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Die Worte des heutigen Sonntagsevangeliums (Lk 21,5-19) möchte man wohl eher nicht so gerne an sich heranlassen. In seiner Auslegung plädiert unser geistlicher Begleiter Pfarrer Christoph Kreitmeir dafür, einen kühlen Kopf zu bewahren, nüchtern und realistisch zu bleiben, sich nicht von der Angst beraten oder einschüchtern zu lassen, auf Gott zu vertrauen, aus der Geschichte zu lernen, sich zu engagieren und an die Kraft der Wandlung zu glauben.

Hier die Worte seiner Predigt

Jetzt haben wir Gott sei Dank die Hälfte des Totenmonats November schon überstanden, die Dunkelheit, die Kälte und das ungemütliche Wetter werden zwar noch zunehmen, aber da ist ja schon der Advent in Aussicht mit seiner Gemütlichkeit, seinem Kerzenschein, den einladenden Düften und Weihnachtsmärkten.

Und jetzt solche ungemütlichen Texte in der Kirche, die einem wirklich Angst machen. So etwas will man nicht hören, so etwas will man schon gar nicht erleben.

Mir läuft der kalte Schauer über den Rücken, wenn ich die Worte an mich heranlasse, denn Ähnliches haben Menschen in der Nazizeit oder im Kommunismus schon erleben müssen: Schreckliche Dinge, Spitzelei in der eigenen Familie, Verhaftungen, Verfolgungen, ein Reich gegen das andere, gewaltige Zeichen am Himmel im brutalen Krieg der Brandbomben.

Erdbeben, Seuchen, Hungersnöte, ja sogar heilige Gottesräume wie Synagogen und Kirchen wurden zerstört, kein Stein blieb auf dem anderen.

All das wird uns am Ende der Zeiten wieder blühen – na, Danke-schön!
Wo ist denn da die frohe Botschaft?
Wo ist denn da der Trost aus der göttlichen Dimension?

Der Evangelist Lukas hatte das Undenkbare, nämlich die Zerstörung des Tempels in Jerusalem im Jahr 70 nach Christus durch die Römer miterleben müssen. Diese Katastrophe wird von ihm in einer Reihe all der anderen Katastrophen gesehen, die es schon gab und die noch kommen werden. Sein Trost liegt darin, dass Jesus selbst allen, die bis zuletzt treu und standhaft bleiben, seine Nähe und seinen Beistand zusagt: „Selbst, wenn man euch töten sollte, euch wird kein Haar gekrümmt werden und ihr werdet das Leben gewinnen.“

Solche Lebens- und Glaubenszeugnisse gab es zu allen Zeiten, denken wir an die bekannten Märtyrer der dunklen Zeiten, an all die Unbekannten heute in den chinesischen, nordkoreanischen und anderen Gefängnissen. Und denken wir an die unzähligen Blutzeugen der ersten drei Jahrhunderte, die bis heute die unerschütterliche Säule der Kirche sind.

Alle zeichnete ihr Vertrauen auf Gott, ihre Hoffnung auf Gottes ausgleichende Gerechtigkeit und ihr Wissen um ein ewiges Leben aus, dem gegenüber das irdische Leben zweitrangig ist.

Genau diese Einstellungen helfen angesichts von all diesen Katastrophen den kühlen Kopf zu bewahren, wenn ich das mal so sagen darf. Man darf sich selbst nicht verrückt machen oder von anderen verrückt machen lassen, denn Angst lähmt und Ohnmacht hilft nicht weiter. Diese Negativkräfte gebären nämlich weitere Gefahren: Man läuft dann leichter Unheilspropheten und Lösungsverkündern nach, die Rattenfänger sind und letztlich immer nur ihren eigenen Nutzen im Sinn haben. Eine weitere Gefahr ist es dann, die Hände in den Schoß zu legen, nichts zu tun, den Kopf in den Sand zu stecken, apathisch auf das Ende zu warten oder Feste feiernd und tanzend den Untergang der Titanic abzuwarten.

Paulus kennt diese Gefahren. Deshalb schreibt er sehr nüchtern in seinem Brief an die Thessalonicher, dass sie ihren täglichen Pflichten nachgehen und arbeiten sollen. Der Reformator Martin Luther war da vom selben Geist. Er soll gesagt haben:

„Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch eine Apfelbäumchen pflanzen.“

Dieses Zitat bewegte zum Beispiel 1985 den berühmten Liedermacher Reinhard Mey zu seinem Lied „Mein Apfelbäumchen“ und wurde sein Leitmotiv, als er 1989 seine Lieder aus dem Zusammenleben mit Kindern in einem Album zusammenfasste, um mit dessen Erlös die Arbeit der Kinderkrebshilfe zu unterstützen. (Quelle: reinhard-mey.de)

Und unser derzeitiger Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hatte vor kurzem vor einer Weltuntergangsstimmung angesichts der zunehmenden Klimakatastrophe gewarnt. Er verteidigt immer wieder vehement die Werte der Demokratie gegenüber zunehmenden autokratischen Tendenzen in unserer Welt, die mit einfachen Lösungen und eisernem Besen die zunehmende Angst der Menschen ausnutzen wollen. (Quelle: welt.de)

Den kühlen Kopf bewahren, nüchtern und realistisch bleiben, sich nicht von der Angst beraten oder einschüchtern lassen, auf Gott vertrauen, aus der Geschichte lernen, sich engagieren und an die Kraft der Wandlung glauben.

Die Natur hat die schlimmsten Katastrophen überstanden und neues Leben hervorgebracht. Menschen haben unmenschliche Systeme überlebt und sind aus Ruinen wieder auferstanden. Geistige Ideen überleben die Welt des Staubes.

Es ist da eine ganz besondere Kraft, die unzerstörbar ist. Diese Kraft will entdeckt, aus dieser Kraft will geschöpft werden. Diese Kraft ist stärker als alle Angst und jeder Tod. Jesus Christus hat aus dieser Kraft gelebt.

Er lebt weiter aus dieser Kraft und lässt uns daran teilhaben: Und wenn morgen die Welt untergehen sollte, dann werde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen. Amen.

 

Hinweis: Vor kurzem ist das neue Buch „Der Seele eine Heimat geben“ von Pfarrer Christoph Kreitmeir erschienen. Mehr dazu HIER

 

Hier der Song „Mein Apfelbäumchen“ von Reinhard Mey: