Foto: Ingrid Cordier (Im Bild: Prof. Hubert Wolf mit PG-Vorstand Markus Kosian am 10.10.19 in der ev. Akademie München)

Aktuell findet im Vatikan die sog. Amazonas-Synode statt, die unter dem Thema „Amazonien: neue Wege für die Kirche und eine ganzheitliche Ökologie“ steht. Dabei sind auch die äußerst dünn gesäten Priester- und Ordensberufungen am Amazonas und die damit verbundene Schwächung der Sakramente der Eucharistie sowie der Krankensalbung, die den Katholiken im Amazonasgebiet genauso wichtig sind wie anderswo auf der Welt, ein zentrales Thema. Wegen des Priestermangels im Amazonasgebiet können viele Gemeinden nur zwei oder drei Mal im Jahr Eucharistie feiern. Das Nachdenken über „viri probati“ und die Rolle der Frauen in der Kirche kann dabei auch Auswirkungen auf eine Lockerung des Zölibats haben. So hat sich aktuell bei der Amazonas-Synode im Vatikan der jahrzehntelang in Brasilien tätige Bischof Erwin Kräutler für eine Lockerung des Zölibats ausgesprochen. Dazu betonte der 80-jährige zur Frage, ob auch Familienväter im Amazonasgebiet zu Priestern geweiht werden sollten:

„Ich glaube, es gibt keine andere Möglichkeit, denn die indigenen Völker verstehen den Zölibat nicht.“

Zum Thema Zölibat legte indes am vergangenen Donnerstag an der Evangelischen Stadtakademie in München der katholische Kirchenhistoriker und geweihte Priester Prof. Dr. Hubert Wolf von der Universität Münster rund um die Vorstellung seines aktuellen Buches „Zölibat – 16 Thesen“ einen imposanten Vortrag hin, in dem er plausibel darlegte, dass die Notwendigkeit des Zölibats weder durch die Schrift noch! durch die Tradition gedeckt ist. Bei der anschließenden Podiumsdiskussion, die vom SZ-Journalisten Matthias Drobinski moderiert wurde, diskutierten mit Prof. Wolf die Vorsitzende des Katholikenrats München, Hiltrud Schönheit, und der österreichische Theologe, Jesuit und Publizist Pater Andreas R. Batlogg SJ über das Reformpotential der Kirche. Dabei bestand bei allen Beteiligten Konsens darüber, dass die Zeichen der Zeit berechtigt auf Freistellung des Zölibats stehen.

Bis heute verpflichtet der Zölibat katholische Priester zur Ehelosigkeit und wird von Befürwortern gar als Grundpfeiler der Kirche verteidigt. In seinem Vortrag in der Evangelischen Stadtakademie München zeigte der Kirchenhistoriker Hubert Wolf dagegen auf, dass der Zölibat gar nicht so alt ist und es heute bereits verheiratete Priester gibt. Dabei hinterfragte er die diversen Begründungen und lieferte einen kirchenhistorisch profunden, glasklar argumentierenden Weckruf, den Zölibat nicht weiter zu überhöhen und gar über Eucharistie und Krankensalbung zu stellen.

Zu Beginn seines Vortrags machte der Leibnitz-Preisträger klar, dass durch den Priestermangel und die Missbrauchsvorwürfe das Tabu in der katholischen Kirche gefallen ist, neu über den Zölibat nachzudenken, der sich biblisch nicht begründen lasse, da es im Neuen Testament selbstverständlich verheiratete Bischöfe, Priester und Diakone gab, angefangen bei Petrus. Weiter gab der 59-jährige Kirchenhistoriker zu Bedenken, dass die Ehelosigkeit der Priester auch aus der Tradition nicht abzuleiten ist. Vielmehr sei die Ehelosigkeit der Priester mit ihrer kultischen Reinheit begründet und spirituell verklärt worden. Die Vorstellung von der kultischen Reinheit der Priester habe aber vorchristliche Ursprünge und stamme aus der jüdischen und heidnischen Antike. Das Ideal des asketischen Priesters gehe auf antike Vorstellungen von einem philosophischen Leben zurück und entspreche nicht dem Vorbild Jesu.

Zudem habe die Verpflichtung zum zölibatären Leben ökonomische Wurzeln und diente dem Schutz der Kirche vor Erbansprüchen legitimer Söhne. Die Ehelosigkeit der Priester stellte im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit also sicher, dass Geistliche die ihnen unterstellten Kirchengüter nicht an ihre Kinder vererben konnten. Überdies habe der Zölibat im konfessionellen Zeitalter zur Abgrenzung von den Protestanten gedient.

Zur spirituellen Verklärung des Zölibats vertrat Prof. Wolf die Auffassung, dass Papst Paul VI. den Zölibat im letzten Jahrhundert spirituell überhöht habe, weil andere Begründungen nicht mehr zogen. Gehäufte Missbrauchsfälle lassen heute aber berechtigt fragen, ob die priesterliche Ehelosigkeit immer heilsam ist. So habe die MHG-Studie, die von der Deutschen Bischofskonferenz zur Aufklärung des Missbrauchs in Auftrag gegeben wurde, ergeben, dass die verpflichtende Ehelosigkeit der Priester, zwar nicht ursächlich, aber ein Risikofaktor im Hinblick auf den sexuellen Missbrauch durch Priester sei.

Weiter wies Hubert Wolf in seinem Vortrag darauf hin, dass es heute ohnehin schon ohne den Zölibat gehe. So gebe es in den katholischen Ostkirchen selbstverständlich verheiratete katholische Priester. Zudem verwies er auf die heute schon realen Ausnahmen. So empfangen zum Katholizismus konvertierte verheiratete evangelische und anglikanische Pfarrer mit päpstlicher Dispens die Priesterweihe.

Ein weiteres Argument gegen den Zölibat sieht Prof. Wolf darin, dass seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil die Ehe als Abbild des Bundes zwischen Christus und seiner Kirche gilt und deshalb kein Hindernisgrund für den priesterlichen Dienst sein könne. Überdies ermögliche die Lehre der katholischen Kirche jederzeit die Aufhebung des Zölibats.

Dabei überraschte Prof. Wolf die Zuhörer mit der Erkenntnis, dass im Kirchenrecht erst im Jahr 1917 die Weihe zum Ehehindernis und die Ehe zum Weihehindernis wurde! (Mehr dazu im Video unten).

Gerade mit Blick auf die Situation im Amazonasgebiet, wo Menschen aufgrund des Priestermangels die sonntägliche Eucharistiefeier sowie das Sakrament der Krankensalbung verwehrt bleibt, sei ein stures Festhalten am Zölibat nicht mehr verständlich. Vor die Wahl gestellt, dem Priestermangel abzuhelfen oder den Zölibat beizubehalten, müsse sich die Kirche im Interesse der heilsnotwendigen Eucharistie gegen den nicht heilsnotwendigen Zölibat entscheiden, so Prof. Wolf.

Wer einmal mitbekommen hat, welche Bedeutung die Eucharistie sowie die Krankensalbung für einen unheilbar kranken, gläubigen Katholiken hat, wird von diesen Worten von Hubert Wolf bis ins Mark gerührt werden und die Worte Jesu „Seid barmherzig, wie euer himmlischer Vater barmherzig ist“ vor Augen haben.

So stellte der Kirchenhistoriker Hubert Wolf in seinem Vortrag zu seinem Buch „Zölibat – 16 Thesen“ die umstrittene Einrichtung rigoros auf den kirchenhistorischen Prüfstand und zeigte unter dem Blickwinkel der Tradition auf, dass die Argumente der Traditionalisten nicht mehr ziehen und welch guten Gründe es heute gegen den verpflichtenden Zölibat gibt.

In einem gibt Hubert Wolf den Fürsprechern des Zölibats allerdings recht: Mit seinem Wegfall könnte das klerikale System mit seiner Geringschätzung von „Laien“ und Frauen insgesamt zur Disposition stehen.

Die Abschaffung des Zölibats als Instrument des Machterhalts müsse also Teil einer grundlegenden Reform des hierarchisch klerikalen Systems sein. Dabei verwies Hubert Wolf auch auf das neue Buch vom Dogmatiker Prof. Dr. Michael Seewald mit dem Titel „Reform – Dieselbe Kirche anders denken“, in dem der 32-jährige aufzeigt, wie es der katholischen Kirche möglich ist, sich grundlegend zu reformieren und zugleich sie selbst zu bleiben. Dabei dürfte der geweihte Priester Michael Seewald nicht nur dem geweihten Priester Hubert Wolf aus der Seele sprechen, wenn er zur Beschreibung seines Buchs äußert:

„Die Rufe nach Reform, die manchem in der Kirche lästig erscheinen, lassen sich nicht einfach in die Verfallsnarrative angeblichen Unglaubens einordnen. Im Gegenteil: Der Einsatz für Reformen in der Kirche deutet auf eine gesteigerte Sensibilität für Missstände und ein religiös vitales Interesse an ihrer Beseitigung hin.“

Hubert Wolf betonte indes bereits im Dezember 2015, dass das Argument „Es war schon immer so“ in der Kirche in den seltensten Fällen richtig sei. (Quelle: katholisch.de)

Ein bemerkenswertes Interview zum neuen Buch von Hubert Wolf gibt’s unter deutschlandfunk.de

Eine konträre Sichtweise zu Hubert Wolfs 16 Thesen gibt Pfarrer Regamy Thillainathan unter domradio.de

 

Hier ein Interview mit Prof. Hubert Wolf nach seinem Vortrag am 10.10.2019 in der Evangelischen Stadtakademie München: