Im Interview mit Beatrice Tomasetti von domradio.de sprach der Pädagoge Rolf Faymonville, der Schulleiter eines Gymnasiums in NRW ist, über die Bedeutung von religiöser Bildung in der Schule.

Rolf Faymonville, der selbst Latein, Musik und Religion unterrichtet, betont zu Beginn des Interviews, dass der Religionsunterricht den Bildungsauftrag hat, es Kindern und Jugendlichen „wissenschaftspropädeutisch“ zu ermöglichen, „sich kritisch mit den Kernaussagen des Glaubens zu beschäftigen“. Darüber habe er zusätzlich die Aufgabe,

„junge Menschen auch bei der persönlichen Auseinandersetzung mit Gott zu begleiten und ihnen Zugänge zu religiösen Erfahrungsräumen zu erschließen“.

Es gelte den Kindern und Jugendlichen im Religionsunterricht, „eine eigene kritisch-rationale Stellungnahme zu ermöglichen“.

Die Schülerinnen und Schüler seien heute nicht mehr „im konkreten Sinne“ christlich sozialisiert, sondern werden in einem säkularen Umfeld groß. Dennoch gebe es nach wie vor christlich sozialisierte Schülerinnen und Schüler, „mit denen man eine Frühschicht im Advent oder einen Abi-Gottesdienst gestalten kann“, so Faymonville.

Als „sehr bemerkenswert“ bezeichnet es Schulleiter Rolf Faymonville, dass auch „eine ganze Reihe von Nicht-Getauften“ am Religionsunterricht teilnehmen. Dabei sei die Argumentation der Eltern folgende:

„Wir wollen für unser Kind dennoch einen werteorientierten Religionsunterricht. Es soll sich mit den Traditionen und Vorstellungen, die unser christliches Abendland geprägt haben, intellektuell auseinandersetzen und ein Verständnis für die Wurzeln unserer Kultur entwickeln.“

Dies sei der Grund, weshalb sich „manche“ Eltern und Schüler „sehr bewusst“ für eine Teilnahme am Religionsunterricht entscheiden, auch wenn sie keiner Konfession angehören.

Für ihn persönlich spiele in seiner Rolle als Lehrer die Religion „in allen meinen Fächern als persönliche Grundhaltung eine wesentliche Rolle“. Ihm gehe es auch darum,

als Lehrerpersönlichkeit „ein authentisches und glaubwürdiges Zeugnis von der Menschenfreundlichkeit Gottes zu geben und mich am christlichen Wertekodex messen zu lassen“.

In der Position des Schulleiters nehme er es hingegen „sehr ernst, jedem weltanschaulich neutral und unvoreingenommen zu begegnen“.

Weiter verdeutlicht Rolf Faymonville das große Interesse der Schüler von heute am Religionsunterricht. In den unteren Klassen seien die Schüler „sehr wissbegierig, neugierig und von einer kindlichen Offenheit, mit der sie sich dem Thema ‚Jesus‘ nähern“. In der Mittelstufe, wenn die Abgrenzung zu Autoritäten wächst, erlebe er sie „manchmal als kritisch, ablehnend oder gleichgültig dem Thema ‚Gott‘ gegenüber, da sie in diesem Altersbereich primär andere Themen in den Mittelpunkt drängen. So spiele dann Selbstfindung eine wesentliche Rolle, die sich in der Frage „Wer bin ich?“ ausdrückt. Auch die Themen „Freundschaft“, „Erwachsenwerden“ oder „Gerechtigkeit“ seien in dieser Altersphase zunehmend wichtig. In der Oberstufe sehe er „ein reflektiertes Nachfragen und die Auseinandersetzung mit religiösen, moralischen und politischen Fragen“. Dazu betont er:

„Daraus leitet sich für diejenigen, die im privaten Umfeld gute Erfahrungen mit Glaube und Kirche machen, oft auch ein bewusstes Engagement für soziale Projekte und gottesdienstliche Feiern ab. Hier spürt man, dass diese Schüler auf eine unaufdringliche Weise ihre katholische Sozialisation mit einfließen lassen.“

Eine wesentliche Aufgabe des Religionsunterricht in der Schule und in einer immer komplexer werdenden, pluralistischen Welt, sieht Rolf Faymonville auch darin, dass sich die Schüler im Religionsunterricht „mit Fragen nach Gott, mit denen sie auf einer sachlichen Ebene konfrontiert werden, vernünftig und denkend auseinandersetzen“. Als weitere Beispiele nennt er diesbezüglich die Auseinandersetzung mit Fragen wie „Wo stehe ich? Inwiefern berührt mich diese oder jene Aussage des Glaubens in meinem Leben? Wie finde ich eine begründete Haltung dazu?“.

