Der amtierende Ministerpräsident Sachsen-Anhalts, Reiner Haseloff, ging bei der Landtagswahl am vergangenen Sonntag als klarer Wahlsieger hervor. Headlines und Schlagzeilen zum Wahlsieg wie „Klare Kante gewinnt“ (Süddeutsche Zeitung), „Sein Verdienst“ (Die Zeit), „Populär, aber nicht populistisch“ (Die Zeit), Wie wunderbar. Kein Show-Man aus Berlin hat den Wahlsieg errungen, sondern der Provinzler“ (BILD), „Der Sieger ist ein Katholik“ (Die Tagespost) oder „Ein biederer Katholik in der Heldenrolle“ (Stuttgarter Zeitung) verweisen auf die Persönlichkeit des 67-Jährigen, die maßgeblich durch seinen Glauben geprägt ist. Sein Christsein gibt Haseloff, der während der Wende bei den Friedensgebeten aktiv war, Orientierung in seinem Tun.

Wie die Wochenzeitung Die Zeit im September 2020 berichtet, war Haseloff am Sonntag vor seiner Entscheidung, doch noch einmal für das Amt des Regierungschefs zu kandidieren, in der Kirche, die seit Kindheitstagen zu seinem Leben gehört. Am 19. Februar 1954 in der damaligen DDR geboren, wurde er katholisch getauft und erzogen – die Mutter stammte aus Schlesien. Sein Glaube war in DDR-Zeiten und dann auch in den Wendejahren seine Richtschnur auf dem Weg in die Politik.

Gegenüber dem Magazin Chrismon legte Reiner Haseloff im Februar 2021 dar, dass ihm die Bibel Kompass im Leben ist. Dazu betonte er:

„Für mich ist es faszinierend, dass Bibelworte genau diese Funktion eines Kompasses erfüllen können. Im wahrsten Sinne des Wortes geben sie dem Menschen ­Orientierung.“

Dabei hob er zwei Verse aus dem Neuen Testament hervor, die ihn „ein Leben lang geprägt“ haben. Zum einen aus Markus 1,15 der Vers, der da lautet: „Jesus sprach: Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen. Tut Buße und glaubt an das Evangelium!“

Dieser Vers half ihm, im sozialistischen Staat, in dem er bis 1989 lebte und der versuchte, „den christlichen Glauben als etwas Vergangenes darzustellen“, in seiner Haltung standhaft zu bleiben. Während man im Sozialismus geglaubt habe, „die Welt umgestalten und dadurch dem vermeintlich Guten zum Durchbruch verhelfen zu können“, wurde ihm klar, dass die christliche Botschaft anders ansetzt. Dazu erklärte Reiner Haseloff:

„Die Botschaft Jesu fordert jedoch den verantwortlichen, zum Sinneswandel bereiten Menschen und verkündet die Nähe von Gottes Reich. Sie macht zu jeder Zeit Hoffnung, dass man von Irrwegen auch wieder umkehren kann.“

Im Gegensatz zu der im Sozialismus in Anlehnung an Feuerbach vertretenen Ansicht, dass durch die Veränderung des Gesellschaftssystems ein neuer Mensch entstehe, sei die Lehre Jesu eine andere, die Haseloff wie folgt beschrieb: „Wenn du nicht bei dir anfängst umzukehren, wird sich die Welt nicht ändern.“

Der zweite ihm wegweisende Orientierung gebende Bibelvers findet sich im Brief des Apostels Paulus an die Römer und lautet: „Seit Erschaffung der Welt wird nämlich seine unsichtbare Wirklichkeit an den Werken der Schöpfung mit der Vernunft wahrgenommen, seine ewige Macht und Gottheit.“ (Römer 1,20)

Entgegen der heute vielfach propagierten Meinung, dass Glaube und Vernunft nicht zusammen gingen, zeige bereits Paulus auf, dass in den Werken der Schöpfung die unsichtbare Wirklichkeit Gottes mittels der Vernunft wahrnehmbar ist. Dazu betonte Haseloff:

„Das war mir als Naturwissenschaftler immer wichtig: Vernunft und Glaube sind keine Gegensätze, sondern die beiden Widerlager der Brücke, über die sich unsere menschliche Erkenntnis tastet.“

Diese biblische Sicht sei auch für politisches Handeln von Bedeutung, wo es schlussendlich entscheidend sei, „ob unsere Ziele, Vorstellungen und Programme der Wirklichkeit und vor dem Wesen der Schöpfung standhalten“, so Haseloff, der seit dem 1. November 2020 turnusmäßig der Präsident des Bundesrates ist. Weiter sagte er:

„Wohl erst aus einem wirklichen Miteinander von ­Glaube und Vernunft erwächst menschliches Denken, lassen sich Welt, Mensch und Gott verstehen.“

In diesem Kontext ist ihm auch das Miteinander unter den christlichen Konfessionen wichtig. Im Interview mit der Wochenzeitung Die Zeit betonte Sachsen-Anhalts katholischer Ministerpräsident im Mai 2016, dass Katholiken und Protestanten insbesondere „in einer religionslosen Gesellschaft“ zusammenhalten müssen. Im Rückblick auf die Wendezeit hob er hervor:

„Die friedliche Revolution haben wir gemeinsam gemacht. Es wäre doch sehr merkwürdig, wenn wir heute getrennte Wege gingen.“

Entscheidend sei heute, die christliche Botschaft ins 21. Jahrhundert zu vermitteln.

Im Interview mit domradio.de im Mai 2017 sprach Reiner Haseloff über seine Auffassung von einem zukünftigen Miteinander der Christen. In einer Zeit der vorangeschrittenen Säkularisierung, in der Christen „in ihrer eigenen Konfession in der jeweiligen Region in der Minderheit“ sind, gelte es zusammenzustehen, denn so Haseloff:

„Trotzdem können wir Sauerteig sein und versuchen, uns als diejenigen darzustellen, die immer noch die Menschen in die Lage versetzen, zu erkennen, warum das Grundgesetz so formuliert ist, wie es ist. Eben in Verantwortung vor Gott und den Menschen zu handeln.“

Die gemeinsame Feier von Kirchentagen, wie etwa 2016 den Katholischen Kirchentag in Leipzig mit ökumenischer Akzentsetzung, sei in seinen Augen „genau das Zeichen, worauf die Menschen warten“.

Im Interview mit der Kirchenzeitung Glaube und Heimat im Sommer 2020 betonte Haseloff auch, dass er es für wichtig hält, auf das Gemeinsame der Konfessionen zu blicken, ohne die Unterschiede aufzuheben. Dazu sagte er u.a.:

„Entscheidend ist für mich, dass die christlichen Kirchen als Einheit wiedererkannt werden.“

Dabei steht Haseloff für eine Einheit in versöhnter Verschiedenheit. Wie die Tagespost aktuell berichtet, ist von anderen Politikern zu hören, dass Haseloff nach einem Festgottesdienst zu irgendeinem offiziellen Ereignis nicht sofort  mit seiner Entourage aus der Kirche hinaus stürmt. Sondern stattdessen seine Politikkollegen fragt, ob man denn nicht noch gemeinsam zur Muttergottes gehen wolle.

Quellen: zeit.de (1), die-tagespost.de, chrismon.evangelisch.de, zeit.de (2), domradio.de, pro-medienmagazin.de