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In seiner Auslegung der Sonntagslesung vom vergangenen Sonntag (Gen 18, 20-32) lässt Pfarrer Rainer Maria Schießler u.a. ersichtlich werden, was uns ein alttestamentlicher Text heute sagen kann und wie allzu starre Auslegungen und unbarmherzige Haltungen am Evangelium Jesu Christi scheitern.

Hier die Auslegung von Pfarrer Schießler zu Gen 18, 20-32

„Sodom und Gomorra“!

Niemand konnte diese beiden Worte wohl so eindringlich aussprechen wie die berühmte Hausmeisterin Else Kling in der Fernsehserie „Die Lindenstraße“. Zwei Worte als Ausdruck für wüsteste, unmoralische Zustände, in denen selbstverständlich nur andere leben. Von den v.a. sexuellen Abartigkeiten, für die diese Begriffe meistens stehen, ist in den Verhandlungen Abrahams in der Lesung heute am Sonntag mit Gott keine Rede, nicht einmal eine leise Andeutung. Es geht um weit Schlimmeres, nämlich um das „schreiende Unrecht“, das bis zum Himmel dringt.

Gott hasst das Unrecht, Abraham leidet darunter.

Und überall, wo Gewalt und Unrecht einfach hingenommen werden, zerstört sich eine Gesellschaft selbst.

Abraham verhandelt darum, ja streitet mit Gott und er lässt es auch ihm nicht durchgehen, dass das Verderben unschuldiger Menschen in Kauf genommen werden soll. Gott lässt sich auch offenbar umstimmen, verändern und überzeugen. Er bewegt sich und lässt sich bewegen. Das ist eine überraschende Botschaft.

Beide, Gott wie Abraham, suchen nach dem Heil, indem sie heillose Zustände überwinden wollen.

Diese tiefgreifende Leidenschaft, sich trotz allem Übel in der Welt die Menschlichkeit zu bewahren, soll uns Christen kennzeichnen.

Es darf niemals um eine Gerechtigkeit ohne Barmherzigkeit gehen, um Entscheidungen nur stur nach Gesetzeslage: „Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer“, drückt es Jesus von Nazareth aus.

Am Ende sagt Gott zu Abraham: „Wegen einiger Gerechter in der Stadt will ich sie nicht verderben.“ Es sind also nicht die Massen, die unsere Welt retten. Es sind die positiven, engagierten Minderheiten, die unsere Gemeinden am Leben erhalten, die unsere Kirche von unten her reformieren können, die auch das Gesicht eines Landes und eines Volkes verändern. Nicht das Schweigen, nicht die Anpassung rettet Menschen oder ganze Länder, sondern das selbstbewusste Handeln und Verhandeln führt zu mehr Gerechtigkeit und damit zum Frieden. Martin Luther hat es so ausgedrückt: „Beten, als ob alles Tun nichts nützte. Tun, als ob das Beten nichts nützte.“