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In seiner Vorbereitung zur Auslegung zur Sonntagslesung (Jesaja 25,6-10) und zum Evangelium vom vergangenen Sonntag (Mt 22, 1-10) beschäftigten unseren geistlichen Begleiter Pater Dr. Peter Uzor zwei große Gedanken: Esskultur und Mahlgemeinschaft, Eucharistie als Vorgeschmack des Himmels und das Leben bei Gott mit dem Lamm am Ende meiner Erdenzeit.

Hier die Worte seiner Predigt:

Haben Sie Freude an schmackhaftem Essen und guten Getränken in angenehmer Gesellschaft? Laden Sie gerne Freundinnen und Freunde zum Essen ein, lassen sich einladen oder kochen gemeinsam? Dann werden die Rezepte sorgfältig ausgesucht, der Tisch festlicher gedeckt als sonst und vielleicht „das gute Geschirr“ aus dem Schrank geholt.

Gemeinsames Essen ist dann mehr als Nahrungsaufnahme.

Es zeigt dem anderen: Du bist mir wichtig. Hier findet Begegnung statt, manchmal vielleicht auch Auseinandersetzung.

Gemeinsames Essen ist eine Unterbrechung des Alltags, ein – kleines oder größeres – Fest.

Und das nicht nur in unserer wohlhabenden Welt, sondern quer durch die Kulturen und Zeiten. Da ist es kein Wunder, dass die Bibel voll ist von Geschichten, die vom gemeinsamen Essen handeln. Das ist auch das Motiv, dass alle Lesungstexte des heutigen Sonntags verbindet. „An jenem Tag wird der Herr der Heere … für alle Völker ein Festmahl geben mit den feinsten Speisen, ein Gelage mit erlesenen Weinen.“ So beginnt die Lesung aus dem Jesaja-Buch. Und das letzte Detail scheint Jesaja so wichtig zu sein, dass er es mit einer Steigerung wiederholt: „ein Gelage mit den feinsten, fetten Speisen, mit erlesenen, reinen Weinen“.

Gott lädt ein. Und er lässt sich nicht lumpen. „Fette Speisen“ und „erlesene Weine“, da möchte man fast fragen, ob das nicht ein wenig dekadent ist.

Bitte fragen Sie sich, wann Sie das letzte Mal herzlich gelacht, oder vor guter Laune gesprüht haben: vor dem Fernseher, dem Smartphone oder dem Rechner? Ich vermute, eher bei einem schönen entspannten Essen in der Familie oder mit Freunden. Sie waren satt und dankbar für die liebevolle Gastfreundschaft, die Mühen des Kochs oder der Köchin. Da kann – aber muss keineswegs – das Gläschen Wein mitgeholfen haben, dass Sie sich im wahrsten Sinne des Wortes angeheitert gefühlt haben. Es werden Anekdoten und Geschichten erzählt und gehört, es wird gelacht. Und die Zeit wird vergessen.

Es ist doch kein Zufall, dass die Bibel nicht nur an dieser Stelle, sondern an vielen anderen wie zum Beispiel im heutigen Evangelium das ersehnte Bleiben bei Gott mit der Erfahrung eines Gelages, eines Hochzeitsmahles ausdrückt.

Denn darin zeigt sich, was unserer Menschlichkeit tief eingeschrieben ist und weit mehr meint als nur essen und trinken. Das klärt ein Blick auf die gegenwärtige Realität des Essens. Es gibt viele Studien, die besagen, dass Essen in unserer Gesellschaft immer mehr zur Nebensache wird. Jeder vierte isst im Gehen oder Stehen, bei jedem Dritten läuft nebenher der Fernseher. Die Mittagspause in der Arbeit wird immer weniger genutzt, und wenn, dann liegt neben dem Teller das Smartphone; wenn sich viele Bildschirmarbeiter nicht gleich vor dem Rechner eine Wurstsemmel zwischen die Zähne schieben. Das ist nicht nur ungesund, es zeigt auch etwas anderes: Vereinzelung und Vereinsamung.

Und jetzt dagegen das Mahl, das Gelage: Zeit haben für den Genuss, für das Gespräch, für das Gelächter. Das tut uns Menschen gut. Ich fühl mich wohl in meiner Haut, die mich schmecken, riechen, fühlen lässt. Und ich fühle mit dem, der in der Haut neben mir steckt.

Gerade in der Vision des Jesaja liegt hier ein besonderer Schwerpunkt. Denn zum Festmahl sind alle Völker geladen.

In der biblischen Begrifflichkeit sind die Völker in erster Linie Feinde, ja Unterdrücker. Unter Ägyptern, Philistern, Assyrern, Babyloniern, und Griechen hatten die Israeliten viel zu leiden. Und jetzt sitzen sie zusammen mit diesen am selben Tisch, den Gott aufgestellt hat.

So wird das Bild des Mahles zum Zeichen für die Güte und für den Frieden Gottes. Und zum Zeichen für die Gegenwart Gottes seit dem Tod Jesu. Gottes Festmahl steht für das Ende von Not, Unterdrückung und Krieg. Mehr noch: Es ist die endgültige Abschaffung des Todes: „Er hat den Tod für immer verschlungen und Gott, der Herr, wird die Tränen von jedem Gesicht abwischen …“ (Jes 25,8).

