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Pater Christoph Kreitmeir: „Kraft und Halt entstehen nicht aus billigem Trost“

In seiner Predigt zum 5. Fastensonntag (Lesung: Ez 37, 12-14;  Evangelium: Joh 11, 1-46) lenkt unser geistlicher Begleiter, Klinikseelsorger Pater Christoph Kreitmeir, sein Augenmerk auf eine Stelle des Evangeliums, die ihn selbst beim Lesen und Meditieren innerlich berührt hat, und bringt sie in Bezug zu einer selbst erlebten Begebenheit.

 

Anbei die Worte der Predigt von Pater Kreitmeir als Audio-Datei und anschließend im Textformat: 

 

 

Und wieder ein langes, aber weiß Gott nicht langweiliges Evangelium …

Heute möchte ich meinen Augenmerk vor allem auf eine Stelle lenken, die mich selbst beim Lesen und Meditieren innerlich berührt hat, weil darin wirklich „Frohe Botschaft“ lebendig wird: „Als Maria dorthin kam, wo Jesus war, und ihn sah, fiel sie ihm zu Füßen und sagte: Herr, wärst du hier gewesen, dann wäre mein Bruder nicht gestorben. Als Jesus sah, wie sie weinte und wie auch die Juden weinten, die mit ihr gekommen waren, war er im Innersten erregt und erschüttert … Da weinte Jesus …“

Es gibt keine Zufälle im Leben!

Diese Woche hatte ich ein Gespräch mit einer Frau, deren Gesichtsausdruck schon bei der Begrüßung irgendwie sorgenvoll war. Als wir Platz genommen hatten und ich sie darauf ansprach, da sprudelte es schon aus ihr heraus. Sie sei fertig, denn bei ihrer Schwester, die sie liebe, sei ein Tumor festgestellt worden, die Untersuchungen dauerten an und sie seien alle in Unsicherheit, ob das Ganze bösartig sei oder vielleicht doch noch gut ausgehen würde.

Die Atmosphäre unseres Gespräches bekam eine große Dichte und die Frau versuchte, sich zusammen zu nehmen, damit sie nicht weinen musste. Sie erzählte von der großen Belastung, wie sie versuchte, ihre Schwester zu trösten, dabei selbst aber voller Zweifel, voller Unsicherheit sei.

Als ich sie danach fragte, ob sie in ihrem Leben schon mal Ähnliches erlebt habe, erzählte sie mir eine unglaubliche Geschichte über ihren Onkel, der vor Jahren unheilbar erkrankt war, den die Ärzte auch schon aufgegeben hatten, der aber – gegen alle Hoffnung – wieder gesund werden konnte und noch 10 Jahre – zwar eingeschränkt – aber doch noch gut leben konnte. Sie hatte damals immer wieder einen Ort aufgesucht, der ihr Kraft gegeben hatte, an dem sie betete und danach immer wieder ihren Onkel besuchte.

Ihre Gesichtszüge hellten sich beim Erzählen auf und ich hätte sie in diesem Gefühlszustand belassen und bestärken können. Aber, hält so ein Trost an?

Wir kehrten nochmals an den Anfang unseres Gespräches zurück: Was wäre, wenn der Befund ihrer Schwester negativ ausgehen würde, was wäre, wenn der Tumor bösartig ist?

Die Frau schwieg und dann fing sie zu weinen an. Sie durfte weinen, sie sollte weinen …

Nach einer gewissen Zeit fragte ich sie, wie es ihr denn jetzt angesichts der eventuellen schlimmen Alternative ginge? Sie antwortete: Mir geht´s nicht gut, aber …, aber ich spüre irgendwie Kraft und Halt.

Mir geht´s nicht gut, aber ich spüre irgendwie Kraft und Halt. Kraft und Halt – entstanden nicht aus billigem Trost, sondern weil sie mutig genug war, sich mit dem Schlimmsten auseinander zu setzen.

Wir sprachen dann über die Art und Weise, wie sie in den Tagen der Unsicherheit ihrer Schwester beistehen könnte, und wie sie selbst dabei nicht runter gezogen, sondern immer wieder selbst Halt und Trost erfahren könnte.

Sie konnte dann irgendwie gefestigt nach Hause gehen. Die Geschichte mit ihrer Schwester bleibt aber bis auf weiteres offen …

Liebe Schwestern und Brüder,

eine Geschichte aus dem ganz normalen Leben, eine Geschichte, die wir selbst vielleicht irgendwie schon mal erlebt haben. Sie zeigt uns, dass es wichtig ist, anderen Menschen beizustehen und dabei selbst nicht den Halt und den Trost zu verlieren. Die Frau sagte, dass unser Gespräch in ehrlicher Atmosphäre, ohne falsche Vertröstung nach dem Motto „Es wird schon wieder …“, für sie wichtig war, dass der Glaube an Gott für sie wichtig ist und die Liebe zu ihrer Schwester.

Als Jesus zum Grab kam, wo der verstorbene Lazarus lag, da sagte er: „Nehmt den Stein weg!“ Er betete für Lazarus, weil er ihn liebte und sagte dann: „Lazarus, komm heraus!“ Der Verstorbene kam heraus und sie lösten ihm die Binden, nachdem Jesus sie dazu aufgefordert hatte.

Nehmt den Stein weg! – den Stein der Hoffnungslosigkeit, den Fels-brocken der Unsicherheit und Traurigkeit.

Löst ihm die Binden! – die Binden und Fesseln, die uns in Trostlosigkeit halten wollen, die uns lähmen.

Eine Geschichte, vor 2000 Jahren geschehen und nacherzählt – eine andere Geschichte, diese Woche erlebt …

Liebe Schwestern und Brüder,

ich denke und erlebe es immer wieder: Es ist wichtig, die Geschichte von damals mit unserer Lebensgeschichte in Verbindung zu bringen, daraus Trost – echten und nicht billigen Trost – zu schöpfen und den Tatsachen unseres Lebens mit Liebe, Vertrauen und Glauben zu begegnen.

Trotz allem!

„… und viele der Menschen, die gesehen hatten, was Jesus getan hatte, kamen zum Glauben an ihn …“ AMEN.

Hinweis: Mehr geistliche Impulse von Pater Kreitmeir gibt es auf seiner Webseite unter:

www.christoph-kreitmeir.de