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Pater Peter Uzor: „Es gibt eine Wahrheit, die uns vorausgeht und uns verbindet“

In seiner Predigt zum 23. Sonntag im Jahreskreis (Lesungen: Ez 33,7-9 und Röm 13,8-10; Evangelium: Mt 18,15-20) beschreibt unser geistlicher Begleiter Pater Dr. Peter Uzor, was geschwisterliche Zurechtweisung im christlichen Sinne bedeutet.

 

Anbei die Worte der Predigt von Pater Peter:

 

Stellen Sie sich einen Wächter vor, der auf dem Turm einer alten Stadt steht. Es ist Nacht. Er könnte sich einfach hinsetzen, die Augen schließen und sagen: „Was geht es mich an, was am Horizont geschieht – ich will meine Ruhe.“ Aber genau das darf er nicht tun. Sein Auftrag ist es, zu sehen, was andere noch nicht sehen, und die Stimme zu erheben, bevor es zu spät ist. Gott sagt zu Ezechiel: „Ich habe dich für das Haus Israel zum Wächter bestellt.“ Und dann folgt ein Satz, der es in sich hat: Wenn der Wächter schweigt, trägt er Mitverantwortung. Wenn er warnt, ist er frei – ganz gleich, ob man auf ihn hört oder nicht.

Das ist eine steile Ansage. Und viele von uns spüren sofort einen inneren Widerstand: „Wer bin ich denn, dass ich einem anderen Menschen sagen sollte, was er falsch macht? Urteilt nicht, sagt doch Jesus selbst!“ Das stimmt.

Aber Urteilen und Zurechtweisen sind zwei völlig verschiedene Dinge.

Urteilen heißt: Ich stelle mich über den anderen und spreche ihm sein Menschsein ab. Geschwisterliche Zurechtweisung dagegen heißt: Ich stelle mich neben den anderen, weil er mir nicht gleichgültig ist.

Genau das zeigt uns Jesus im Evangelium mit einer erstaunlich konkreten Wegbeschreibung.

Erster Schritt: Geh zu ihm, unter vier Augen. Nicht zu drei anderen Leuten zuerst, nicht in die Gerüchteküche der Gemeinde – sondern direkt zu dem Menschen selbst. Das ist der schwerste, aber auch der ehrlichste Schritt. Er ist ein Zeichen des Respekts: Ich traue dir zu, dass du mein Wort hören kannst, ohne dass ich dich vor anderen bloßstelle.

Hilft das nicht, folgt Schritt zwei: ein oder zwei vertraute Menschen dazu, nicht um Verstärkung zu holen für einen Kampf, sondern um gemeinsam nach Wahrheit und Frieden zu suchen. Und erst wenn auch das nicht trägt, kommt die Gemeinschaft ins Spiel.

Jesus denkt hier in einer Eskalationsstufe, die genau das Gegenteil von Bloßstellung ist – sie ist ein Schutzraum, der dem Menschen so lange wie möglich seine Würde lässt.

Und dann dieser letzte, harte Satz: „Er soll dir gelten wie ein Heide oder ein Zöllner.“ Wenn wir nur diesen Satz herausgreifen, könnten wir meinen, Jesus sage: Gib ihn auf, schreibe ihn ab. Aber genau das hat Jesus nie getan. Er selbst hat den Zöllner Matthäus zum Apostel berufen. Er hat mit den Zöllnern und Sündern gegessen, zum Ärgernis der Frommen. Er ist zu Zachäus nach Hause gegangen. Wenn Jesus sagt „wie ein Zöllner“, dann sagt er in Wirklichkeit: Behandle ihn so, wie ich die Zöllner behandelt habe – mit offener Tür, mit Geduld, mit einer Liebe, die niemals aufgibt, auch wenn die Gemeinschaft für den Moment unterbrochen ist.

Der Mensch steht außerhalb der Gemeinschaft, aber niemals außerhalb der Gnade.

Das ist der Schlüssel, um zu verstehen, warum Paulus im zweiten Lesungstext sagt: Bleibt niemandem etwas schuldig, außer der gegenseitigen Liebe. Alle Gebote – du sollst nicht töten, nicht ehebrechen, nicht stehlen – sie sind in einem einzigen Wort zusammengefasst: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.

Geschwisterliche Zurechtweisung, die nicht aus Liebe geschieht, wird zur Anklage. Aber Liebe, die aus lauter Angst vor Konflikt schweigt, wird zur Gleichgültigkeit. Beides ist ein Verrat am Evangelium.

Und seien wir ehrlich, liebe Schwestern und Brüder: Wie oft tun wir genau das Falsche? Wir reden hinter dem Rücken des anderen, statt mit ihm. Wir tragen die Verletzung jahrelang mit uns herum, statt das klärende Gespräch zu suchen. Der Nachbar, dessen Musik uns stört; das Wort beim Familienfest, das uns getroffen hat, aber ungesagt bleibt und sich in uns festsetzt – wie viel Leid könnten wir uns ersparen, wenn wir einfach den Mut hätten, direkt zu sprechen, in Liebe und nicht in Wut?

Papst Benedikt XVI. hat einmal von der „Diktatur des Relativismus“ gesprochen – jener Haltung, in der jeder nur noch seine eigene Wahrheit hat und nichts mehr als verbindlich gilt. In so einem Klima wird geschwisterliche Zurechtweisung fast unmöglich, weil niemand mehr glaubt, dass es eine gemeinsame Wahrheit gibt, auf die man sich berufen könnte. Aber wir als Christen glauben etwas anderes:

Es gibt eine Wahrheit, die uns vorausgeht und uns verbindet – und diese Wahrheit hat ein Gesicht, das Gesicht der Liebe.

Deshalb, liebe Gemeinde: Das Ziel jeder Zurechtweisung ist niemals, recht zu behalten. Es ist auch nicht, den anderen bloßzustellen. Das einzige Ziel ist: die Rettung, die Umkehr, das Wiederfinden dessen, was zwischen uns zerbrochen war. Jesus sagt am Ende des heutigen Evangeliums: Wo zwei oder drei in seinem Namen versammelt sind, da ist er mitten unter ihnen. Das gilt für unser gemeinsames Gebet – aber es gilt auch für jedes ehrliche, mühsame, liebevolle Gespräch, das wir wagen, um Frieden zu stiften.

Nehmen Sie diese Woche etwas Konkretes mit: Gibt es einen Menschen, mit dem etwas ungeklärt zwischen Ihnen steht? Dann warten Sie nicht länger darauf, dass der andere den ersten Schritt macht. Gehen Sie hin – nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern mit offenem Herzen. Vielleicht sind Sie überrascht, wie schnell aus Kälte wieder Nähe werden kann. Denn dort, wo zwei Menschen sich in Wahrheit und Liebe begegnen, da ist, wie Jesus verspricht, er selbst mitten unter ihnen. Amen.