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In seiner Auslegung zum heutigen Sonntagsevangelium (Mt 20,1-16) geht unser geistlicher Begleiter Pater Dr. Peter Uzor auf die Gerechtigkeit Gottes ein und zeigt dabei auf, wie überraschend Gott belohnt. Seinen Gottesdienst am heutigen Kirchweihsonntag in der St. Marienkirche in Sonnefeld bei Coburg einleitend sagte Pater Peter: „Wie finde ich einen gnädigen Gott? Diese Frage hat vor mehr als 500 Jahren den Reformator Martin Luther bewegt. Es war eine Zeit, in der viele Menschen glaubten, sie müssten für ihr ewiges Heil große, messbare, bezahlbare Leistungen vollbringen. Aber genau diesem Denken setzt Jesus entgegen: Gott gibt den Menschen, was er will und wie er es will. Für uns Menschen unbegreiflich, auf den ersten Blick auch ungerecht, aber eigentlich auch eine große Zusage: Gottes Güte kennt kein menschlich kleines Maß – sie ist größer als all unser Denken und Empfinden. Wir dürfen auf diese maßlose Güte vertrauen und – auch in dieser Stunde – dafür einfach demütig dankbar sein.“

Hier die Worte seiner Predigt:

Haben Sie heute schon Leistung gebracht? Heute, am Sonntag? Sicher ist es eine Leistung, am Sonntagmorgen so rechtzeitig aufzustehen, dass man pünktlich in den Gottesdienst kommt. Und wie sieht es mit der vergangenen Woche aus? Welche Leistungen mussten Sie da bringen? Vielleicht war die Rede davon, dass Leistungen Ihrer Kinder oder Enkelkinder in der Schule besser werden müssen. Oder im Betrieb wurde angekündigt, dass dieses oder jenes verändert werden müsse, damit die Leistung wieder stimme. Manche haben eine neue Armbanduhr gekauft, die nicht nur die Uhrzeit anzeigt, sondern auch die Geschwindigkeit und den Kalorienverbrauch beim Sport. Man nennt sie Smartwatch. Und was bekommt man, wenn man etwas leistet? Die Chance, weiter zu kommen. Ein Gehalt, das den Lebensunterhalt sichert. Das gute Gefühl, etwas für die eigene Fitness getan zu haben.

Leistung muss sich lohnen.

Doch was bekommt man für etwas, was sich nicht wiegen, zählen und messen lässt? Welche Belohnung steht in Aussicht für den Einsatz von Zeit, von Vertrauen, von Lebenskraft?

Im Matthäusevangelium stellt Petrus eine solche Frage an Jesus: „Du weißt, wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolgt. Was werden wir bekommen?“ (Mt 19,27). Eine Geschichte ist die Antwort Jesu, eine Parabel. „Mit dem Himmelreich ist es wie mit …“ (Mt 20,1). Diesen Anfang von Geschichten wählt Jesus immer dann, wenn er versucht zu beschreiben, was mit diesem „Himmelreich“ gemeint ist.

Ein „geübter Hörer“ weiß: Nach diesem Anfang wird die Geschichte nicht so glatt ausgehen, wie ich mir das erwarte. Sie wird Überraschungen für mich bereithalten, sie wird mich herausfordern.

Denn mit dem Himmelreich ist es … – ganz anders, als ich es mir so denke oder wünsche oder vorstelle!

Jesus erzählt Gleichnisse, denn im Klartext von Lehrsätzen oder Definitionen lässt sich nicht beschreiben, was Gott und seine Gegenwart in unserem Leben bedeuten.

Weinberge und die Arbeit dort – das ist den Zeitgenossen Jesu vertraut. Sie wissen auch, wie der Arbeitsmarkt funktioniert: Wer seine Arbeitskraft anzubieten hat, geht auf den Markt oder ans Tor und wird dort angeworben. Der Lohn von einem Denar am Tag bei einer Arbeitszeit von zwölf Stunden sichert dem Arbeiter und seiner Familie das Überleben für diesen Tag. So gehen die Tagelöhner, die gleich am Morgen angeworben werden, auf Nummer sicher. Sie wissen, was sie zu erwarten haben, sowohl an Arbeit, als auch an Entlohnung. Alle, die später angeworben werden, werden erhalten, was recht ist. Dann kommt er wieder und trifft die letzten Arbeiter, die noch nicht angeworben sind. Eigentlich hätten sie ja daheim bleiben können: Sie hatten für den heutigen Tag keine Arbeit, niemand konnte sie brauchen. Und doch sind sie auf dem Marktplatz geblieben. Sie haben so lange gewartet, bis auch sie gebraucht wurden. Sie haben zum Glück Arbeit im Weinberg gefunden. Die Arbeiter, die als letzte angeworben werden, erfahren nicht, wie viel Lohn sie erhalten sollen. Sie können nur vermuten, dass ihnen der Anteil von einem zwölftel Denar ausbezahlt wird, denn sie haben ja nur eine statt zwölf Stunden gearbeitet. Wenig genug, aber besser als nichts.

Am Abend weicht dieser Gutsherr von der sonst üblichen Praxis bei der Auszahlung ab. Diejenigen Arbeiter, die zuletzt eingestellt wurden, werden zuerst ausbezahlt. Sie dürfen sich freuen: Einen Denar bekommen sie – den ganzen Tageslohn für eine Stunde Arbeit. Sie, die fast nichts zu erwarten hatten, werden über die Maßen großzügig bezahlt! Doch wie sie reagieren, erfahren wir nicht, genauso überspringt die Erzählung die Reaktion der anderen, die ebenso einen Denar erhalten – einen Ganztageslohn für Teilzeitarbeit! Kein Wunder, dass die Erwartungen bei den „Ganztagsarbeitern“ steigen. Sie können sich ohnehin schon als die besseren fühlen, weil sie schon am frühen Morgen eingestellt wurden. Ihnen traute man wohl die meiste Arbeitskraft zu. Nun meinen sie auch, dass sie für ihre Arbeit doch mehr als vereinbart bekommen sollten. Doch weit gefehlt – auch ihnen wird nur, wie vereinbart, ein Denar ausbezahlt. „Gleicher Lohn für alle“ – diese Devise der modernen Gewerkschaften gab es damals noch nicht, aber sie wird hier umgesetzt!  Kein Wunder, dass gemurrt und geschimpft wird. Das Elend und das Murren beginnen erst, als sich die ersten mit den anderen Arbeitern vergleichen.

Der Teufel steckt oft im Vergleich. Erst im Vergleich fühlen sie sich ungerecht behandelt.

Die Arbeiter der ersten Stunde fühlen sich ungerecht behandelt – aber eben nur fühlen. Sie haben wie vereinbart gearbeitet und werden wie vereinbart bezahlt. Was sie ärgert, ist die Großzügigkeit des Gutsherrn – und die empfinden sie als Ungerechtigkeit. Was sie noch ärgert, ist die scheinbar fehlende Anerkennung für ihre Arbeitsmühe den ganzen Tag über.

Wohlgemerkt: die Erzählung ist ein Gleichnis. Es geht Jesus nicht um Lohngerechtigkeit, sondern um Gottes Güte. Und die, sagt Jesus mit dem Gleichnis, ist mit nichts zu vergleichen. Jeder und jede steht für sich vor Gott.

Über seine Güte lässt Gott nicht mit sich verhandeln. Das ist seine Sache. Die Güte gilt. Immer.

Der Teufel sitzt im Vergleich. Man sieht auf andere und sieht kaum noch sich selbst.

Ein Fehler, sagt Jesus. Deine Gnade ist mit nichts zu vergleichen. Mit nichts.

Schau auf dich. Vom ersten Tag deines Lebens bis heute. Was dir geschieht, ist Gottes Weg mit dir. Den darfst du nicht vergleichen.

„Darf ich mit dem, was mir gehört, nicht tun, was ich will? Oder bist du neidisch, weil ich zu anderen gütig bin?“ Diese Frage des Gutsherrn gilt nicht nur den Arbeitern der ersten Stunde, sondern allen, die diese Geschichte hören. Denn längst dürfte deutlich geworden sein, dass in diesem großzügigen Weinbergsbesitzer aufscheint, wie Gott mit Menschen umgeht.

Gott bemisst den Wert von Menschen nicht nach ihren Leistungen.

Gottes Belohnungen, Gottes Güte lassen sich nicht nach Tarifeinheiten berechnen. Und menschliche Maßstäbe können auf den Kopf gestellt werden.

Möglicherweise ist die Frage des Petrus, des Berufenen der ersten Stunde, auch in der Gemeinde von Matthäus aufgebrochen: Welchen Lohn haben wir in Aussicht dafür, dass wir unser Leben einsetzen für unseren Glauben?

Und diese Christen, die sich als die Stärkeren fühlen, hören, dass die Schwachen ihnen gleichgestellt sind. Umgekehrt ist es für diejenigen, die erst seit kurzem dabei sind, also erst „in der elften Stunde“ zur Gemeinde gestoßen sind, ermutigend zu hören, dass ihnen der gleiche Lohn zukommen wird wie den anderen.

Das ist sie, die Überraschung, die ein Gleichnis bereithält. Dieser Weinbergbesitzer kümmert sich in erster Linie um die Menschen, die in seinem Weinberg arbeiten. Will sagen: Gott sorgt für die Menschen. Dabei kommt es nicht auf die Leistung des einzelnen an.

Will auch sagen: Von Jammern wird die Welt nicht besser, auch nicht von ratlosem Ausschauen nach den anderen, die da was tun sollten, auf die Mächtigen und offenbar so Starken.

Auf jeden einzelnen kommt es am Ende an. Da gibt es niemanden, der unnütz und überflüssig ist. Jeder Mensch ist in der Weltordnung Gottes etwas wert und bekommt seinen ihm zugedachten Lohn.

Niemand sollte denken und sagen, um im Bild von den Arbeitern im Weinberg zu bleiben: Für die eine Stunde lohnt es sich gar nicht mehr, mit der Arbeit zu beginnen, meine Kraft, meine Fähigkeiten einzusetzen. Gerade diese eine Stunde kann entscheidend sein.

Gott gibt uns unsere Fähigkeiten und Talente, dass wir sie in Verantwortung nutzen, um die Welt menschlicher, friedlicher zu machen, um miteinander das Leben zu gestalten.

Wir brauchen nicht auf Lohn und Anerkennung zu spekulieren, denn:

Gottes Barmherzigkeit kennt kein Maß, schon gar nicht unser menschlich kleines Maß.

Wenn wir heute in unsere Gemeinden schauen, sieht es oft so aus: einige wenige stecken viel Zeit und Ideen in ihr ehrenamtliches Engagement und tragen so das Leben in der Gemeinde. Andere schauen nur gelegentlich vorbei, feiern Feste mit oder besondere Gottesdienste. Da ist sie, die Spannung zwischen denen, die schon den ganzen Tag gearbeitet haben und denen, die erst in der elften Stunde in den Weinberg geholt werden. Zumindest eine Stunde arbeiten sie gemeinsam, setzen ihre je eigene Kraft ein und gestalten gemeinsam Kirche. Und jeder und jede hat Ansehen vor Gott, dem gütigen. Amen.