Eigentlich ist dieses Bild von Gottes Festmahl eine Geschichte davon, dass der Tod nicht das letzte Wort hat, sondern Gott die Menschen ins Leben rettet.

Das Festmahl findet auf einem Berg statt, dem Ort der Nähe Gottes, „bei Gott zuhause“ sozusagen. Im Buch Exodus, in der Erzählung vom Volk Israel in der Wüste, gibt es ein ähnliches Bild: Die Ältesten Israels essen und trinken mit Gott auf seinem Berg und kommen Gott damit unglaublich nahe (vgl. Ex 24,11). Doch hier im Jesaja-Buch ist nicht nur Israel, hier sind „alle Völker“ zum Festmahl bei Gott eingeladen. Wenn alle Völker gemeinsam mit dem Gott Israels ein Festmahl feiern, dann kann es wahrlich keinen Krieg und keine Unterdrückung mehr geben.

Gott garantiert Frieden zwischen den Völkern und Leben gegen den Tod auf seinem Berg.

Die Vorstellung von einem prächtigen Fest- und Friedensmahl, zu dem Gott einlädt, steht auch hinter dem Gleichnis vom königlichen Hochzeitsmahl im Evangelium des heutigen Sonntags.

Wer diese Einladung Gottes nicht annimmt, dem ist nicht mehr zu helfen – das drückt das Gleichnis in drastischen Worten aus.

Man wäre ja auch zu dumm, statt Leben und Frieden Tod und Verwüstung zu wählen.

Das Mahl ist das Vermächtnis Jesu. Es ist unser wichtigstes Sakrament.

Wenngleich unsere Messfeiern nur noch wenig Ähnlichkeit mit dem Abschiedsmahl Jesu zu haben scheinen. Genauso wenig wie unsere prachtvollen, großen Kirchen dem schlichten Zimmer ähneln, in dem Jesus das letzte Mal mit seinen Freunden zusammen aß. Den frühen Christen war das noch eingängig. Sie bildeten nur kleine Gemeinden. Sie trafen sich in einem Privathaus, wo sie Eucharistie feierten und anschließend miteinander aßen. Das war eines der Geheimnisse für den Erfolg des Christentums in den ersten Jahrhunderten, dass die Kirche noch eine Mahlgemeinschaft war. Je größer die Zahl der Anhänger, je höher die Kirchen, die Basiliken und Dome über die Erde aufragten, desto mehr wurde der ursprüngliche Gedanke von anderen Motiven überlagert. Jahrhundertelang zum Beispiel schien der Hauptzweck der Eucharistie der Totenkult zu sein. Für Verstorbene wurden oft hunderte, ja tausende Messen gelesen, um ihre Zeit im Fegefeuer zu erleichtern. Die Liturgie wurde immer mehr zu einem Tun der Kleriker, während die sogenannten Laien Zuschauer blieben. Und der Empfang von Brot und Wein wurde durch viele rituelle Regeln eher zu verhindern als zu fördern gesucht.

Der ursprüngliche Gedanke ist aber nie verloren gegangen.

Wir essen miteinander das Mahl Jesu, unsere Kirche ist der festliche Saal für die Hochzeit des Lammes. Und gleichzeitig wird uns vor Augen geführt, wie Jesus uns haben will: als festliche Gemeinschaft von Menschen, die sich achten, wie Gäste am Tisch eines Freundes es tun.

Und auch über den Himmel erzählt uns dieses Zeichen etwas. So wie Jesaja das schon in seiner Vision geschaut hat. Und wie ich es nun zu erzählen versuche mit schlichten Worten: Die Tür geht auf. Ich muss nicht fragen, wo ich bin. Ich bin daheim. Zwei liebevolle Arme drücken mich. Eine zärtliche Hand wischt die Spuren all meiner Traurigkeiten und meiner Scham aus dem Gesicht. Am Tisch wartet schon ein Platz auf mich. Und viele andere warten auf mich, die mich ansehen. Nicht skeptisch, nicht abweisend: „Was will denn der da? Passt der zu uns?“ Nein, alle scheinen sagen zu wollen: „Komm her, wir haben auf Dich gewartet. Schön, dass Du da bist.“ Und er führt mich zum Platz, deckt mir den Tisch, füllt mir reichlich den Becher (vgl. Ps 23). Ich merk nicht, dass die Zeit vergeht. Weil ich vergessen habe, dass es die Zeit nicht mehr gibt.

Gott lädt mich, Gott lädt uns heute hier und alle Menschen zum Festessen ein und garantiert Frieden zwischen den Völkern und Leben gegen den Tod.

Das klingt wunderbar. Aber ist das nicht eine Utopie, eine Traumvorstellung, bestenfalls eine Perspektive für das Ende der Zeit? Gottes Einladung zum Essen steht – manchmal allem Augenschein zum Trotz! Gott lädt uns zum Festmahl des Friedens und des Lebens ein – und wir können Gastgeberinnen und Gastgeber für andere sein.

Amen.

 

Hier das Kirchenlied „Dass du mich einstimmen lässt“ mit der zur heutigen Predigt passenden Zeile „Und du reichst mir das Brot und Du reichst mir den Wein“: