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Seine Auslegung zur heutigen Sonntagslesung (Hiob 7, 1-4.6-7) und zum Sonntagsevangelium (Mk 1, 29-39) stellt unser geistlicher Begleiter Pfarrer Christoph Kreitmeir unter den vielsagenden Titel Klagen JA, Jammern NEIN“.

Hier die Worte seiner Predigt als Audio-Datei und anschließend im Text-Format:

 

 

„Unser täglich Jammer“, so heißt doch tatsächlich ein kleines Büchlein von Christine Teufel/Christoph Quarch, das ich schon länger in meinem Bücherschrank stehen habe. Mit Zitaten berühmter Persönlichkeiten kann man lernen, wie man „geistreich klagt und seufzt“. So lautet auch der Untertitel des Büchleins. Und jetzt halten Sie sich fest! Als Einmerker hat dieses handliche Jammerbrevier einen Originaljammerlappen.

Auf humorvolle Weise wird hier eine Untugend des Menschen auf´s Korn genommen – das Jammern. Die Deutschen machen das sehr gerne: Jammern und über das Gejammere der anderen sich beschweren.

Jammern und Klagen sind nicht das Gleiche, da gibt es ganz entscheidende Unterschiede.

Wer jammert, der dreht sich um sich selbst und seine Probleme. Dazu ein paar Beispiele:

  • Ach, die Welt ist so schlecht!
  • Warum trifft es eigentlich immer nur mich?
  • Mein Gott – bin ich arm dran!
  • Warum hat denn keiner Mitleid mit mir?

Manchmal ist das Leben wirklich schwer. Und ungerecht. Es gibt Tage, da scheint sich die ganze Welt gegen einen zu verschwören. Nichts klappt, nichts läuft, wie es soll. Das Ei zu hart, die Dusche zu kalt, die Milch im Kaffee flockt. Ohje! (seufzend) Oh jeminee!

Der Jammerer will eigentlich gar nichts an der Misere ändern, über die er jammert, denn sonst hätte er nach der Lösung dieser ja nichts mehr zum Jammern.

Gejammertes Leid ist doppeltes Leid. Der Jammerer will Mitleid erhaschen, was anfangs auch oft funktioniert. Hört er aber nicht zum Jammern auf, nervt er nur noch seine Umgebung, was wiederum seinem Jammern neue Nahrung gibt. Das Jammern nimmt kein Ende und es hilft nicht und es raubt Kraft und Energie. Dem Jammernden wird es nicht leichter, eher im Gegenteil.

Klagen hingegen hilft aber und bringt weiter.

Geklagtes Leid ist halbes Leid. Die Klage hat eine Adresse, sie wendet sich an jemanden. Sie braucht nicht viele Worte, kommt aus tiefsten Herzen und ihre Worte sind nicht selten erschütternd. Nach der Klage ist dem Klagenden etwas leichter um´s Herz, wenigstens eine Zeit lang.

Wer klagt, sucht eine Lösung.

Klagen ist kein Selbstzweck und auch kein Dauerzustand. Das Klagen hilft, die belastende Situation auf irgendeine Weise anzunehmen.

Viele solcher Klagen finden sich in der Heiligen Schrift, der Bibel. Ich finde das so erleichternd, denn wir Menschen müssen klagen dürfen, wenn wir seelisch nicht erstarren sollen.

Um im Leid nicht zu versinken, um Unerträgliches doch ertragen zu können, brauchen wir dieses Ventil, benötigen wir eine höhere Macht, vor der wir klagen können.

Wer klagt, tut dies nicht bei jedem, er wendet sich an eine Instanz seines Vertrauens, wo er sein Herz ausschütten kann.

Wir haben gerade in der Lesung die Klage von Hiob gehört, der Prophet Jeremia hat bittere Worte der Klage und in den Psalmen finden sich Formulierungen, mit denen wir alle etwas anfangen können, wenn es uns nicht gut geht:  „Wie lange noch muss ich Schmerzen ertragen in meiner Seele, in meinem Herzen Kummer, Tag für Tag… meine Seele will sich nicht trösten lassen… Ich bin so voller Unruhe, dass ich nicht reden kann…“ ( Ps 77)

Wer klagt, der sehnt sich nach Heilung seines Schmerzes. Auch, wenn im Moment noch gar nichts davon zu spüren ist.

Menschen, die nicht an Gott glauben können oder wollen, haben auch Worte der Klage. Diese bleiben ihnen aber im Mund stecken, da sie keinen Adressaten haben, wohin sie ihre Klage richten können. So eine Klage geht ins Leere, sie erwartet nichts und bekommt auch nichts. Sie verstummt mit der Zeit und dadurch wird der Klagende krank – seelisch und körperlich.

Klage als Gebet formuliert – so wie es Hiob tut – hält die Hoffnung am Leben. Christen dürfen in ihrem Gebet auch klagen, sie dürfen in Jesus Christus ihre Tiefen und Dunkelheiten ans Licht bringen.

Vertrauendes und klagendes Gebet wird von Jesus Christus übernommen. Er trägt es, er duldet es und er verwandelt es.

Für mich ist ein sehr ausdrucksstarkes Sinnbild des soeben Gesagten die weltberühmte Wieskirche. Seit Jahrhunderten wird dort der sog. „Geiselheiland“ verehrt. Es handelt sich um eine einfache Statue des an einer Martersäule gebundenen Jesus, der Leid, Schmerz und Gefangensein aushält. Gläubige Menschen können sich mit ihrem eigenen Leid darin finden und gleichzeitig glaubend wissen, dass Jesus ihr Leid kennt und mitträgt. Das Wunderbare an dieser Kirche ist aber, dass über allem Dargestellten das Deckengemälde einen auferstandenen Jesus Christus zeigt, der auf einem Regenbogen steht und mit seinem rechten Zeigefinger auf sein geöffnetes Herz zeigt.

Der gläubige Christ weiß, dass das Leid, der Schmerz und der Tod nicht das letzte Wort haben, sondern im offenen Herzen Gottes, in seiner Liebe zu uns eine Heimat haben!

Für mich entscheidend ist, dass ich Gott ehrlich sagen kann, wie es mir geht. Dass ich meine Unklarheiten ihm und dem Leben gegenüber herausrufen und klagen darf und dabei bei ihm auf „offene Ohren“ und Verständnis stoße. Und vielleicht komme ich irgendwann zur weisen Erkenntnis:

Egal, was Gott als Schicksal für mich zulässt, egal, wie mir das Leben übel mitspielt, ich vertraue darauf, dass alles, das Gute und das Schwere, in seinen Händen geborgen ist und letztlich zu einem guten Ende führt.

Die Klage verwandelt Hiob. Es löst sich etwas in ihm und auch bei seinen Problemen. Sein weiter Weg von der Klage bis zur Erkenntnis kann auch der meine werden: „Der Herr hat´s gegeben, der Herr hat´s genommen, der Name des Herrn sei gepriesen“. (Hiob 1,21) Hiob lernt, dass sich die Frage nach dem „Warum?“ nicht beantworten lässt, er lernt mit ihr zu leben.

Das Hiob-Buch in der Bibel ist nicht nur für uns selbst ein ganz wichtiges Buch, sondern auch für die Seelsorge. Warum? Es bringt Erfahrungen mit dem Leben und mit Gott in Worte, die einem im Leiden oft fehlen. Das Leben und auch Gott kann als unfair, ungerecht oder hart erfahren werden, ja auch als brutal. Gott wird nicht selten als einer wahrgenommen, der einen im Stich lässt oder einen gar nur noch Schlimmes schickt. Für Menschen, die Gott so erfahren, kann es wirklich entlastend sein, dass es ein biblisches Buch gibt, das zeigt, dass solche Erfahrungen ihren Raum haben. Sie haben aber nicht das letzte Wort.

Laut dem Buch Hiob darf man im Leid auch toben, zweifeln, klagen und anklagen.

Wichtig ist nur, dass man mit Gott „im Gespräch“ bleibt.

Und als Freund oder Begleiter von jemandem, der im Leid steckt, ist es wichtig, zunächst einfach zuzuhören, da zu sein, das Leiden des anderen mitzutragen und sich davor zu hüten, dem Leidenden fromme Ratschläge oder Hilfen aus der Küchenpsychologie anzubieten.

Der Christ weiß: Ich darf auch klagen. Ich darf erfahren, dass Gott in seiner Ferne doch da ist, dass er uns durch Jesus Christus einen Bruder, Freund und Heiland geschenkt hat, von dem wir lernen können, was es heißt, ein Herz, ein Ohr und eine Hand für den Leidenden zu haben.

Amen.

 

Ein Zeuge der Worte von Pfarrer Kreitmeir ist der 23-jährige YouTuber Philipp Mickenbecker von den „Real Life Guys“, der mit Krebs im Endstadium sich von Jesus Christus als „Bruder, Freund und Heiland“ getragen weiß: