JVA-Seelsorger Alexander Glinka: „Jesus verbindet, was Sünde getrennt hat“
In seiner Predigt am 2. Sonntag im Jahreskreis in der JVA Dortmund erklärt unser geistlicher Begleiter, der Pastoralreferent und Gefängnisseelsorger Alexander Glinka, den Gefängnisinsassen: „Sündenvergebung heißt nicht: ‚War nicht so schlimm.‘ Sündenvergebung heißt: ‚Es war schlimm – aber du musst nicht daran zugrunde gehen.‘
Seine Wort-Gottes-Feier leitete er mit folgenden Worten ein:
Heute Morgen eine Frage an Sie – eine aus dem Alltag: Wer ist der beste Anwalt? Sie kennen das: Man hört es in Gesprächen. „Der ist gut.“ – „Der taugt nichts.“ – „Den kann ich empfehlen.“ Also: Wen würden Sie empfehlen?
Warum frage ich das? Weil bei einem Anwalt nicht nur Akten zählen, sondern Vertrauen. Wenn ich vertraue, lasse ich ihn für mich sprechen. Ich lege mein Thema in seine Hände. Und jetzt stellen Sie sich mal vor: Dieser Anwalt sagt Ihnen: „Ich bin nicht mehr der Beste für Sie. Da kommt einer, der ist besser als ich – und sogar billiger.“ Unverständlich, oder? Genau das passiert heute im Evangelium. Wir hören von Johannes dem Täufer. Johannes war bekannt, ein Prediger mit Wirkung. Die Leute kamen von überall an den Jordan. Sie hörten seine Worte. Sie suchten einen Weg zu Gott. Und sie ließen sich taufen: Umkehr. Neuanfang. Neues Leben.
Dann kommt Jesus zu Johannes. Auch er lässt sich taufen. Und Johannes sagt klar und öffentlich: „Seht, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt!“ Er zeigt weg von sich – hin zu Jesus. Johannes klammert nicht. Er macht sich nicht groß. Er sagt im Grunde: „Nicht ich. Er.“ Und Johannes bezeugt noch mehr: Er sieht, dass der Geist Gottes vom Himmel herabkommt wie eine Taube und auf Jesus bleibt. Und er sagt: „Dieser ist der Sohn Gottes.“ 2000 Jahre später tun wir uns manchmal schwer mit diesen Worten. „Lamm Gottes… Sünde der Welt… Sohn Gottes…“ Darum die Leitfrage für heute: Was meint das? Und was bedeutet das für mich – heute – hier?
Anbei die Predigt von Alexander Glinka, die er unter die Überschrift stellt: „Seht, das Lamm Gottes, das hinwegnimmt die Sünde der Welt.“
Heute möchte ich mit Ihnen über ein Wort sprechen, das viele nicht mögen: Die Sünde.
Keine Sorge: Ich werde jetzt nicht den Zeigefinger heben und auf Sie zeigen. Ich müsste dann auch auf mich zeigen, denn das ist eine Wahrheit:
Jeder von uns sündigt. Ich. Sie. Wir alle.
Heute möchte ich Ihnen ein wenig darüber erzählen, was die Sünde mit einem Menschen macht. Doch bevor wir da rein gehen, reden wir kurz über Karneval. Karneval? Ja in einem Monat ist es soweit: Köln, Düsseldorf, Mainz… Und wer Karneval kennt, der weiß: Das ist für viele Ausnahmezustand. Maske auf. Musik an. Grenzen verschieben. Es wird mehr getrunken. Es wird lockerer. Und ja: Es wird oft auch „sündiger“… Wenn Sie verstehen was ich meine…
Warum erzähle ich Ihnen das? Denn es gibt ein Karnevals-Lied von Willi Millowitsch. Dieses heißt „Wir sind alle kleine Sünderlein.“ Im Refrain steckt ein Satz, der fast wie eine Ausrede für das Sündigen klingt: „War immer so… wird immer so… der Herrgott wird’s schon verzeih’n.“
Wissen Sie, warum ich Ihnen das Lied heute vorstelle? Weil es eine Wahrheit trifft – und gleichzeitig auch eine Gefahr in sich trägt. Die Wahrheit: Keiner ist nur Engel. Die Gefahr: Dass man sagt: „Dann ist es eben so. Ich sündige und muss so bleiben.“
Und genau da setzt das Evangelium heute an: Nein. Du musst nicht so bleiben. Umkehr ist möglich.
Was ist Sünde? – kurz und verständlich: Das Wort „Sünde“ kann man besser verstehen wenn man es mit dem Wort „sondern“ übersetzt. Sündigen ist: ab-sondern. Sich trennen. Sich abkoppeln.
Sünde trennt.
Nicht nur „von Gott“ – das klingt manchen zu theoretisch. Sünde trennt auch ganz praktisch:
- von mir selbst (ich werde innerlich schief, leer, hart, unehrlich)
- von anderen Menschen (Vertrauen bricht, Beziehungen leiden)
- von Gott (ich verliere Richtung, Licht und Halt)
Sünde ist nicht nur „Regelbruch“. Sünde ist oft: ein Weg, der mich wegführt…
Ganz einfach: Es gibt Sünde gegen mich, gegen den Mitmenschen, gegen Gott. Und was Sünden gegen sich, den Mitmenschen und Gott sind, finden sie in den 10 Geboten.
Gott ist keine Spaßbremse, sondern gibt den Menschen diese Gebote um ihnen ein „An-Gebot“ für ein gelindes Leben zu geben.
Weil wenn sie gegen alle 10 Gebote verstoßen, glauben sie mir… das endet nicht gut.
Es stellt sich die Frage: Warum sind falsche Wege so attraktiv? Ehrlich: Das Gute wirkt manchmal langweilig. Und das Dunkle hat einen Reiz. Schon bei Kindern: „Mach das nicht!“ – zack, genau das wird spannend. Bei Erwachsenen ist es genauso. Nur versteckter.
Darum ein Satz, der wichtig ist: Die Menge ist das Gift. Ein Fehler kann passieren. Ein Ausrutscher auch. Aber wenn ich immer wieder denselben falschen Weg gehe, wird aus „klein“ schnell „groß“.
Dann wird aus einer Sünde ein Muster. Und Muster machen unfrei. Sünde trennt. Sünde bindet. Sünde macht schwer.
Und viele kennen das: Schuldgefühle. Scham. Last. Innerlich nicht mehr frei sein… Wer eine Suchterkrankung hat, weiß wie schwer es ist…
Zurück zu Johannes dem Täufer und warum er heute so aktuell ist. Im alten Israel hatte man das damals auch vergessen: Dass Umkehr möglich ist. Dass neu anfangen möglich ist. Und dann kommt Johannes der Täufer. Sein Satz ist kurz und hart: „Kehrt um!“
Denkt neu. Prüft euren Weg. Dreht um. Johannes tauft mit Wasser – als Zeichen für Neuanfang. Aber Johannes weiß auch: Er ist nicht die Lösung. Er ist nur der Wegweiser.
Und dann kommt Jesus. Und Johannes sagt nicht: „Guckt mich an.“ Sondern: „Seht: das Lamm Gottes!“ Das „Lamm Gottes“. Ein großer Begriff und was bedeutet das für uns? Viele stolpern über diese Worte: „Lamm Gottes… Sünde der Welt…“ – klingt nach Kirchen-Sprache.
Ich übersetze es so:
Jesus kommt nicht, um dich fertig zu machen. Jesus kommt, um dir Last abzunehmen.
Sündenvergebung heißt nicht: „War nicht so schlimm.“ Sündenvergebung heißt: „Es war schlimm – aber du musst nicht daran zugrunde gehen.“
Jesus schaut hin. Er nennt die Dinge beim Namen. Und er läuft nicht weg. Er trägt mit. Und er führt heraus – weg vom falschen Weg.
Wer Last auf sich geladen hat, kann Befreiung erfahren: Verzeihung für Taten. Verzeihung trotz Schuldgefühlen. Erleichterung fürs Herz.
Das Jahr 2026 hat begonnen. Und das passt perfekt zu Johannes’ Ruf: „Kehrt um!“ Nicht als Drohung. Sondern als Chance.
Umkehr beginnt oft klein: Ein ehrliches Gebet: „Gott, hilf mir.“ Ein Schritt zur Versöhnung. Ein klares „Stopp“ zu einem Muster, das mich kaputt macht. Eine Bitte um Vergebung. Und – wenn möglich – auch Wiedergutmachung.
Wir sind nicht nur „kleine Sünderlein“, die halt so bleiben müssen. Wir sind Menschen, die umkehren können. Menschen, die neu anfangen können. Darum heute nicht der Blick auf die Schuld, sondern auf den, der Schuld wegnimmt: Seht das Lamm Gottes.
Er verbindet, was Sünde getrennt hat. Er bringt Licht, wo es dunkel wurde. Und er öffnet einen neuen Weg.
Amen.
Anbei das Lied „Vergeben“ von Sefora Nelson, das die Worte von Alexander Glinka nachklingen lässt:



