Nadia Ayche: „Mit Gottes Hilfe durfte meine Seele heilen“

04. August 2026 09:00 Uhr

Foto: Marco Durin Duchac

Die Sängerin und Autorin Nadia Ayche kennt Erfolg, Bühne und Öffentlichkeit: Sie trat auf bei Rudi Carrell und „Das Supertalent“, war Sängerin bei Mr. President (u.a. „Coco Jambo“), Musicaldarstellerin in Miss Saigon, Moderatorin – und Polizistin. Ein Multitalent mit dem Antrieb: handeln, dranbleiben und helfen. Als 2021 die Flutkatastrophe das Ahrtal verwüstete, organisierte sie Soforthilfe, tröstete Betroffene und koordinierte Spenden. Doch dann kam ein schwerer Burn-Out… Mit Selbstfürsorge, dem Setzen von Grenzen, neuen Routinen und Gottvertrauen konnte sie diesen überwinden.

Kürzlich erschien im Bonifatius-Verlag ihre Autobiographie „Einfach mal machen“ [Anzeige] –  Ein persönlicher Erfahrungsbericht über Resilienz, Krisenbewältigung, Selbstfindung und Neuanfang – für alle, die Vertrauen, Hoffnung und innere Stärke zurückgewinnen wollen.

Im Interview mit PromisGlauben-Redakteurin Stefanie Maier sprach Nadia Ayche u.a. über ihren Lebensweg, ihre Motivation für soziales Engagement bei der Flutkatastrophe im Ahrtal und den Perspektivwechsel in ihrem Lebens infolgedessen sie ein neues Verständnis davon bekam, was eigentlich ihren Wert als Mensch ausmacht.

PromisGlauben (PG): Sie haben erlebt, wie es ist, im Rampenlicht zu stehen, aber auch, wie sich das Leben anfühlt, wenn äußere Anerkennung plötzlich nicht mehr trägt. Welche Antwort haben Sie in dieser Zeit auf die Frage gefunden, was den Wert eines Menschen wirklich ausmacht?

Nadia Ayche (NA): Da fällt mir sofort der Spruch auf einer Karte ein, die ich von meinem Partner geschenkt bekommen habe: „Du bist wertvoll.“ Und ich würde ihn heute ergänzen: „Du bist wertvoll – auch wenn du nichts tust.“ Als ich 2024 dieses Burnout mit einer schweren Depression bekommen habe, habe ich in den darauffolgenden Wochen gemerkt, dass ich ganz viel loslassen muss.

Letztendlich musste ich alles loslassen.

Ich konnte meinen Beruf nicht mehr ausüben, ich konnte nicht mehr einkaufen gehen und ich konnte zeitweise nicht mehr denken. Ich habe praktisch alles aufgehört zu tun. Genau das beinhaltete für mich dieses Loslassen.

In meinem ersten Klinikaufenthalt habe ich dann viele heilsame Sätze gehört. Einer davon war: „Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ Und weiter: „Darum will ich mich am liebsten meiner Schwachheit rühmen, damit die Kraft Christi in mir wohnt.“ Als ich das dann in einem YouTube-Video gehört habe, wurde mir noch mehr bewusst, wie sehr ich mich auch meiner Schwachheit rühmen darf. Dass ich mich nicht dafür schämen muss, wie es mir gerade geht. Und dass das komplett ausreicht. Ich durfte einfach nur so sein.

Nadia Ayche Anfang der 2000er bei einem Auftritt mit der Band Mr. President

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NA: Im Verlauf meines Heilungsprozesses bin ich sehr dankbar dafür, erfahren zu haben, dass einfach nur zu sein völlig ausreicht. Und dass aus der Kraft des Seins irgendwann auch wieder das Tun kommt – aber mit einer ganz anderen Qualität und auf einem ganz anderen Fundament.

Ein Mensch ist schon wertvoll, wenn er geboren wird.

Er muss nichts tun, um wertvoll zu sein. Er wird von Gott geliebt und – im besten Fall – auch von seinen Eltern. Im Laufe seines Lebens wird er von Geschwistern, Freunden und anderen Menschen geliebt. Das reicht völlig aus.

Letztendlich wollen wir aber auch unsere Talente ausleben, unsere Träume leben und uns verwirklichen. Ich habe meinen Wert jedoch oft an anderen Dingen festgemacht. Ich habe meinen Wert damit verbunden, ob ich in einer intakten Beziehung bin, wie ich meine Kinder erziehe oder was ich koche. Ich habe mich immer wieder gefragt: Bin ich gut genug?

Nach dem Burnout konnte ich da wirklich einmal so richtig in mir aufräumen.

Mit Gottes Hilfe, mit Bibellesen und durch Predigten durfte meine Seele heilen.

Ich durfte zurück zu mir selbst kommen, ohne dass ich mich in irgendwelchen anderen Dingen finde, sondern einfach nur in mir selbst – zu mir selbst.

PG: Ihr Glaube ist nicht aus einer geradlinigen religiösen Biografie hervorgegangen: Ihr Vater hat marokkanisch-muslimische Wurzeln, Sie besuchten den evangelischen Religionsunterricht und verstanden sich lange als Suchende. Welche Spuren haben Ihre unterschiedlichen religiösen Erfahrungen auf Ihrem Weg hinterlassen, und wie haben sie Ihren heutigen Glauben an Gott und Jesus geprägt?

 NA: Die Spuren sind die Erfahrungen, die ich gemacht habe – als Suchende, aber nicht wissentlich Suchende. Diese Spuren sind davon gekennzeichnet, dass ich mich immer wieder neu finden musste. Ich habe immer wieder gedacht, ich müsste mich selbst verändern, mich neu ausrichten, an meiner Persönlichkeit arbeiten, mich vielleicht für andere verbiegen oder mir selbst auferlegen, irgendwie zu sein, wie ich eigentlich gar nicht bin.

Ich hatte Zeiten, da habe ich wahrscheinlich zehn verschiedene Identitäten gelebt und hatte dadurch gar kein wirkliches eigenes Ich.

Ich bringe Identitätssuche und Glaubenssuche bewusst auf einen Nenner, weil ich denke, dass das bei mir sehr ineinandergeflossen ist.

Die Suche nach der Antwort auf die Frage „Wer bin ich?“ und gleichzeitig die Suche danach, was es da draußen noch gibt. Ich glaube, beides hatte einen gemeinsamen roten Faden in meinem Leben.

So war es auch mit dem muslimischen Glauben. Ich bin weder muslimisch erzogen worden, noch habe ich den Koran gelesen oder mir Hintergrundwissen angeeignet. Ich hatte damals eine Beziehung, in der mein Partner den muslimischen Glauben gelebt hat. Dadurch hatte ich die Möglichkeit, mehr darüber zu erfahren. Ich habe den Ramadan mitgemacht und nach dem islamischen Glauben gebetet. Ich dachte, das würde mich dieser Religion vielleicht näherbringen. Das war aber letztendlich doch nicht so. Wirkliche Spuren hat das bei mir nicht hinterlassen. Es war einfach ein Teil meines Weges. Ich habe es erlebt – mehr nicht.

Wirkliche Spuren, die für mich in meinem Herzen, meiner Seele und meinem Geist sichtbar wurden, entstanden erst, als sich Jesus in meinem Leben offenbart hat.

Das war nicht so, dass ich sofort wusste, was da passiert. Ich hatte schon 2009 eine Begebenheit… Zu dieser Zeit habe ich weder an Gott geglaubt noch wusste ich überhaupt, dass es einen Gott gibt. Ich war einfach immer auf der Suche. Ich wusste, irgendetwas ist da, irgendetwas trägt, irgendetwas hält – ich konnte es nur nicht benennen. Dann gab es diese Situation, in der tatsächlich eine Stimme zu mir sprach: „Pack deine Sachen, nimm dein Kind und geh.“

In diesem Moment wusste ich einfach, dass es Gott ist, und dass ich dem Folge leisten muss. Das war der Tag, an dem ich angefangen habe, an Gott zu glauben.

Nicht, weil ich Wissen über die Bibel oder den Koran hatte oder weil ich das irgendwie hätte einordnen können. Ich konnte das damals überhaupt nicht einschätzen. Ich wusste einfach nur: Gott hat zu mir gesprochen. Es gibt einen Gott. Und ich glaube jetzt.

Dieser Moment hat insofern Spuren hinterlassen, dass ich plötzlich diesen Glauben an Gott hatte. Einfach nur den Glauben, dass da Gott ist. Das hat sicherlich etwas in mir verändert, auch wenn ich heute nicht zehn konkrete Dinge aufzählen könnte (…) Viel wichtiger ist der Prozess und wie mich mein heutiger Glaube an Gott und an Jesus geprägt hat.

Heute bin ich in meiner wahren Identität  angekommen.

Nach dem Burnout habe ich sie für mich wirklich gefunden. Ich weiß heute, dass ich ein geliebtes Kind Gottes bin. Ich suche nicht mehr im Außen nach Bestätigung. Nicht danach, dass mich jemand liebt, dass ich Aufmerksamkeit bekomme, dass mich jemand für einen Auftritt engagiert oder dass sich mein Buch gut verkauft. Ich hoffe natürlich, dass es sich gut verkauft und viele Menschen es lesen. Aber ich mache meinen Wert nicht mehr daran fest. Das ist komplett weggefallen.

Ich vertraue jetzt auf Jesus und auf seinen Plan für mein Leben. Ich muss meine eigenen Kämpfe nicht mehr alleine kämpfen.

Dieser Prozess war ein langer Prozess – die letzten zweieinhalb Jahre. Ich habe mich wirklich intensiv mit der Bibel, mit dem Heiligen Geist, mit Jesus und mit der ganzen Geschichte beschäftigt und das in mein tägliches Leben integriert. Ich habe gelernt und geübt, den Verheißungen der Bibel zu vertrauen. Ich habe Zuversicht, Glauben, Geduld und Mut eingeübt, darauf zu harren und zuerst nach dem Reich Gottes zu trachten. Und dann wird mir alles Weitere hinzugefügt. Und genauso erlebe ich es heute.

Foto: Marco Durin Duchac

Cover der Autobiographie von Nadia Ayche „Einfach mal machen“ [Anzeige]

PG: Es gibt den Satz: „Gott schreibt auch auf krummen Zeilen gerade.“ Wenn Sie auf die unterschiedlichen Stationen Ihres Lebens zurückblicken: Inwiefern erkennen Sie darin heute einen roten Faden?

NA: Also mein roter Faden besteht darin, dass Gott ganz klar wusste, mit welchem Charakter er mich ausstattet, mit welchen Gaben und mit welchen Talenten. Ich sehe heute, dass das, was ich bis vor meinem Burnout gemacht habe, auch genau zu diesem roten Faden gehört hat – auch zu dem, wie mein Buch heißt: „Einfach mal machen“. Mutig sein, die Dinge nehmen, wie sie sind, aber auch Ideen, wenn ich sie habe, sofort umsetzen, einfach losgehen, den Weg dabei erst einmal lieben und mich dann, wenn es geklappt hat, daran freuen – an den kleinen Dingen. Und dieser rote Faden geht jetzt genauso weiter, auch wenn ich jetzt ein neues Leben habe.

In Jesus Christus sehe ich, wie dieser rote Faden weitergesponnen wird, aber jetzt auf der Reise mit Gott und nicht ohne ihn.

Auch wenn ich heute weiß, dass Gott schon vorher in meinem Leben da war, weil viele Werte, die ich früher hatte, heute Antworten bekommen haben – sie stehen auch in der Bibel, und das ist so das Fundament, das Jesus einem gibt. Von dem her sehe ich ganz klar diesen roten Faden. Nur jetzt kann ich mich an diesem Faden von Jesus entlanghangeln. Jetzt ist er da, jetzt kann ich ihn sehen.

PG: Sie erzählen sehr offen davon, dass Sie in einer Zeit großer Schwäche gelernt haben, Ihren Wert nicht mehr nur aus Leistung, Erfolg und Stärke abzuleiten. Was hat Ihnen der Glaube darüber gezeigt, wer ein Mensch vor Gott ist, auch wenn er gerade nichts leisten und für niemanden stark sein kann?

 NA: Ich war in der Zeit, als ich in der Akutklinik war und später auch in der Reha, wirklich abgekoppelt von der anderen Welt, aus der ich kam. Ich hatte immer das Gefühl, das Leben der anderen geht weiter, während meines gerade auf mein eigenes Leben beschränkt ist.

Als ich mich in mein Leben so richtig habe reinfallen lassen, ging es im Grunde nur noch um mich.

Natürlich kamen immer mal wieder kleine Dinge von außen, wie Kinder oder Familie. Letztendlich bin ich aber immer wieder zu mir zurückgekommen, weil ich wusste: Ich bin jetzt schwach, ich kann gerade nichts für andere machen. Mir dessen bewusst zu werden und mich täglich damit zu beschäftigen und es anzunehmen – dieses Annehmen, Loslassen, Anschauen, Akzeptieren – das sind viele Dinge, von denen man vorher vielleicht schon mal gehört hat, aber nicht wusste, wie man sie umsetzt. Genau das durfte und musste ich lernen, um wieder gesund zu werden und aus dem Burnout herauszukommen. Ein Burnout sind angestaute Lebenssituationen, die nicht verarbeitet wurden, und irgendwann ist alles übergelaufen und der Stecker wurde gezogen.

Bei Frauen kann so etwas auch zusammenhängen mit verschiedenen Lebensphasen, wie ich später gelesen habe. Ich hatte selbst über viele Jahre hinweg immer wieder schwierige Phasen, ohne zu wissen, wie viel davon zusammenhängt. Es ist erstaunlich, wie viele Faktoren zusammenspielen können und wie anfällig man dadurch werden kann. Bei mir war es vor allem die Überlastung und der Wunsch, alles kontrollieren zu wollen. Ich habe nicht gut auf mich geachtet, und selbst Pausen waren innerlich oft keine echten Pausen. In der Akutklinik war das dann alles weg. Es war wirklich alles weg. Ich wurde wie „gereinigt“.

Ich habe Gott in der Natur gesehen, in allem, was ich tue, und in der Achtsamkeit mit mir selbst.

Dieser Prozess, die Seele bis zurück in die Kindheit hinein mit Gottes Hilfe zu heilen, war ein sehr intensiver Prozess.

Fotos: privat

NA: Für mich ist heute wichtig zu wissen: Ich bin nicht davon abhängig, was andere über mich denken oder was jemand von mir möchte oder ob jemand auf mich sauer ist. Ich habe gelernt, mich abzugrenzen und zu sagen: Das gehört zu dem anderen, aber nicht zu mir. So wie mein Leben jetzt ist, ist alles gut.

Und auch wenn Stürme kommen, vertraue ich darauf, dass ich von Gott getragen werde.

Ich gehe ins Gebet, und wenn Symptome kommen, spreche ich manchmal das Vaterunser im Geiste, um meinem Geist etwas zu geben, das ihn stärkt.

Letztendlich kann ich mit allem zu Gott kommen.

Ich komme zuerst zu Gott, bevor ich zum Menschen gehe. Ich gebe ihm alles hin, was mich belastet oder wofür ich keine Antwort habe, und schaue dann, ob er mir Menschen schickt, mit denen ich darüber sprechen kann. Das Gefühl, immer stark sein zu müssen und leisten zu müssen, hat sich aufgelöst. Gott ist derjenige, der meine Kämpfe kämpft. Ich darf aus seiner Stärke leben, mit einem Frieden, den nur er geben kann.

Fotos: privat

PG: Die Flutkatastrophe im Ahrtal wurde für Sie zu einem Wendepunkt: Aus dem ersten Impuls zu helfen entstand ein großes Netzwerk, durch das zahlreiche Menschen Unterstützung erhielten. Was hat Sie in dieser Zeit am tiefsten berührt– und was haben Sie durch die Begegnungen mit den Betroffenen über Mut, Zusammenhalt und Nächstenliebe gelernt?

NA: Der Mensch kann mehr, als er sich vielleicht im ersten Moment zutraut, wenn er einfach aus seinem Impuls die Dinge anpackt und loslegt. Vor allem dann, wenn die Not der anderen groß ist, hat sich gezeigt, dass Nächstenliebe ganz groß geschrieben ist. Menschen stehen sofort für andere ein, auch wenn sie sie gar nicht kennen, reisen aus dem ganzen Land an, um vor Ort zu helfen – aus dem Impuls heraus: Ich muss da jetzt was tun. Da ist wirklich Not am Mann, die schaffen das nicht alleine.

Tief berührt hat mich, dass unter diesen Helfern auch viele waren, die selbst fast nichts hatten.

Menschen, die kaum Geld hatten, um ins Ahrtal zu reisen, es aber trotzdem gemacht haben. Menschen, die gesundheitlich sehr angeschlagen waren, die selbst viel Leid erfahren hatten – Verlust von Wohnung, Angehörigen oder Arbeitsplatz – und trotzdem losgegangen sind, um anderen zu helfen. Oft waren sie selbst noch nicht aus dem Gröbsten heraus.

Es war bei mir nicht anders. Ich habe auch schon viel erlebt, viel Leid und viel Verlust. Mein Herz war immer darauf ausgerichtet, für andere da zu sein. Besonders im Ahrtal hat sich das gezeigt. Dadurch entstand bei mir auch die Initiative „Helfergeld“. Ich habe Spenden gesammelt, um Helfern Spritgeld zu geben, damit sie ins Ahrtal fahren und helfen konnten. Am Ende waren es 30.000 Euro, mit denen ich 300 Helfern jeweils 100 Euro Spritgeld überweisen konnte.

NA: Die Betroffenen waren zunächst mit ihrer eigenen Situation überfordert und auch damit, dass plötzlich so viele Menschen kamen, die helfen wollten. Es war für sie nicht leicht, einfach Ja zu sagen. Oft war da der Gedanke: Wie kann ich das jemals zurückgeben? Aber darum ging es gar nicht – und geht es bis heute nicht. Es geht darum, dass wir im Grunde alle eine Familie sind. So habe ich es erlebt: dass ich Familienangehörigen helfe, egal wer sie sind. Alle haben ein Schicksal. Dieses Wissen hat auch uns Helfer zusammengeschweißt. Wir wussten, was wir tun, warum wir es tun, und wir haben uns gegenseitig unterstützt, um weiter helfen zu können.

Als ich dann aus Krankheitsgründen komplett ausgefallen bin und das öffentlich gemacht habe, habe ich viel Mut von Menschen aus dem Ahrtal und aus NRW zurückbekommen. Viele haben mir geschrieben: „Nadja, schreib doch Tagebuch“ oder „fang an zu malen“. Sie haben mir Tipps gegeben, was ihnen geholfen hat, wenn es ihnen nicht gut ging. Plötzlich habe ich mich wieder in ihnen gesehen – so wie sie am Anfang, als ich geholfen habe. Ich dachte: Ich habe sonst immer alles alleine geschafft, und jetzt schaffe ich gar nichts mehr – und jetzt helfen mir die, denen ich geholfen habe.

Ich habe erfahren, wie es sich anfühlt, selbst auf Hilfe angewiesen zu sein.

Es war ein großes Geben und Nehmen. Für mich war wichtig, dass dieser Kreislauf bestehen bleibt: dass der, dem ich helfe, vielleicht später wieder jemand anderem hilft.

Ein Beispiel: Ich habe etwa 50 Autos gespendet bekommen und diese an Betroffene im Ahrtal vermittelt. Ein Auto ging an eine Familie mit drei Kindern. Diese Familie sagte mir dann, dass sie gerne für jemanden einkaufen gehen würden, der kein Auto hat. Und so hat sich das weiterentwickelt: Sie sind einkaufen gefahren, haben für andere mit eingekauft, und diese haben wiederum ihre Nachbarn gefragt, was sie brauchen. So ist es immer weitergegangen.

Mir war wichtig, dass nicht nur von außen Hilfe kommt, sondern dass die Menschen vor Ort durch die Hilfe ermutigt werden, selbst wieder für andere da zu sein.

Es lindert das eigene Leid, wenn man sein eigenes kurz beiseitelegt und auf das Leid anderer schaut – aber in Balance. Denn man darf nicht nur von sich wegschauen, sonst kann man auch in eine Depression geraten oder es sammeln sich Dinge an, die man nicht verarbeitet hat, so wie es bei mir war.

Es braucht eine Balance zwischen Geben und bei sich bleiben.

Zu erkennen: Wie viel kann ich geben, und wo muss ich wieder bei mir sein. Das ist kein Egoismus. Es ist Selbstfürsorge. Und darauf sollte man achten. Es ist kein Egoismus, wenn man sich um sich selbst kümmert – es ist vielmehr notwendig. Genau das steht auch in der Bibel: dass man auf sich selbst achten soll – auf Körper, Geist und Seele. Denn wenn ich nicht auf mich achte, kann ich auch für andere nichts tun.

Wir sind da, um zu dienen, und sollen unseren Nächsten lieben wie uns selbst.

Wenn ich nur den Nächsten liebe und mich selbst nicht, dann breche ich irgendwann weg. Deshalb ist es wichtig, alles in Balance zu halten. Auch einfach mal zu sagen: Jetzt kümmere ich mich um mich. Jetzt mache ich mir etwas zu essen, gehe spazieren, lese in der Bibel oder in einem Buch. Ich frage mich: Was brauche ich gerade?

Das sind Dinge, die wir alle tun sollten, weil wir so geschaffen sind, dass wir auch gut für uns selbst sorgen müssen. Das, was man gibt, kommt auf jeden Fall zurück. Aber man sollte nicht mit einer Erwartungshaltung dastehen, dass man jetzt etwas zurückbekommt, sondern es einfach machen, das Herz öffnen und dann weitergehen. Und beflügelt und beglückt weitergehen, weil wenn man anderen Menschen hilft und sieht, dass man sie aus ihrem Leid retten konnte oder zumindest einen Tag schöner gestalten konnte, dann gibt es einem selbst so viel, dass sich vielleicht die eigenen Probleme dann viel leichter lösen oder man sie nicht mehr so verzwickt sieht und daraus Kraft schöpfen kann.

Ich glaube aber auch, dass diese Worte Mut, Zusammenhalt, Nächstenliebe nach dem, was im Ahrtal passiert ist, gar nicht plakativ dastanden. Wir haben einfach gehandelt.

Und ich glaube, das ist vielleicht auch das, was man mit Jesus oder Gott erklären kann: dass es einfach in uns drin ist. Dass wir nicht alles erklären müssen und nicht alles eine Überschrift braucht, sondern dass wir einfach sind und das vielleicht auch einfach so annehmen können.

Vielleicht auch ohne zu sagen: „Ich war jetzt so mutig“ oder „hast du gesehen, wie viel Zusammenhalt da war“ oder „der hat aber viel Nächstenliebe gezeigt“, sondern dass wir uns einfach vom Herzen leiten lassen und vielleicht mehr unter dem Baum des Lebens bewegen als unter dem Baum der Erkenntnis.

PG: Lieber Nadia, vielen Dank für dieses Interview.

Hinweise: 

Mehr Infos zu Nadia Ayche und ihrem vielseitigen Wirken gibt es unter:

www.nadiaayche.de

und

www.einfach-machen-patenschaften.de

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Interview: Stefanie Maier