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In seiner Auslegung zum heutigen Sonntagsevangelium (Joh 1,35-42) betont unser geistlicher Begleiter Pfarrer Christoph Kreitmeir, wie die Begegnung mit Jesus den Alltagstrott erhellt und eine neue Sichtweise sowie neuen Schwung entstehen lässt.

Hier die Worte der Predigt von Pfarrer Kreitmeir als Audio-Datei und anschließend im Text-Format: 

 

 

Sie kennen alle die Redensart „Da vergeht einem Hören und Sehen“, oder?

Bedeuten tut es so viel wie, dass jemand überrascht, verwirrt, überrumpelt oder überfordert ist. Zwei unserer Hauptsinne, das Hören und das Sehen, sind durch ein Erlebnis oder eine Erfahrung so eingeschränkt, dass man fast hilflos wird.

So etwas kann man durch ein schreckliches Trauma erfahren oder durch etwas Wunderschönes erleben. Man kommt mit seinem Alltagswissen und –tun ins Trudeln und Schwanken und muss sich erst mal wieder sortieren.

Im heutigen Evangelium geht es um Jüngerberufungen. Zwei der Jünger des Johannes des Täufers – einer ist Andreas, der Bruder des Simon Petrus – erleben mit ihren Sinnen des Hörens und des Sehens, welche Wirkung Jesus auf ihren Meister und dann später auf sie selbst ausübt. Formulierungen, wie „richtete Johannes seinen Blick auf ihn“, „seht das Lamm Gottes“, „die beiden Jünger hörten“, „Jesus wandte sich um, und als er sah …“, „Kommt und seht!“, „und sie sahen“ , „zuerst gehört …“ und „Jesus blickte ihn an …“ lassen die Lebendigkeit dieser Begegnungen erahnen.

Es sind Begegnungen, die von innen heraus ändern, alles ändern, alles auf Anfang stellen, alles mit neuer Sichtweise und neuem Schwung neu beginnen lässt.

Wir alle befinden uns in einem eingespielten Schema und einem Alltagstrott und nur selten erleben wir solche Momente verändernder Begegnung, die wie Sternstunden sein können.

Irgendwie treibt uns eine innere und nicht selten unklare Sehnsucht an, die letztlich nie ganz erfüllt und befriedigt, befriedet werden kann.

Was verschafft unserem Herzen aber Frieden? Geld, Wohlstand, Karriere und Anerkennung sind es wohl nicht, die uns solch ein Glück schenken können. Viel eher schon sind es gelungene Beziehungen, in denen wir leben, eine sinnstiftende Tätigkeit oder eine Idee, für die wir uns einsetzen können. Für solche Gründe zum Leben aktivieren wir ungeahnte Kräfte und gehen auf uns bisher unbekannten Lebenswegen.

Wir alle kennen das Phänomen der Liebe, manche näher und intensiver, andere vielleicht nur von fern mit steter Sehnsucht danach und wieder andere durch ein überwältigendes Erlebnis einer aufflammenden und lange anhaltenden Liebesenergie.

Jeder Mensch kennt in irgendeiner Form Liebe. Und genau mit dieser Liebe, mit der Sehnsucht nach ihr, nach mehr, nach Sinn arbeitet Jesus.

Er verspricht nicht dies und das, sondern er lädt die neugierigen und sehnsuchtsvollen Sucher in seine Nähe, zum Zusammen- und Mitleben ein. Das, was sie da erlebt haben – es muss außergewöhnlich gewesen sein – hat ihr Leben verändert. Jesus lud sie nicht nur in seine Nähe ein, er blickte sie an. Und dieser Blick muss so besonders gewesen sein… Wohl so, wie es Verliebte auch kennen. Ein Blick in die Augen des Geliebten und du bist hin und weg … So ein Blick geht ganz tief ins Herz, wo die Sehnsucht wohnt. Er geht noch tiefer, er geht in die Seele, die nach Angenommensein, Dazugehörigkeit und vor allem nach Sinnhaftigkeit hungert und dürstet.

Im heutigen Evangelium geht es um Berufung und all das vorher Gesagte und Angedeutete hat mit echter Berufung zu tun. Wie bei der Liebe geht es darum, herauszufinden, ob es nur eine Verliebtheit, eine Liebelei, ein Liebesabenteuer von kurzer Dauer war. All das befriedigt nicht, schenkt keinen Frieden für Herz und Seele. Es geht bei echter Berufung darum, ob die Liebe echt ist, ob sie Höhen und Tiefen, Gesundheit und Krankheit, breite und steinige Wege, gute und schlechte Zeiten aushält und daran wächst.

Jesus will keine Spaziergänger an seiner Seite, er will Begleiter und Nachfolger.

Dazu hat er damals berufen, dazu beruft er heute und dazu wird er auch in Zukunft berufen. Die Ablenkungen, um seinen Ruf mit allen Sinnen wahrnehmen zu können, sind damals wie heute viele, aber:

Die Sehnsucht ruft nach Mehr. Jesus ist dieses Mehr.

Phil Bosmans findet Worte für diese Sehnsucht und Peter Modler schenkt uns in diesem Zusammenhang Sätze, die uns liebevoll einen Spiegel vorhalten wollen:

Viele Menschen wirken manchmal geradezu gequält
durch eine schier unersättliche Sucht
nach immer Neuem, nach immer mehr.
Aber auf diesem Wege werden wir niemals
unserem Herzen auf Dauer Frieden verschaffen.
Denk einmal zurück an alle rauschenden Genüsse,
die dir die Welt in deinem Leben bot.
Warst du zuletzt nicht immer ein bisschen enttäuscht?
Unser Herz verträgt keinen Ersatz!
Unser Herz wird erst Frieden und Ruhe finden
in grenzenloser Güte, in einem Gott,
der «Vater» ist und «Liebe». Ohne es zu wissen,
hungert unser Herz nach ewigem Glück.
Mit weniger können wir uns nicht zufriedengeben.

Aus: Phil Bosmans, Leben jeden Tag. 365 Vitamine für das Herz. Übertragen und herausgegeben von Ulrich Schütz. Herder Verlag, Freiburg Basel Wien 2008 (1999)

BERUFUNG

Ich bin ein Meister im Ausweichen, Herr.
Alles dient mir zum Vorwand.
Ich schütte mich zu mit Arbeit;
ich decke mich ein mit Verpflichtungen;
ich dröhne mir den Kopf zu
mit meinen Terminen.

Du weißt genau,
warum ich das mache:
ich will dich lieber nicht hören.
Ich fürchte deinen Ruf,
ich fürchte den Weg,
auf den du mich vielleicht lockst.

Dass du es gut meinst mit mir,
habe ich ungefähr begriffen.
Aber muss ich deswegen so viel ändern,
wie ich insgeheim vermute?

Sei nicht zu nachsichtig mit mir, Herr,
wenn du meine Tricks durchkreuzt,
damit ich zu meiner Berufung finde.

Aus: Peter Modler, Für Wanderer und Krieger. Männergebete. Herder Verlag Freiburg Basel Wien 2004.

 

 

Ein schöner Impuls von Pfarrer Kreitmeir wurde aktuell im Donaukurier Ausgabe (16.+17.01.21, S. 42) veröffentlicht: