Foto: © Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons), Maischberger - 2018-09-26-8482, cropped, CC BY-SA 4.0

Heute vor 70 Jahren erblickte Deutschrock-Legende Wolfgang Niedecken, der 1976 die Kölsch-Rockband BAP gründete, das Licht der Welt. Als Kind wuchs er im katholischen Glauben auf. Heute bezeichnet er sich als restkatholisch. Atheist war er jedoch nie (wir berichteten).

Mit Songs wie „Verdamp lang her“ oder „Kristallnaach“ schrieb Niedecken mit seiner Band BAP deutsche Musikgeschichte. Mit 12 Nummer-Eins-Alben zählt BAP zu den erfolgreichsten Bands Deutschlands.

Neben den Höhen sind Wolfgang Niedecken aber auch die Tiefen des Lebens vertraut. Bereits 1980 verstarb sein Vater Josef, wenige Monate bevor BAP deutschlandweit durchstarteten. Der Bandnamen bezieht sich auf seinen Vater. „Bapp“ ist das kölsche Wort für Papa. Aus ästhetischen Gründen wurde das zweite „p“ im Bandnamen weggelassen. Im Song „Verdamp lang her“, der zur Partyhymne avancierte, nimmt Wolfgang Niedecken im ruhigen Teil des Liedes Bezug auf seinen Vater (siehe unten).

Im Jahr 2000 starb seine Mutter Tiny. Für ein Foto zur Berichterstattung über seinen 70. Geburtstag ließ sich Niedecken am Grabstein seiner Eltern in Köln ablichten, begleitet mit den Worten: „Tja, die Mamm und der Bapp.“

In den Grabstein seiner Eltern ist eine Mariendarstellung eingelassen. Sein Vater Josef war ein großer Verehrer der Gottesmutter. Den katholischen Glauben gab er auch an seinen Sohn Wolfgang weiter. Davon ist bis heute etwas übrig geblieben. In einem Interview im Januar 2016, das in der Augsburger Allgemeinen zu lesen war, antwortete Wolfgang Niedecken auf die Frage, ob er an Gott glaube:

„Ich bin so was wie restkatholisch.“

Weiter sagte er, dass er die „katholische Grundhaltungen aus der Familie so verinnerlicht habe, dass ich da nicht gegen ankomme“.

Die christliche Prägung klingt gerade in seinen neueren Songs durch, wie etwa bei  „Dä Herrjott meint et joot met mir“ (Der Herrgott meint es gut mit mir) oder „Absurdistan“ mit der prägnanten Schlusszeile Kyrie Eleison (Herr erbarme dich).

Über sein Gottesbild sagte Niedecken, der als Kind Messdiener war, vor Jahren einmal:

„Jedenfalls glaube ich, dass es nicht ausgeschlossen ist, dass es diesen Gott gibt, und wenn dann ist das ein Guter, davon bin ich fest überzeugt.“

Im Domradio-Interview im September 2016 mit Wolfgang Niedecken wird berichtet, dass die Wurzeln für sein soziales Engagement in seinem katholischen Elternhaus liegen. Dazu betonte Niedecken mit Bezug auf den Song „Der Herrjott meint et joot met mir“:

Dieser Herrgott ist auch so ein bisschen Kinderglauben. So habe ich eigentlich mein Leben lang gelebt. In meinem Elternhaus gab es diese Marienfigur zwischen Paterre und der ersten Etage, wo ein ewiges Licht davor war. Ich komme aus einem sehr katholischen Elternhaus und der Name Herrjott fiel jeden Tag zwanzigmal. Der Ausspruch „Unser Herrjott“ war immer ganz wichtig.“

Und weiter:

„Dieses Gottvertrauen war in meinem Elternhaus eine feste Instanz. Und ich bezeichne mich ja auch als restkatholisch.“

Gott pfeife ihn manchmal zurück – wie ein guter Freund das auch tue, sagte der BAP-Frontmann im Sommer 2019 dem vom Bistum Limburg herausgegebenen Magazin „Eulenfisch“.

 

Vor 10 Jahren erlitt Wolfgang Niedecken einen schweren Schlaganfall. Damals hätte nicht viel gefehlt und er wäre mit 60 Jahren von der Bühne abgetreten. Am Ende seiner zweibändigen Erinnerungen, die jetzt erstmals in der Zusammenschau vorliegen, schreibt er dazu:

„Ich wäre nicht beruhigt gestorben.“

Und:

„Der Tod hätte mich auf dem falschen Fuß erwischt.“

Alles was seitdem in seinem Leben passiert ist, betrachtet der Musiker als Zugabe.

Das in der Kindheit grundgelegte Gottvertrauen half ihm beim Umgang mit der Erkrankung. Vor einigen Jahren erklärte Niedecken gegenüber Kölner Stadtanzeiger:

„Ich habe ein so unfassbares Glück gehabt, dass ich feststellen kann: Mein Gottvertrauen wächst.“

In seiner zweiten Biographie schrieb Niedecken: „Ich bin kein Atheist, dazu mache ich mir viel zu viele Gedanken über Religion. Aber ich kann auch nicht sagen, woran ich glaube. Ich weiß nur, dass nach dem Schlaganfall und meiner Genesung mein Gottvertrauen zugenommen hat.“ Im Interview mit domradio.de im Juni 2019 erklärte der Sänger hinsichtlich dieser Zeilen:

„Ich war nie ein Atheist. Ich bezeichne mich immer als restkatholisch. Als Atheist könnte ich gar nicht leben.“

Er sei zu 51 Prozent gläubig, was er auch auf seine christliche Erziehung zurückführt. Dazu betonte Niedecken:

„Das ist mir so vermittelt worden, da habe ich auch meine Werte letztendlich her. Das ist meine Religion, in der ich aufgewachsen bin und ich empfinde das auch so.“

Er habe ein lockeres Verhältnis zum Herrgott, mit dem er regelmäßig in Kontakt tritt, was er gegenüber domradio.de wie folgt weiter beschrieb:

„Ich habe so eine Form von Beten entwickelt, die ist relativ locker. Der Gott, an den ich glaube, hat auch viel Humor und viel Verständnis.“

Zudem brachte Niedecken zum Ausdruck, dass er die Gesundung von seinem Schlaganfall mit Gott in Verbindung bringt. Diesbezüglich erklärte er:

„Nach der Genesung dachte ich mir: Dä Herrjott meint et joot met mir, auf jeden Fall.“

Dass sein Bild vom „Herrgott“ durchweg positiv ist, erklärte Wolfgang Niedecken auch im Mai 2019 im Interview mit dem Magazin Chrismon wie folgt:

„Ich halte ihn [Gott] für sehr sympathisch. Manchmal habe ich das Gefühl, dass er sagt: Bleib in der Spur, zweifele nicht zu viel. Ich hatte unglaublich viel Glück in meinem Leben!“

Weiter erklärte Niedecken seinerzeit, dass das Gebet für ihn von Bedeutung ist. Er rede „mit Gott wie unter Kumpels, wie der Priester in den alten Don-Camillo-Filmen“, so der Künstler. Diese Art des Zwiegesprächs mit Gott, das er als „eine Art agnostisches Beten“ bezeichnet, ist ihm wichtig. Dazu betonte er:

„Es gibt auch Zeiten, wo ich denke: Du hast dich zu lange nicht mehr mit ihm unterhalten. Dann kriege ich ein schlechtes Gewissen.“

Gegenüber dem Spiegel sagte Niedecken im März 2020 zu seinem Gottesbild:

„Wenn ich an etwas glaube, dann an einen ‚lieben‘ Gott, nicht den strafenden, bösen.“

Sein Bild vom lieben Gott machte Niedecken im Text zum Bap-Song „Kron oder Turban“ aus dem Jahr 2008 zum Thema. Darin singt er: „Wenn es ihn gibt, dann ist er ein Guter, wenn es ihn gibt, vergiss deine Angst. Wenn es ihn gibt, geht keiner verloren, wenn es ihn gibt, haben wir eine Chance.“ (Übersetzung aus dem Kölschen – Quelle: bap.de)

 

Im aktuellen Interview zu seinem 70. Geburtstag mit dem Evangelischen Pressedienst bezeichnete sich Wolfgang Niedecken als „Agnostiker mit Gottvertrauen“, wobei er erneut betonte, dass er „auf jeden Fall“ kein Atheist sei. Er halte es für möglich, dass es Gott gibt und stehe wie die meisten Kölner „ein bisschen strammer, wenn vom Herrgott die Rede ist“.

Seine christliche Prägung schlug sich auch in seiner Examensarbeit in seinem Studium der Malerei und Kunstgeschichte in den 70er Jahren nieder, wie Niedecken in der ZDF-Doku „Alles im Fluss – Wolfgang Niedecken zum 70.“ verriet. Ziel seiner Examensarbeit war es, Werbungen, die auf religiöse Zusammenhänge Bezug nahmen, wieder in einen religiösen Zusammenhang zu bringen. Dazu übertrug er Abbildungen aus den verschiedensten Süßigkeiten-Werbungen, die insbesondere zur Weihnachtszeit mit religiösen Bezügen daherkamen, in eine Kreuzform. Seinem Werk, bestehend aus drei Kreuzen, gab er den Namen „Golgatha“.

Malerei und Musik seien beides Künste, in den man etwas aus sich herausholt. In diesem Sinne male er Bilder und Texte, so Niedecken in der ZDF-Doku.

Neben seinem künstlerischen Wirken ist die Familie ein wichtiger Eckpfeiler im Leben des vierfachen Familienvaters. Von seiner Frau Tina sagte er einmal, dass sie sein Schutzengel sei, seine Lebensretterin. Denn sie deutete 2011 die ersten Anzeichen seines Schlaganfalls sofort richtig und alarmierte den Notarzt.

Über das Erwachsenwerden seiner Tochter Josephine schrieb er für das aktuelle BAP-Album „Ales fließt“ den Song „Mittlerweile Josephine“, der stellvertretend für alle seine Kinder stehe.

Neben dem Wert der Familie sind ihm Werte wie Barmherzigkeit und Nächstenliebe wichtig, die auch sein Engagement für Afrika begründen. Seit 2004 ist Wolfgang Niedecken Sonderbotschafter der Hilfsaktion „Gemeinsam für Afrika“ und hat ein Hilfsprogramm für Kindersoldaten mitgegründet. Zu seinen Beweggründen erklärte er aktuell gegenüber dem Evangelischen Pressedienst:

„Die Kindersoldaten in dem Bürgerkrieg in Nord-Uganda, wo ich sie zum ersten Mal live wahrgenommen habe, haben mir den Schlaf geraubt. Als ich gesehen habe, was die tun mussten, was die erleiden mussten und wie traumatisiert die sind, war für mich eigentlich nichts mehr wie vorher.“

Deshalb habe er sich engagiert und das Projekt „Rebound“ mitgegründet. Wenn er dies nicht getan hätte, hätte er „nicht mehr in den Spiegel schauen können“. Im Rahmen des Projekts werden „so etwas wie Berufsschulen“ errichtet, wo ehemalige Kindersoldaten ein Handwerk beigebracht wird, so dass sie damit ihren Lebensunterhalt bestreiten können „und nicht mehr darauf angewiesen sein, mit Milizen mordend und plündernd durch die Gegend zu ziehen“, so der Künstler weiter.

Für sein soziales und politisches Engagement wurde Wolfgang Niedecken 2013 mit dem Bundesverdienstkreuz 1. Klasse ausgezeichnet. Im selben Jahr bekundete der Sänger gegenüber der Nachrichtenagentur dpa die Bedeutung der katholischen Kirche für die Menschen in Afrika und zeigte sich dabei insbesondere von Papst Franziskus angetan, indem er betonte:

„Das habe ich so nicht zu erträumen gewagt. Ich bin ja nun oft in Afrika, und das sind teilweise sehr katholische Länder: Ost-Kongo, Nord-Uganda – die Leute da sind unglaublich katholisch.“

Der Papst sei ein Hoffnungsschimmer für ihn.

Im Interview mit dem Magazin Eulenfisch (Ausgabe 01/2019) zeigte sich Wolfgang Niedecken abermals von Papst Franziskus beeindruckt und betonte mit Blick auf die Zukunft der Kirche:

„Ich bin mir nicht sicher, ob das den meisten Funktionsträgern wirklich bewusst ist, was dieser Papst für eine Chance bietet. Er bietet im Blick auf Menschen weltweit eine ganz andere Perspektive auf den Glauben.“

Quellen: zdf.de, svz.de, westfalen-blatt.de, augsburger-allgemeine.de, domradio.de (1), domradio.de (2), domradio.de (3), eulenfisch.de, welt.de, spiegel.de, chrismon.evangelisch.de

 

Hier das Statement von Wolfgang Niedecken zu seinem Song „Dä Herrjott meint et joot met mir“:

 

 

Anbei der Bap-Hit „Verdamp lang her“, indem Wolfgang Niedecken auch über den Tod seines Vaters mit folgenden Zeilen singt:

„Verdammt lang her, dass ich bei dir am Grab war,
Verdammt lang her, dass wir gesprochen haben,
Und dass vom einen auch was beim anderen ankam –
So lang, dass ich mich kaum erinnern kann.
Hast fest geglaubt, dass wer im Himmel auf dich wartet,
‚Ich gönn es dir‘, hab ich gesagt.“

(Übersetzung aus dem Kölschen – Quelle: bap.de)