Die leidige Debatte, in der immer wieder Ethik und Praktische Philosophie anstelle von bekenntnisorientierter Religionsunterricht gefordert wird und angeregt wird, die großen Menschheitsfragen statt im Fach Religion im Philosophie-Unterricht zu behandeln, führte in NRW dazu, dass sogar im Landtag über eine Alternative zum bekenntnisorientierten Religionsunterricht für Grundschüler diskutiert wurde, wahrscheinlich ohne zu bedenken, was dadurch verloren ginge. Diesbezüglich betont dann auch Rolf Faymonville den Mehrwert, den der Religionsunterricht leistet.

Dazu gibt er zu bedenken, dass das Fach Philosophie von vielen bevorzugt werde, weil es scheinbar neutral sei. Jedoch sei auch Philosophie weltanschaulich geprägt. Weiter betont er, dass zudem der Religionsunterricht nicht voreingenommen und das Christentum nicht „un-vernünftig“ sei.

Sowohl im Ethikunterricht als auch im Religionsunterricht gehe es, von einem reflektierten Menschenbild ausgehend, um die großen Lebensfragen wie „Woher komme ich?“, „Wohin gehe ich?“, „Was soll ich tun?“. Hier biete sich im Religionsunterricht aber eine Dimension mehr, weil er zur Beantwortung dieser Fragen sowohl die Vernunft als auch die Offenbarung zu Rate zieht: die Offenbarung in der Natur, im menschlichen Denken und in der Geschichte. Hier sieht Faymonville den Mehrwert und sagt weiter:

„Insofern bezieht die Religion zusätzliche Erkenntnisquellen mit ein. Sie bietet, was die Philosophie und die Ethik anbieten. Zugleich aber geht sie über dieses Angebot hinaus, ergänzt eine weitere Perspektive. Entscheidend für Schüler ist dabei der Angebotscharakter. Insofern würden wir den Kindern etwas vorenthalten, wenn wir ihnen ’nur‘ Philosophie an Stelle von Religion anbieten würden.“

Es wäre unvernünftig, wenn dieser Zusatz in der Bildung nicht mehr zum Tragen käme. Darüberhinaus enden die Möglichkeiten des Ethikunterrichts oft gerade da, wo es spannend wird, etwa dann, wenn ein Schüler den Lehrer nach dem plötzlichen Tod des Vaters den Lehrer fragt: „Glauben Sie, dass es den Himmel gibt?“. Es wäre schade, wenn es für solch existenzielle Fragen in der Schule keinen kompetenten Raum mehr gäbe.

Quelle: domradio.de

 

Ein bedenkenswertes Interview zu dieser Thematik gab der Zeit-Journalist Jan Roß

 

Der Religionsunterricht als Grundrecht

Der Religionsunterricht in Deutschland ist als einziges Unterrichtsfach im Grundgesetz abgesichert. Als ordentliches Lehrfach ist er den übrigen Schulfächern gleichgestellt. Schüler können sich aber aus Gewissensgründen abmelden.

Artikel 7 des Grundgesetzes schreibt vor, dass der Religionsunterricht unter staatlicher Aufsicht steht. Da der Staat aber zur weltanschaulichen Neutralität verpflichtet ist, kann er über die Inhalte nicht entscheiden. Über sie bestimmen die Religionsgemeinschaften. Deshalb wird der Unterricht in der Regel nach Konfessionen getrennt erteilt.

Den Religionsunterricht einzurichten ist Sache der Länder. In zwölf der 16 Bundesländer ist Religionsunterricht normales Fach. Vier Bundesländer haben andere Regelungen. Bremen, Berlin und Brandenburg berufen sich dabei auf die im Grundgesetz festgeschriebene „Bremer Klausel“, nach der Religion als ordentliches Lehrfach in denjenigen Bundesländern keine Anwendung findet, in denen zum 1. Januar 1949 eine andere Regelung bestand. (kna/Stand 16.12.16)

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