Der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann hat am Dienstag in Stuttgart auf die Bedeutung des Gebets in der aktuellen Krisenzeit hingewiesen. Der 71-Jährige bekennt sich seit Jahren ganz selbstverständlich zu seinem katholischen Glauben, den er nach seinem Austritt aus der Kirche mit seinem Wiedereintritt neu entdeckte.

Wie der evangelische Pressedienst (epd) berichtet, brachte der Grünen-Politiker sein Bedauern zum Ausdruck, dass derzeit keine Gottesdienste stattfinden können. Dabei ermutigte er zum individuellen Gebet mit Verweis, dass Jesus das Gebet im „stillen Kämmerlein“ statt in der Öffentlichkeit empfohlen habe. Dazu betonte er:

„Das Beten wird nicht eingeschränkt, sondern es wird nur das Beten in der Gemeinschaft eingeschränkt.“

Und weiter:

„Der liebe Gott weiß ja auch, dass wir jetzt in einer Krise sind.“

 

Winfried Kretschmann hält mit seinen Glauben nicht hinterm Berg. Als er im Mai 2011 in Baden-Württemberg zum ersten Ministerpräsidenten der Grünen in Deutschland gewählt wurde, stand er in Interviews ganz selbstverständlich zu seinem Glauben und legte auch den Amtseid einschließlich der Formulierung „so wahr mir Gott helfe“ ab. Gegenüber dem Magazin Bunte erklärte Kretschmann im Dezember 2012, dass er durch den Glauben an Gott besser mit seinem Amt umgehen könne. Diesbezüglich sagte er:

„Der Glaube ist mir wichtig. Er ist etwas, was mich befreit. Ich weiß, als Politiker kann ich immer scheitern.“

Weiter erläuterte der katholische Politiker:

„Zu wissen, dass man vor Gott und seiner Familie nicht scheitert, ist wichtig. Deshalb kann ich mein Amt ohne Angst ausüben. Ich habe Rückhalt in Gott und in meiner Familie. Dadurch kann ich meine Aufgaben als Ministerpräsident mit Gelassenheit angehen.

 

In einem bemerkenswerten Interview mit dem Journalisten Hanno Gerwin sprach Winfried Kretschmann in dessen Sendung „Gerwin trifft“ über seinen Glauben, der in seiner Kindheit grundgelegt wurde, und auch über seine Beweggründe zum Kirchenaustritt und späteren Wiedereintritt. Dazu berichtete Kretschmann, dass er in einem liberal-katholischen Elternhaus aufwuchs. Als Jugendlicher wurde er beim Besuch eines katholischen Internats mit schlechten Erfahrungen im Glauben konfrontiert. Dort begann sein Missmut gegen „dieses ganze autoritäre Gehabe, das dort herrschte, dieser Zwang und diese Gehorsamsideologie bis hin zu Schlägen“. Diese Zeit gehöre „zu den schlechtesten Erfahrungen, die ich in meinem Leben überhaupt gemacht habe“, so Winfried Kretschmann weiter. Diese „ganz andere Seite der katholischen, vorkonziliaren, autoritär geprägten Kirche“ habe ihn von seiner Kirche und sogar vom Glauben derart entfernt, so dass er als Student schließlich aus der Kirche austrat.

Die Sehnsucht nach Gott ließ ihn aber nie wirklich los. So erklärte Kretschmann gegenüber Hanno Gerwin:

„Es gab für mich immer Brücken. Gott bewegte mich stets.“

Auch in den Zeiten, in denen er sich nicht mit Gott und Kirche beschäftigt habe, seien die Kirchenmusik und die Kunst immer Brücken gewesen, „die niemals abbrachen. Nie!“, äußerte der Politiker deutlich.

Nach einem Prozess der Versöhnung trat Winfried Kretschmann wieder in die katholische Glaubensgemeinschaft ein. Dazu erklärte er bei „Gerwin trifft“:

„Ich glaube, ohne Kirche kann man kein Christ sein. Das Christentum ist eine Gemeinschaftsreligion, eine soziale Religion. Jesus ja, Kirche nein – das halte ich für einen blöden Spruch. Christ ist man in einer Gemeinschaft, das geht anders nicht.“

Weiter erklärte er, dass die Entscheidung, wieder in die Kirche einzutreten, eine andere sei als die eines Austritts, „weil man seinen Frieden mit der Institution gemacht haben muss, und zwar radikal, mit alldem, was einem nicht passt“, so Kretschmann.

 

Im Interview mit der Wochenzeitung Die Zeit sprach Winfried Kretschmann im März 2015 auch über seinen Glauben. Auf Nachfrage bestätigte er, dass der Schutzengel, den ihn eine evangelische Pfarrerin zu Beginn seiner Amtszeit schenkte, noch immer auf seinem Schreibtisch steht. Auf die anschließende Frage, wovor ihn der Engel beschützt habe, erklärte der baden-württembergische Ministerpräsident, dass ihn sein Glaube vor Überheblichkeit, Ängsten und „vor vielem, was einen immer bedroht in so einem Amt“ schützen würde. Beim Blick auf den Engel, der „ja erst mal ein Kunstwerk“ sei, setze er sich mit Fragen wie „Wo liegen meine Gefährdungen, wo liegen meine Ängste, wo liegen meine Grenzen?“ auseinander, so Kretschmann weiter.

Im Zeit-Interview sprach er auch über die Phase nach seinem Kirchenaustritt, als er sich nicht mehr vernunftbegründet mit dem Glauben auseinandersetzte und in die Fänge einer kommunistischen Sekte geriet. Dazu sagte er rückblickend:

„Ich habe zu unreflektiert geglaubt, und vor allem zu eng.“

Diese Erfahrung gehe ihm „bis heute nach“ verbunden mit der Frage, wie es kommen kann, „dass man als gebildeter Mensch auf einmal in so einer Sekte landet“. Diesbezüglich brachte er zum Ausdruck, dass er in dieser Zeit die Welt nur noch  „durch einen Tunnelblick“ gesehen habe. So wie die Zeugen Jehovas mit ihrem Wachtturm habe er damals „mit der Kommunistischen Volkszeitung vor irgendeinem großen Betrieb gestanden“.

Durch die vernunftbegründete Auseinandersetzung mit dem Glauben im Rahmen der Institution Kirche hat Winfried Kretschmann heute wieder einen Blick auf Gott, der ihn trägt und nicht verblendet.

Zu seinem Gottesbild ließ Winfried Kretschmann im Zeit-Interview durchblicken, dass Gott für ihn jemand ist, der ihn an seine eigenen Grenzen erinnert. Dazu betonte er:

„Ich glaube nicht an einen Gott, der einem die schweren Dinge im Leben einfach abnimmt.“

Quellen: evangelisch.de, bunte.de, focus.de, gerwinntrifft.de, promisglauben.de, zeit.de