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In seiner Auslegung des heutigen Sonntagsevangeliums (Joh 10,27-30) gibt unser geistlicher Begleiter Pfarrer Christoph Kreitmeir eine interessante und wohl etwas andere Deutung des „guten Hirten“, wie man sie sonst zu hören bekommt. Dabei war ihm wichtig, das innere Bild des guten Hirten als lebensbegleitendes inneres Feuer zu spüren und daraus dann in reiferen Jahren zum guten Hirten für sich selbst zu werden. Moderne Worte, wie „Selbstfreundschaft“ und „Selbstfürsorge“ umschreiben diese Seelenqualität seiner Meinung nach sehr gut.
Außerdem möchte er mit seiner Auslegung vier Bereiche, die alle am heutigen 12. Mai Bedeutung haben, miteinander verbinden: Jesus als guter Hirt; „Hirtendienste“ wie Priester und Ordensberufe; Muttertag und Internationaler Tag der Pflegenden.

Hier die Worte seiner Predigt

„Meine Schafe hören auf meine Stimme … Sie werden niemals zugrunde gehen und niemand wird sie meiner Hand entreißen.“

Diese Worte des „guten Hirten“ aus dem heutigen Evangelium hinterlassen in einer Seele eine Sehnsucht nach Geborgenheit, nach Halt, Schutz und Führung. Diese Sehnsucht will gespürt werden …

Hanns Köbler brachte sie einmal in folgende Worte, die dann zu einem bekannten Kirchenlied wurden:

Ich möchte´, dass einer mit mir geht
der’s Leben kennt, der mich versteht,
der mich zu allen Zeiten
kann geleiten.
Ich möcht‘, dass einer mit mir geht.

Ich wart´, dass einer mit mir geht,
der auch im Schweren zu mir steht,
der in den dunklen Stunden
mir verbunden.
Ich wart´, dass einer mit mir geht.

Es heißt, dass einer mit mir geht,
der’s Leben kennt, der mich versteht,
der mich zu allen Zeiten
kann geleiten.
Es heißt, dass einer mit mir geht.

Sie nennen ihn den Herren Christ,
der durch den Tod gegangen ist;
er will durch Leid und Freuden
mich geleiten.
ich möcht‘, dass er auch mit mir geht.

„Ich möcht, dass so einer mit mir geht …“ – wer von will das nicht?

Die Sehnsucht nach einem Seelenfreund, einem Seelenbegleiter auf den Wegen durch´s Leben wird in einem wunderschönen Bild in der Bibel immer wieder ausgedrückt: Das Bild vom „guten Hirten“. Dieses Bild ist uneinholbar schön, tröstend und kraftgebend.

Der gute Hirt kennt die seinen, er fühlt mit ihnen, er trägt sie, wenn sie müde und erschöpft sind, er holt sie zurück, wenn sie sich verrannt oder verirrt haben. Wer Jesus für sich persönlich als diesen guten Hirten erfahren durfte und erfahren darf, der wird diese Erfahrung nie mehr vergessen. Sie begleitet ihn wie ein inneres Feuer, das immer wieder von Innen heraus wärmt.

Seelenverwandtschaft, Gleichklang der Herzen, Übereinstimmung in Lebensanschauungen und Lebenszielen … Wer dies in Freundschaft, Partnerschaft, Ehe erfahren kann, der gehört zu den wirklich glücklichen Menschen. Wer dies gar nicht kennt, ist letztlich ein armer Zeitgenosse. Die meisten von uns kennen mehr oder weniger solche Erfahrungen und vermissen sie schmerzlich, wenn sie verloren gingen oder lange auf sich warten lassen.

Im Laufe des Lebens gehört es zu den inneren Entwicklungen eines Menschen, für sich selbst zu einem „guten Hirten“, einer „guten Hirtin“ zu werden, „Selbstfreundschaft“ einzuüben und dabei gelassen zu werden, sind wichtige Schritte hin zu einer reifen Persönlichkeit.

Der Philosoph und Bestsellerautor Wilhelm Schmid weist in seinem Buch „Selbstfreundschaft – Wie das Leben leichter wird“ einen Weg zu einer echten Freundschaft mit sich selbst auf, die ein Selbstvertrauen begründet, die einen besseren Umgang mit sich selbst und auch ein besseres Miteinander ermöglicht.

Neben der Selbstfreundschaft kommt eine weitere wichtige Lebenskunst hinzu: Die Selbstfürsorge. Was ist das?
Das hat nichts mit Egoismus zu tun, sondern es setzt das Bild des guten Hirten, der wir selbst für uns sein dürfen, konkret um.

Selbstfürsorge bedeutet, in deinem Alltag deine Bedürfnisse wahr und ernst zu nehmen, einen achtsamen Blick für dich, deinen Körper und deine Seele zu entwickeln.

Der heutige Sonntag ist nicht nur traditionell der Sonntag des „Guten Hirten“, wo die Kirche ihr Augenmerk besonders auf die Berufungen zum „Hirtendienst“ im Priester- und Ordensberuf lenkt, heute ist auch Muttertag. Und, das wissen nur wenige, heute ist der internationale Tag der Pflegenden.

Alle – Priester, Ordensleute, Mütter und Pflegende daheim, in Alten- und Pflegeheimen oder in Krankenhäusern – alle verbindet die innere Einstellung, zuerst an andere zu denken, zuerst für andere da zu sein, ihnen zu helfen.

Was für eine wunderbare Persönlichkeitsqualität in Zeiten, wo man von klein auf beigebracht bekommt, zuerst an sich, an seine Optimierung und an seinen und nur an seinen Gewinn zu denken.

Es gibt sie Gott sei Dank die Menschen mit Gute-Hirten-Qualitäten.

ABER diese Menschen müssen aufpassen, sich nicht zu verausgaben, sich nicht zu überfordern, nicht auszubrennen. Selbstfreundschaft und Selbstfürsorge sind hier die Quellen des Auftankens, des Regenerierens, der Kraft.

Wir Seelsorger und Seelsorgerinnen des Klinikum Ingolstadt haben in der letzten Woche das Pflegepersonal auf allen Stationen besucht, Ihnen unseren echten Dank für ihren vielfältigen Dienst an den Kranken ausgesprochen und dann eine schöne Fotokarte geschenkt, auf deren Vorderseite eine sprudelnde Wasserschale zu sehen ist. Auf der Rückseite sind die berühmten Zeilen über die Schale des hl. Bernhard von Clairvaux (1090 – 1153) aus den Predigten über das Hohe Lied, Predigt 18 zu lesen, die hochaktuell sind und die ich sehr gerne auch an Sie weitergeben möchte:

Wenn du vernünftig bist, erweise dich als Schale, nicht als Kanal,
der fast gleichzeitig empfängt und weitergibt,
während jene wartet, bis sie gefüllt ist.
Auf diese Weise gibt sie das, was bei ihr überfließt,
ohne eigenen Schaden weiter.

Wir haben heutzutage viele Kanäle in der Kirche, aber sehr wenige Schalen.
Diejenigen, durch die uns die himmlischen Ströme zufließen,
haben eine so große Liebe, dass sie lieber ausgießen wollen,
als dass ihnen eingegossen wird,
dass sie lieber sprechen als hören,
dass sie bereit sind zu lehren, was sie nicht gelernt haben,
und sich als Vorsteher über die anderen aufspielen,
während sie sich selbst nicht regieren können.

Lerne auch du, nur aus der Fülle auszugießen,
und habe nicht den Wunsch, freigebiger als Gott zu sein.
Die Schale ahmt die Quelle nach.
Erst wenn sie mit Wasser gesättigt ist, strömt sie zum Fluss, wird sie zur See.
Die Schale schämt sich nicht, nicht überströmender zu sein als die Quelle …

Du, tue das Gleiche! Zuerst anfüllen und dann ausgießen.
Die gütige und kluge Liebe ist gewohnt überzuströmen, nicht auszuströmen …

Ich möchte nicht reich werden, wenn du dabei leer wirst.
Wenn du nämlich mit dir selbst schlecht umgehst, wem bist du gut?
Wenn du kannst, hilf mir aus der Fülle; wenn nicht, schone dich.

Bernhard von Clairvaux (1090–1153): Predigten über das Hohelied, Predigt 18

 

Mehr Anregungen und Impulse von Pfarrer Christoph Kreitmeir gibt’s HIER