Foto: Wolfgang Roucka, Kardinal Reinhard Marx, cropped, CC BY-SA 3.0

Der Münchner Kardinal Reinhard Marx, der bis März 2020 Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) war, setzte am gestrigen Freitag mit seinem Rücktrittsangebot vom Bischofsamt ein beeindruckendes Zeichen für einen Neuanfang in der katholischen Kirche. Mit Blick auf die Bedeutung des Evangeliums und fern von persönlichen Interessen und Eitelkeiten lenkt er die Richtung in der katholischen Kirche hin zu „mutigen Reformen“, um den „toten Punkt“, an dem sich die Kirche nach seinen Worten aktuell befindet, zu einem Wendepunkt werden zu lassen.

Mit seinem Rücktritt, der um die Welt geht, gestand Kardinal Marx, der einer der ranghöchsten katholischen Bischöfe ist, ungeschönt das volle Ausmaß der Krise, in die der Missbrauchsskandal die Kirche gestürzt hat, ein. In einem Brief an Papst Franziskus legte der 67-Jährige bereits am 21. Mai seine Beweggründe dar. In dem Brief, zu dessen Veröffentlichung am gestrigen Freitag Kardinal Marx die ausdrückliche Einwilligung des Papstes erhalten hatte (auch ein deutliches Zeichen), schreibt er:

„Im Kern geht es für mich darum, Mitverantwortung zu tragen für die Katastrophe des sexuellen Missbrauchs durch Amtsträger der Kirche in den vergangenen Jahrzehnten.“

Weiter betont Kardinal Marx:

„Ich möchte damit deutlich machen: Ich bin bereit, persönlich Verantwortung zu tragen, nicht nur für eigene Fehler, sondern für die Institution Kirche, die ich seit Jahrzehnten mitgestalte und mitpräge.“

Marx verwies in seiner zusammen mit dem Brief veröffentlichten Erklärung (beide Dokumente entstanden „faktisch zu 95 Prozent an Ostern“) auch auf die Pressekonferenz bei der Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz im Herbst 2018, bei der die MHG-Missbrauchsstudie veröffentlicht wurde. Die Journalistin Christiane Florin hatte ihn dabei gefragt, ob angesichts der Präsentation der Studie einer der Bischöfe Verantwortung übernommen und seinen Rücktritt angeboten habe. „Diese Frage habe ich mit ‚Nein‘ beantwortet. Und auch hier habe ich im Nachgang immer stärker gespürt, dass diese Frage nicht einfach beiseitegeschoben werden kann“, so Marx.

Überdies betont er in seinem Brief an Papst Franziskus:

„Ich will zeigen, dass nicht das Amt im Vordergrund steht, sondern der Auftrag des Evangeliums.“

In einer Pressekonferenz zu seinem Rücktritt am gestrigen Freitagnachmittag, erklärte Kardinal Marx, dass er weder amtsmüde noch demotiviert sei. Klar, deutlich und frei sprechend hob er immer wieder hervor, dass es bei seinem Schritt um Verantwortungsübernahme und auch einen Neuanfang gehe, durch den die Botschaft Christi wieder ins Zentrum kommt und Raum greift. So brauche es „einen Blick auf eine Erneuerung der Kirche“. Dazu betonte Marx:

„Ich glaube fest an eine neue Epoche des Christentums. (…) Das wird besser geschehen, wenn die Kirche sich erneuert und wenn sie aus dieser Krise auch lernt. (…) Es geht um eine Erneuerung und Reform der Kirche insgesamt.“

Dabei plädierte er für ein Festhalten am synodalen Weg, durch den am Erneuerungsprozess „viele Männer und Frauen in der Kirche“ beteiligt werden. Es gelte festzustellen, was an der Kirche nun „dran“ sei, um das Evangelium zu verkünden.

Seine Bitte um Amtsverzicht sei eine ganz persönliche Gewissensentscheidung, die lange in ihm reifte und die er in der österlichen Zeit final getroffen habe, hob Marx hervor. Dazu betonte er, das ihm folgendes klar geworden sei:

„Ich möchte diesen Schritt gehen, auch weil mir das Evangelium die Richtung weist: ‚Wer sein Leben gewinnen will, wird es verlieren. Wer es verliert, wird es gewinnen‘.“

Auch wenn sich das „sehr fromm“ anhöre, sei das „der Weg, den wir zu gehen haben“. Zudem könne man „von einem Bischof erwarten, dass er so denkt“. Er sei nicht amtsmüde oder demotiviert. Dazu betonte Kardinal Marx, dass für ihn vielmehr folgendes gelte:

„Ich bin überzeugt, dass diese Gesellschaft die Stimme des Evangeliums braucht.“

Dafür brauche es aber eben auch „eine Kirche, die sich immer wieder erneuert“, glaubwürdig ist und „die Stimme des Evangeliums deutlich macht in dieser Gesellschaft“. Dazu werde er auch in Zukunft seinen Beitrag leisten, was er mit folgenden Worten unterstrich:

„Mein Dienst für die Kirche und für die Menschen ist nicht zu Ende.“

Er sei „gerne Priester und Bischof“ und bleibe das auch. Aber wo er pastoral wirken könne und wo sein Dienst für das Reich Gottes und die Menschen gut sein kann, lege er nun in die Hände von Papst Franziskus.

Für seinen Gang an die Öffentlichkeit hat Kardinal Marx die ausdrückliche Einwilligung des Papstes, dem offensichtlich auch daran liegt, über die Erschütterung in der deutschen Kirche in einer breiten Öffentlichkeit zu diskutieren.

Auch wenn Kardinal Marx explizit betont, dass er auf seine „Mitbrüder“ nicht einwirken wolle, so setzt er doch ein klares Zeichen, dass ein ‚Weiter so‘ mit Verbesserung der Administration als Antwort auf den Missbrauch nicht ausreichend sein kann, wenn er, wie es der Kirchenrechtler Thomas Schüller darlegt, ‚von denen spricht, die sich hinter juristischen Gutachten verstecken und nicht bereit sind, die systemischen Ursachen der sexualisierten Gewalt in der Kirche mit mutigen Reformen anzugehen‘.

Wenn der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Thomas Sternberg, anmahnt, dass mit Kardinal Marx, der als Reformer gilt, „der Falsche“ gehe, klingt dabei die Sorge mit, dass die notwendige Erneuerung in der Kirche ins Wanken geraten könnte.

Für konservative Extremhaltungen, die hinter jeder Erneuerung, die es im Lauf von 2000 Jahren Kirchengeschichte gegeben hat, den Untergang der Kirche prognostizier(t)en, ist heute auf jeden Fall nicht die richtige Zeit.

Wie es der Journalist Alois Knoller in seinem Kommentar im Coburger Tageblatt zum Rücktrittsgesuch vom Münchner Kardinal treffend formuliert, setzt Kardinal Marx mit seinem Schritt jedenfalls ein Zeichen, das aufzeigt: Eine demütige Besinnung auf die christliche Erlösungsbotschaft kann allemal mehr bewegen als Trotz vom hohen Ross herab.‘

Quellen: katholisch.de (1), katholisch.de (2), katholisch.de (3), katholisch.de (4), bild.de, sueddeutsche.de

 

Hier die Pressekonferenz, die Kardinal Marx am Freitagnachmittag zu seinem Rücktrittsgesuch gab (Von Minute 1:30 – Minute 16):