Foto: Dennis Paeschel im Auftrag der Deutschen Akademie Rom Villa Massimo, Nora-Bossong-Editathon-Berlin-Villa-Massimo-2025, cropped, CC BY-SA 4.0

Nora Bossong: „Mir wäre die Welt ganz ohne Himmel zu eng“

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Die Schriftstellerin Nora Bossong, die als eine der wichtigsten literarischen Stimmen des Landes gilt (siehe HIER), plädiert in ihrem neuen Buch „Welt mit anderen Mitteln“ [Anzeige] für den Glauben an Gott und liefert einen Aufruf an alle, die dem spirituellen Ausverkauf unserer Gesellschaft etwas entgegensetzen wollen. Im Interview mit domradio.de spricht die 44-Jährige aktuell darüber, wie ihr die Verbindung zu Gott Orientierung gibt. 

 

 

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Bei welt.de ist am 8. Oktober ein Vorabdruck aus ihrem neuen Buch erschienen. In diesem beschreibt Nora Bossong, dass viele Menschen in unseren Breiten heutzutage der Illusion unterliegen würden, dass sich ihr Vermögen oder ihre Beziehung „in Lebenssinn eintauschen“ ließe. Dazu betont sie:

„Selbst wenn wir unser Kapital in den Depots und Konten betrachten, bleibt ein leeres Gefühl.“

Für das hingegen, was nur von außen in unsere Welt kommen könne, verwende sie bewusst „immer noch den Namen ‚Gott'“, so Bossong.

Dabei plädiert die 44-Jährige dafür, das Wertvolle am Glauben und die aus ihm erwachsenen Lebensformen nicht leichtfertig durch eine Fokussierung auf das Fehlverhalten der Institution Kirche aus dem Blick zu verlieren. Durch „Konsumismus, Glückssuche im Privaten, scheinbare Freiheit, stetige Bewegung, Wachstum und Optimierung“ gehe vielfach der Blick für den „Himmel als Horizont“ verloren, meint die Autorin und erklärt weiter, dass „die goldenen Kälber und Scheinantworten“ unserer Zeit „ein radikales Sinndefizit“ zur Folge hätten. Die dramatische Auswirkung dieses Defizits beschreibt Bossong mit folgenden Worten treffend:

„Sinn ist so etwas wie unser geistiges Wurzelwerk. Fehlt es, kann sich weder Hoffnung gut halten noch Zuversicht wachsen, am Ende verlieren sogar wir selbst unsere Verankerung und Standfestigkeit.“

Ein Leben, das sich nach Zwecken ausrichtet sowie in Geld, Status oder Partnerschaft „mögliche Glücksgefühle“ verortet, werde nie beim eigentlichen Sinn ankommen, weil dieser „uns aus einer ganz anderen Ecke unseres Lebens ereilt“, zeigt sich die vielfach ausgezeichnete Schriftstellerin gewiss und plädiert für ein Entdecken von tieferen und belastbareren Sinngehalten, die sie in Zugängen „zu dem, was über oder jenseits der reinen Innerweltlichkeit liegt“, sieht. Halbherzige Versuche, diese Zugänge wieder freizulegen, „ohne dabei wirkliche religiöse Bindung zu riskieren“, oder das Festhalten „an säkularen Zuversichtstrainern“ beschreibt Nora Bossong bei der Suche nach tiefergehendem Sinn als nicht zielführend.

Die Autorin bleibt in ihrem Buch bei der Frage nach Sinn aber nicht nur auf der Metaebene, sondern geht darauf ein, was ihr persönlich im Leben Sinn gibt. Dazu erklärt die Schriftstellerin, dass Literatur in ihrem Leben „eine wichtige Rolle“ spiele, aber für sie „kein Sinn an sich“ sei. Auch wenn sie in der Literatur „etwas Tieferes als den Alltag“ betrete und ohne Literatur „ein anderer, ein verlorenerer Mensch“ wäre, könne sie Literatur „nicht als einen letzten Grund, als einen umfassenden Sinn verstehen“, so Bossong.

Mit Verweis auf den biblischen Pslam 42, in dem sich die Sehnsucht nach dem lebendigen Gott ausdrückt, sowie auf den Prolog des Johannesevangeliums (Joh 1,1) erklärt Nora Bossong, dass für sie Zugang zu tiefstem Sinn den Glauben an einen personalen, barmherzigen Gott einschließt.

Die einleitenden Worte des Johannesevangeliums lauten: „Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott.“ Mit Blick auf diese Worte schreibt Bossong:

„Versuche ich, einer atheistischen Freundin zu erklären, was das Wort für mich bedeutet, antworte ich, dass es ein Hinwenden ist, durch das ich doch erst eigentlich zu mir selbst komme.“

Dabei ist ihr – Papst Benedeikt XVI. zitierend – klar, „dass wir über Gott immer mehr nicht sagen können, als wir zu sagen vermögen“.

Gott erlebe sie als „uns öffnend und uns umfangend, ja, uns sogar durchdringend und Grund in uns legend“, schildert die Autorin und betont, dass sie Gott „nur als grenzenlos offen“ denken könne. Dazu erklärt sie:

„In der physikalischen Frage, wie sich das Universum in sich selbst ausdehnen kann, obwohl es bereits unendlich ist, schwingt für mich etwas mit, wonach auch die Theologie fragt.“

In dem Bereich, der unsere Vorstellung übersteigt, finde sie „eine Spur“ zu Gott, wohingegen das Reden über Gott für sie genauso leer werde wie für ihre atheistische Freundin, wenn versucht wird, „Gott festzuschreiben“.

Im alttestamentlichen Gottesnamen JAHWE entdeckt Nora Bossong „in seiner rätselhaften Klarheit die beste Annäherung“. Sinngemäß übersetzt bedeutet JAHWE: „Ich bin, der ich bin“ (Ex 3,14) – oder „Ich bin, der ich sein werde“ oder „Ich bin, der ich immer schon war“.

Der von Gott dem Mose geoffenbarte Name speise sich aus der hebräischen Wurzel יהי, sein, trage „alles Werden, alles Sein, alles Gewordene in sich“ und eröffne den Menschen stets neue Fragen, worin Nora Bossong „auch das Wunderbare“ erkennt. Dazu resümiert sie:

„Wäre Gott einfach nur eine Antwort, ein für alle Mal feststehend und für uns entschlüsselt, wohin könnten wir wachsen? Wohin wollten wir werden?“

 

Im Interview mit domradio.de bezeichnet Nora Bossong den Umstand, dass wir uns Gott nur annähern können, als gut. Demzufolge sei Gott keine Antwort, sondern „eine Frage, die uns in Dynamik hält und in die hinein wir wachsen können“. Dazu betont sie:

„Hätten wir eine Formel, mit der wir ein für alle Mal festsetzen könnten, wie Gott jetzt genau in unserer menschlichen Größe zu denken ist, wäre das keine besonders glückliche Lösung.“

Mit Blick auf die gesellschaftlichen und globalen Herausforderungen der Zukunft verweist Nora Bossong im Domradio-Interview auf die Ressource, die im Glauben an Gott liegt, indem sie u.a. erklärt:

„Die transzendente Hoffnung schützt uns davor, zu verzweifeln oder zu resignieren.“

Den Glauben an Gott empfindet sie persönlich sowohl als Erfahrung wie auch als Geschenk und als eine Entscheidung. Gegenüber Domradio erklärt Nora Bossong, warum der katholische Glaube ihr Mut macht und weshalb Rituale Trost spenden können. Das Gebet beschreibt die 44-Jährige als Kraftquelle, die ihr hilft, innezuhalten, Konflikte aus einer neuen Perspektive zu betrachten und trotz erlebten Unrechts nicht die Hoffnung zu verlieren. Mit Blick auf das morgendliche Erwachen betont sie:

„Beten ist für mich ein zweites Aufwachen.“

Das Beten in der morgendlichen Dämmerung sei für sie so, „als würde ich ein zweites Mal die Augen öffnen“, fügt die Schriftstellerin erklärend hinzu.

Sich durch die Auseinandersetzung mit Gott dem Adressaten ihrer Gebete gewiss werdend zeigt sich Nora Bossong in ihrem neuen Buch überzeugt:

„Mir wäre die Welt ganz ohne Himmel zu eng.“

 

Quellen: welt.de, penguin.de, domradio.de