ihre und damit die allein wahre Auslegung geben darf.

So ein gefährlicher Satz kommt im Evangelium am 4. Ostersonntag vor: „Ich und der Vater sind eins“. Heißt das nun: „Ich und der Vater sind Gott“ – oder was sonst?

Leonardo Boff formulierte einmal: „So menschlich wie Jesus kann nur Gott sein. Und da begannen sie, ihn Gott zu nennen“. Unsere Vorfahren im Glauben, die frühen Christen, haben Gott mit dem Menschen auf eine untrennbare Weise zusammengebracht. Das hat es in der Religionsgeschichte noch nie gegeben.

Das ist genau das Besondere des Christentums. Gott ist nicht in fernen Himmeln, er ist nur noch in der Welt anzutreffen. Der Gott, der das Wagnis eingegangen ist, als Jesus Christus Mensch zu werden, ist menschlich.

In einem Menschen können und sollen wir Gott erkennen. Das ist die Großtat Gottes für uns: er hat sich erkennbar, spürbar, greifbar gemacht.

Die Gelegenheiten, wo und wie wir Gott begegnen können, sind unendlich, nämlich vor allem in mitmenschlicher Begegnung:

  • Ich war hungrig, ihr habt mir ein Stück Brot gereicht.
  • Ich war obdachlos, ihr habt für ein Dach überm Kopf gesorgt.
  • Ich wurde geschlagen, ihr habt mich in Schutz genommen.
  • Ich lebe in schwuler Partnerschaft, ihr habt uns eingeladen.
  • Ich war anderer Meinung, ihr habt mich angehört.

Seit Jesus Christus können wir nicht von Gott reden, wenn wir nicht zugleich vom Menschen reden wollten. Oder andersherum:

Je mehr wir in unserem Leben „wie Jesus“ sind, um so deutlicher wird Gott durch uns sichtbar.

Das ist die große Herausforderung des Christentums, denn jede Generation muss ihre Antwort finden. Das ist aber auch der wunde Punkt einer Kirche, die gerne nur in Jahrhunderten denkt und darüber in der Gefahr ist, die Gegenwart zu versäumen.

 

Mehr Impulse von Pfarrer Rainer Maria Schießler gibt’s HIER