Pater Peter Uzor: „Stephanus ist der erste, an dem Weihnachten ‚ernst‘ wird“
Am 2. Weihnachtsfeiertag gedenkt die Kirche dem ersten Märtyrer der Christenheit, dem Heiligen Stephanus. Auch heute werden Christinnen und Christen an vielen Orten in der Welt an den Rand gedrängt und verfolgt. Unser geistlicher Begleiter Dr. Pater Peter Uzor aus Nigeria schildert in seiner Predigt zum 2. Weihnachtsfeiertag (Lesung: Apg 6,8-10; 7,54-60; Evangelium: Mt 10,17-22), dass das Gedenken an den Heiligen Stephanus aktueller ist denn je und genau in die Weihnachtszeit hinein passt.
Mit folgenden Worten startete Pater Peter in die Messfeier am 2. Weihnachtsfeiertag:
Gestern haben wir die Geburt Christi gefeiert – das Fest der Menschwerdung, des Friedens und des strahlenden Lichts. Doch heute, nur 24 Stunden später, begegnet uns ein Bild, das so gar nicht zu unseren Weihnachtsliedern passen will:
Wir feiern das Fest des heiligen Stephanus, des ersten Märtyrers der Kirche.
Statt der sanften Hirten sehen wir eine wütende Menge; statt der Krippe sehen wir die Steine.
Man könnte meinen, die Kirche wolle uns heute unsanft aus unseren Weihnachtsträumen reißen. Doch der Grund ist ein tieferer:
Das Kind in der Krippe ist nicht gekommen, damit wir die Augen vor der Welt verschließen. Es ist gekommen, damit wir das Licht dorthin tragen, wo es dunkel ist.
Stephanus erinnert uns daran, dass Weihnachten mehr ist als eine friedliche Stimmung. Das Licht von Betlehem leuchtet nicht, um uns von der Welt zu isolieren, sondern um uns für sie stark zu machen. Stephanus wollte nicht „verschont bleiben“ – er wollte Zeuge der Liebe sein, selbst dort, wo es dunkel wurde.
Anbei die Worte der Predigt von Pater Peter, die er unter die Überschrift „Das Leuchten, das nicht verschont bleiben will“ stellt:
Liebe Schwestern und Brüder,
haben Sie heute Morgen den Tannenbaum betrachtet? Er strahlt noch immer Ruhe und Harmonie aus. Doch die Liturgie der Kirche bricht heute radikal in diese Weihnachtsidylle ein.
Gestern das neugeborene Kind im weichen Stroh – heute der junge Stephanus unter einem Hagel von harten Steinen.
Mancher mag sich fragen: Muss das sein? Warum feiern wir am zweiten Weihnachtstag ein so blutiges Ereignis? Wäre es nicht schöner, noch einen Tag länger einfach nur „verschont zu bleiben“ von der Härte der Welt?
Interessanterweise ist das Fest des Stephanus sogar älter als das Weihnachtsfest selbst.
Die frühen Christen wussten: Das Licht, das in der Heiligen Nacht in Betlehem aufstrahlt, zeigt seine wahre Kraft erst dort, wo es dunkel wird. Stephanus ist der erste, an dem Weihnachten „ernst“ wird.
Er zeigt uns: Die Botschaft von der Menschwerdung Gottes ist kein Winterschlaf für die Seele, sondern ein Weckruf zum Leben.
In der Apostelgeschichte hören wir heute, dass das Gesicht des Stephanus im Verhör leuchtete „wie das eines Engels“.
Stellen wir uns das einmal vor: Da ist ein Mensch in Lebensgefahr, umringt von Hass. Und doch strahlt er.
Dieses Leuchten ist kein billiger Heiligenschein. Es ist das Leuchten eines Menschen, dem innerlich etwas aufgegangen ist.
Wir alle kennen solche Momente: Wenn ein Mensch liebt, wenn jemand für eine gute Sache brennt oder wenn ein Kind vor Staunen große Augen macht – dann leuchtet etwas auf.
Fundamentalisten leuchten nicht – sie verbrennen andere. Ideologen leuchten nicht – sie sind oft von einer kalten Verbissenheit. Aber wer von der Liebe Gottes berührt ist, der beginnt zu strahlen.
Hilde Domin hat das in ihrem berühmten Satz zusammengefasst: „Der Wunsch, verschont zu bleiben, taugt nicht.“
Wir dekorieren unsere Häuser weihnachtlich, um uns eine Insel der Seligen zu schaffen. Aber Weihnachten will uns nicht „verschonen“.
Gott ist in Jesus Mensch geworden, mitten in unsere Sorgen hinein.
Auch wir im Jahr 2025 tragen Sorgen wie ein schweres Kleid: Sorgen um das Klima, um den Frieden in der Welt, um unsere eigene Gesundheit oder die Zukunft unserer Kinder.
Doch Stephanus sagt uns: Du bist dem Licht nicht fern, nur weil es um dich herum dunkel ist. Mitten in der Nacht leuchtet Gott auf.
Stephanus leuchtet nicht nur, er spricht auch frei. Er lässt sich nicht einschüchtern. Das heutige Evangelium verspricht uns: „Der Geist eures Vaters wird durch euch sprechen.“
Dieses freie Wort brauchen wir heute mehr denn je. Wir leben in einer Zeit, in der viele Menschen sich in Echokammern zurückziehen oder aus Angst vor Kritik verstummen.
Doch der christliche Glaube schenkt uns eine Freiheit, die über die bloße Selbsterhaltung hinausgeht.
Wir denken in diesen Jahren oft an Menschen wie Alexej Nawalny, der 2024 in russischer Gefangenschaft starb. Warum kehrte er zurück, nachdem er den Giftanschlag überlebt hatte? Weil er – ähnlich wie Stephanus – eine Wahrheit gefunden hatte, die wichtiger war als sein persönliches Wohlergehen. Er wollte nicht „verschont bleiben“, wenn der Preis dafür das Schweigen zur Ungerechtigkeit gewesen wäre. Solche Menschen erinnern uns daran, dass die Kraft der Liebe und der Wahrheit am Ende stärker ist als jede Einschüchterung.
Der entscheidende Punkt ist: Stephanus sieht weiter als seine Verfolger. Diese sehen nur bis zum Tod, sie sehen nur ihre eigenen Gesetze und ihre Steine. Stephanus aber sieht „den Himmel offen“.
Weit sehen zu können – das ist die große weihnachtliche Gabe. Es bedeutet, in einem kranken Menschen nicht nur die Diagnose zu sehen, sondern ein geliebtes Kind Gottes. Es bedeutet, in einem Flüchtling nicht nur ein Problem zu sehen, sondern einen Bruder oder eine Schwester. Es bedeutet, in der eigenen Kirche nicht nur die Krise und die veralteten Strukturen zu sehen, sondern den lebendigen Geist, der immer wieder Neues schafft.
Wer weit sieht, gewinnt eine neue Freiheit. Wer den Himmel offen sieht, lässt sich von den Mauern der Gegenwart nicht mehr erdrücken.
Wie können wir selbst zu solchen „Leuchtgestalten“ werden? Der Psalm dieses Festtages gibt uns das schönste Gebet an die Hand: „In deine Hand lege ich voll Vertrauen meinen Geist.“
Wo wir an unsere Grenzen stoßen, wo wir resignieren möchten, da dürfen wir alles Gott übergeben. Aber hören wir genau hin: Weihnachten bedeutet, dass Gott dieses Gebet umkehrt. Gott sagt zu uns: „In DEINE Hand lege ich voll Vertrauen MEINEN Geist.“
In der Krippe legt Gott seinen Sohn, sein Licht, seinen heiligen Geist in unsere zerbrechlichen menschlichen Hände. Er vertraut uns sein Licht an, damit wir es weitertragen.
Liebe Schwestern und Brüder, Stephanus wurde verletzt und getötet, aber in Gott ist er heil geworden. Er heilt die Welt noch heute durch seine Hoffnung.
Gehen wir also in diese restlichen Weihnachtstage – nicht mit dem Wunsch, von allem Schweren verschont zu bleiben, sondern mit dem Mut, das Licht Christi in unseren Händen und Herzen zu tragen. Ein Licht, das leuchtet, das frei spricht und das weit sieht.
Das ist Gottes weihnachtlicher Wunsch für uns alle. Ein Wunsch, der wirklich taugt. Amen.



