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Pater Peter Uzor: „Das Licht des Evangeliums kennt keine Jahreszeiten“

Seine Predigt zum 12. Sonntag im Jahreskreis (1. Lesung: Jer 20,10-13; 2. Lesung: Röm 5,12-15; Evangelium: Mt 10,26-33) stellt unser geistlicher Begleiter Pater Dr. Peter Uzor unter die Überschrift „Fürchtet euch nicht!“. Dabei beschreibt er, was es in der Nachfolge Jesu bedeutet, ein Zeuge ohne Angst zu sein.

 

Anbei die Worte der Predigt von Pater Peter: 

 

Vor einigen Wochen berichteten die Medien von einer Krankenpflegerin in einem großen deutschen Klinikum – nennen wir sie einfach Maria. Sie bemerkte, dass in ihrer Station regelmäßig falsch abgerechnet wurde: Leistungen, die nie erbracht worden waren. Sie wusste, was das Richtige wäre. Aber sie wusste auch, was es kosten könnte: ihren Arbeitsplatz, den Rückhalt der Kollegen, vielleicht den Frieden in ihrem Berufsalltag. Tagelang schwieg sie. Dann sprach sie doch. Und tatsächlich: Zunächst wurde sie ausgegrenzt und versetzt. Aber schließlich kam die Wahrheit ans Licht.

Kennen Sie dieses Gefühl? Dieses innere Ringen zwischen dem, was richtig ist, und dem, was bequem ist? Diese Angst – vor dem Urteil anderer, vor dem Alleinstehen, vor dem Preis, den die Wahrheit manchmal verlangt? Gott kennt dieses Gefühl. Er kennt es, weil er den Menschen kennt. Und deshalb spricht er heute durch Jeremia, durch Paulus und durch Jesus selbst direkt in unsere Lebenswirklichkeit hinein – mit einer Botschaft, die so alt ist wie das Evangelium und so aktuell wie dieser Morgen: „Fürchtet euch nicht!“

I. Jeremia: Angst haben – und trotzdem standhalten

Die erste Lesung versetzt uns in eine außerordentlich menschliche Szene. Jeremia – ein Prophet Gottes, ein Mann des Glaubens – klagt. Er klagt laut und ehrlich. „Schrecken von allen Seiten“, sagt er. Menschen flüstern hinter seinem Rücken. Frühere Freunde haben sich gegen ihn verschworen. Er ist erschöpft, isoliert, bedroht.

Man könnte erwarten, dass ein Prophet so etwas nicht fühlt.

Aber genau das macht die Bibel so kostbar: Sie zeigt uns Menschen in ihrer ganzen Verletzlichkeit.

Jeremia weint. Jeremia zweifelt. Jeremia hat Angst.

Und dennoch – und das ist das Entscheidende – kapituliert er nicht. Mitten in seiner Not sagt er etwas Erstaunliches: „Der Herr ist bei mir wie ein gewaltiger Held. “

Das ist kein blinder Optimismus. Das ist kein frommer Spruch. Das ist der Glaube eines Mannes, der tief ins Dunkel geschaut hat und trotzdem sagt: Gott hat das letzte Wort. Nicht die Feinde. Nicht die Verleumder. Gott.

Liebe Schwestern und Brüder – viele von Ihnen kennen diese Erfahrung. Man tut das Richtige, man bleibt ehrlich, man widersetzt sich dem Druck. Und wird dafür ausgegrenzt. In der Arbeit. In der Familie. Im sozialen Umfeld. Die Frage, die uns Jeremia stellt, ist diese: Lassen wir zu, dass die Angst das letzte Wort hat? Oder vertrauen wir Gott genug, um standzuhalten – nicht weil wir mutig sind, sondern weil er es ist?

II. Paulus: Die Gnade ist mächtiger als alle Sünde und Angst

Der heilige Paulus geht in der zweiten Lesung noch tiefer. Er schreibt: Durch einen Menschen kam die Sünde in die Welt, und durch die Sünde der Tod. Das klingt dunkel. Aber dann kommt die entscheidende Wende – und Paulus betont sie ausdrücklich mit dem Wort „viel mehr“: Wenn schon durch einen Menschen so viel Schaden angerichtet wurde, wie viel mehr hat dann die Gnade Gottes durch Jesus Christus bewirkt!

Gnade übertrifft Sünde. Leben übertrifft Tod. Liebe übertrifft Angst.

Das ist kein Wunschdenken – das ist das Fundament unseres Glaubens. Das Böse in dieser Welt ist real. Aber es hat nicht das letzte Wort. Christus hat das letzte Wort.

Das bedeutet: Unser Mut als Christinnen und Christen kommt nicht daher, dass wir besonders stark wären. Er kommt daher, dass wir wissen: Die Mächte, gegen die wir ankämpfen, sind durch Christus bereits besiegt. Wenn wir für Wahrheit eintreten, für Gerechtigkeit, für Menschenwürde – dann stehen wir auf der Seite Gottes.

III. Das Evangelium: „Fürchtet euch nicht“ – dreimal gesagt

Jetzt hören wir Jesus selbst – und er sagt dreimal: „Fürchtet euch nicht.“ Dreimal. Das ist kein Versehen. Dreimal, weil Jesus weiß, wie tief die Angst in uns sitzt.

Er geht direkt auf zwei Ängste ein: erstens die Angst vor dem schlechten Ruf – davor, dass andere schlecht über uns reden, uns missverstehen. Jesus sagt: Die Wahrheit wird ans Licht kommen. Nicht immer sofort, manchmal braucht es Zeit. Aber:

Gott lässt die Wahrheit nicht dauerhaft im Dunkeln.

Zweitens: die Angst vor körperlichem Schaden. Auch hier ist Jesus nicht naiv. Er verharmlost nichts. Aber er sagt: Die, die euren Körper bedrohen können, haben keine Macht über das, was ihr wirklich seid – über eure Seele, über eure Würde als Kind Gottes.

Und dann kommt das schönste Bild: der Spatz. Zwei Spatzen für einen Pfennig – so unwichtig, so klein. Und doch: Kein einziger fällt zu Boden ohne den Willen des Vaters.

Liebe Schwestern und Brüder – wenn Gott jeden Spatz kennt, glauben Sie wirklich, dass er Sie nicht kennt?

Er zählt sogar die Haare auf Ihrem Kopf. Das bedeutet: Sie sind Gott nicht gleichgültig. Kein Detail Ihres Lebens ist ihm zu klein.

IV. Was das für uns bedeutet – heute, ganz konkret

Jesus schließt mit einem Versprechen: „Wer mich vor den Menschen bekennt, zu dem werde auch ich mich vor meinem himmlischen Vater bekennen.“

Jesus stellt sich vor uns.

Wenn wir zu ihm stehen, steht er zu uns.

Aber was heißt es heute, Jesus zu bekennen? Nicht auf dem Marktplatz predigen. Es geht um etwas Tieferes und Alltäglicheres: das Tischgebet sprechen, auch wenn Gäste dabei merkwürdig schauen. Nein sagen, wenn in der Arbeit Unehrlichkeit erwartet wird. Für die Würde eines Menschen eintreten, der gerade nicht beliebt ist. Vergeben – wo andere nur Vergeltung kennen.

Unser Glaube ist eine Haltung, die sichtbar wird – in unserer Art zu sprechen, zu handeln, zu schweigen oder zu widersprechen.

Nicht laut. Nicht aufdringlich. Aber klar. Die Welt braucht heute keine lauten Prediger. Sie braucht stille Zeugen.

Heute ist die Sonnenwende – der längste Tag des Jahres. Von morgen an werden die Tage wieder kürzer. Das Licht nimmt ab. Aber:

Das Licht des Evangeliums kennt keine Jahreszeiten.

Jeremia hat es erlebt. Paulus hat es bezeugt. Jesus hat es versprochen: Kein Gegner, keine Verleumdung, keine Bedrohung hat das letzte Wort. Das letzte Wort gehört Gott. Und dieses Wort lautet: Du gehörst mir. Ich kenne deinen Namen. Ich bin bei dir. Fürchte dich nicht.

Wenn die Angst wieder kommt – und sie wird kommen – erinnern Sie sich: Er lässt keinen Spatz fallen, ohne es zu wissen. Wie viel mehr wird er dann für Sie da sein?

Amen.