Pater Dr. Peter Uzor: „Weihnachten lädt uns zum Staunen ein“
Seine Predigt zum 1. Weihnachtsfeiertag (Evangelium: Joh 1,1-18) stellt unser geistlicher Begleiter Dr. Pater Peter Uzor unter die Überschrift: „Gott schlägt sein Zelt auf – für immer“.
Anbei die Worte der Predigt von Pater Peter:
Liebe Schwestern und Brüder, liebe Festgemeinde,
haben Sie heute Morgen schon gestaunt? Vielleicht über den geschmückten Baum, über die leuchtenden Augen der Kinder oder über die unerwartete Stille dieses Feiertags?
Weihnachten lädt uns zum Staunen ein, aber auf einer Ebene, die eigentlich unseren Verstand übersteigt.
Wir haben es gerade im Johannesevangelium gehört: „Im Anfang war das Wort … und das Wort ist Fleisch geworden.“ Wenn wir heute in den Weltraum blicken, mit Teleskopen, die Milliarden Lichtjahre weit in die Unendlichkeit schauen, dann fühlen wir uns als Menschen oft wie ein winziges Staubkorn an einem fernen Rand des Universums. Und ausgerechnet von dem Schöpfer dieser unendlichen Weiten behaupten wir Christen: Er ist Mensch geworden. In einem bestimmten Moment der Weltgeschichte, in einem kleinen Dorf in Palästina, wurde er einer von uns. Das ist so „unerhört“, dass man es eigentlich kaum glauben kann. Warum sollte der unendliche Gott das tun? Das Glaubensbekenntnis gibt uns die schlichte, aber gewaltige Antwort: „Für uns Menschen und zu unserem Heil.“
Gott kommt, weil wir ihm unendlich kostbar sind.
Der Evangelist Johannes wählt ein sehr direktes Wort: Das Wort ist nicht einfach „Mensch“ geworden, sondern „Fleisch“. Im biblischen Sinne bedeutet „Fleisch“: das Verletzliche, das Begrenzte, das Sterbliche.
Wenn wir auf das Jahr 2025 blicken, wissen wir genau, was „Fleisch“ bedeutet. Wir spüren unsere Zerbrechlichkeit:
Wir spüren sie in Krankheiten, die uns oder unsere Liebsten treffen.
Wir spüren sie in der Einsamkeit, die trotz Internet und Vernetzung viele Herzen wie ein kalter Reif überzieht.
Wir sehen sie in den Krisen unserer Zeit – dort, wo Menschen fliehen müssen, wo Frieden zerbricht, wo das Leben schutzlos ist.
„Das Wort ist Fleisch geworden“ bedeutet: Gott geht genau dorthin, wo es wehtut. Er bleibt nicht im fernen, sicheren Himmel. Er macht unsere Not zu seiner Not.
Wenn Sie sich heute überfordert fühlen, wenn Sie Sorgen um die Zukunft oder um Ihre Kinder haben, dann sagt Ihnen Weihnachten: Gott ist genau dort schon anwesend. Er ist einer von uns, damit wir nie mehr allein sind.
Es gibt im Englischen das schöne Wort „to dwell“ für das Wort „wohnen“, das Johannes benutzt. Es bedeutet nicht nur, eine Wohnung zu mieten und nach ein paar Jahren wieder auszuziehen. Es bedeutet: sich niederlassen, bleiben, den Raum einnehmen.
Gott ist kein Feriengast auf der Erde.
Er hat sein Zelt nicht nur für 33 Jahre in Nazareth und Jerusalem aufgeschlagen, um dann wieder zu verschwinden. Durch seine Menschwerdung hat er unsere Erde und unsere Zeit dauerhaft „besetzt“. Er ist geblieben. Er ist heute hier – in unserer Gemeinde, in unseren Sakramenten, in unserem Nächsten. Er hat den Mietvertrag mit der Menschheit nicht gekündigt. Er erfüllt unsere Zeit mit seiner Ewigkeit.
Aber es gibt eine Bedingung. In der St. Paul’s Cathedral in London hängt ein berühmtes Bild von William Holman Hunt. Es zeigt Jesus, der in einer dunklen Nacht vor einer Tür steht und anklopft. In der Hand hält er eine Laterne. Das Besondere an diesem Bild: Die Tür hat von außen keine Klinke. Man kann sie nur von innen öffnen.
Das ist das Geheimnis unserer Freiheit. Gott drängt sich uns nicht auf. Er bricht keine Herzenstüren auf. Er steht da und klopft an. Er wartet im Jahr 2025 darauf, dass wir ihm die Tür unseres Lebens öffnen – so wie es dort gerade aussieht.
Sagen wir ihm: „Komm herein, Herr, auch wenn es bei mir gerade unaufgeräumt ist.“
Sagen wir ihm: „Komm herein in meine Sorgen um die Gesellschaft, in meine Angst vor dem Alter, in meine Freude über das Leben.“
Wenn wir ihn einlassen, passiert etwas Erstaunliches: Wir sehen nicht mehr nur die Probleme und Grenzen. Wir entdecken einen Schatz in uns. Johannes sagt es so: „Allen, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden.“
Weihnachten heißt: Ich bin nicht nur ein Staubkorn im All. Ich bin ein geliebtes Kind Gottes. Das ist die Würde, die uns niemand nehmen kann – kein Schicksalsschlag, keine politische Krise und auch nicht der Tod.
Gehen wir heute von dieser Messe nach Hause mit dem Bewusstsein: Gott wohnt unter uns. Er geht mit uns in das neue Jahr. Werden wir selbst zu Türen, durch die sein Licht in diese Welt fließen kann. Amen.



