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In seiner Auslegung zum Evangelium vom vergangenen Sonntag (Mt 21,33-44) beschreibt unser geistlicher Begleiter Pater Dr. Peter Uzor, wie Jesus und mit dem Gleichnis von den Winzern mit ans Fenster der Schöpfung, des Glaubens und des Lebens nimmt. Dabei stellt Pater Peter heraus, was es bedeutet, Pächter oder Besitzer der Schöpfung sein zu wollen. Ein lohnender Einblick insbesondere für alle, die in Kirche und Gesellschaft in Verantwortung stehen…

Hier die Worte seiner Predigt:

„Ich habe keine Lehre, ich zeige nur etwas. Ich zeige ihnen etwas, das oft übersehen wird. Ich nehme den Menschen, der mir zuhört, an der Hand und führe ihn zum Fenster. Ich stoße das Fenster auf und weise hinaus. Ich zeige Wirklichkeit …“ So beschreibt der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber die Art und Weise, wie er anderen seine Erkenntnisse vermitteln will. Äußerst sympathisch, finde ich: Mir wird nichts aufgedrängt, ich muss mich nicht belehren lassen, sondern darf selbst entdecken, was dem Philosophen bei seinem Nachdenken aufgegangen ist.

Genauso – stelle ich mir vor – zeigt Jesus allen, die ihm zuhören, wie es um sie steht. Vor allem zeigt er ihnen, wie die Wirklichkeit aussehen könnte, wenn sich immer mehr Menschen von seiner Vision der neuen Welt Gottes anstecken ließen.

In seinen packenden Gleichnissen nimmt Jesus uns an der Hand, führt uns zum Fenster und lässt uns sehen, was er unter einem wahren, erfüllten Leben versteht.

Durch das Fenster, das er mit seinem Gleichnis von den Winzern aufstößt, sehen seine Zuhörer damals plötzlich ganz klar ihre Wirklichkeit: „Als die Hohepriester und die Ältesten des Volkes seine Gleichnisse hörten, merkten sie, dass er von ihnen sprach“ – so lautet der Satz, der im Matthäusevangelium direkt auf die eben gehörte Bibelstelle folgt.

Die Hohepriester und die Ältesten des Volkes merken genau: Jesus redet von uns. Wir sind in seinen Augen die Winzer, die keine Früchte abliefern, den Willen Gottes nicht erfüllen. Uns wirft er vor, dass wir uns an die Stelle Gottes setzen möchten und seine Boten, die Propheten, aus dem Weg räumen. Wir werden in seinen Augen unserer Verantwortung nicht gerecht, weil wir das Volk nicht im Sinn Gottes führen. Wir wollen – so sieht er es – lieber Besitzer und nicht Pächter sein.

Das ist der Punkt, an dem das Gleichnis auch zur Anfrage an mich wird: Lebst du im Pächter-Modus – oder willst du gerne der Besitzer, der Macher, der Herr sein?

Ist dir bewusst, dass dein Leben eine Leihgabe ist – dir anvertraut, um es zu gestalten; um mitzuwirken an der neuen Welt, die Jesus dir vor Augen stellt; mit biblischen Worten: um Frucht zu bringen; um kreativ die dir geschenkten Talente zu entfalten? Oder fühlst du dich niemandem verantwortlich? Willst du der sein, der alles im Griff hat und beherrscht; der ganz auf die eigene Leistung baut; der sich auf materiellen Besitz und auf Macht konzentriert?

Mit dem Gleichnis nimmt mich Jesus an der Hand und führt mich zuerst einmal zum Fenster der Schöpfung. Er stößt es auf, weist hinaus, zeigt mir die Wirklichkeit und fragt nur: Pächter oder Besitzer?

Ich sehe, wie wir durch ausbeuterisches Wirtschaften und unkontrollierte Technisierung die Schöpfung in die Erschöpfung treiben; wie sich der Mensch durch die Abgabe von Schadstoffen und Abfällen und den übermäßigen Verbrauch ökologischer Ressourcen die eigene Existenzgrundlage zerstört; wie er die Natur als „Warenlager“ sieht, aus dem er sich rücksichtslos bedient.

Ich höre die Stimme der Prophetinnen und Propheten, die uns warnen, an unsere Fürsorgepflicht erinnern und zur Umkehr bewegen wollen; z.B. die Stimme des Franz von Assisi, der in seinem Sonnengesang Gott lobt für Schwester Sonne, Bruder Mond und die Sterne, für die Elemente Wind, Wasser und Feuer, und für „unsere Schwester, Mutter Erde, die uns erhält und leitet, vielfältige Früchte hervorbringt, farbige Blumen und Gräser“. Ich höre Albert Schweitzer, der die „Ehrfurcht vor dem Leben“ in den Mittelpunkt seines Denkens und Tuns stellt und uns mahnt: „Wir müssen jedes Vernichten immer als etwas Furchtbares empfinden und uns in jedem einzelnen Falle fragen, ob wir die Verantwortung dazu tragen können, ob es nötig ist oder nicht.“

Ich entdecke auch schon viele Menschen und Gruppen, die sich einsetzen für einen neuen menschen- und schöpfungsfreundlichen Lebensstil; die uns zu einem nachhaltigen Umgang mit der Natur anregen; die auch mir helfen, mich bewusst als Geschöpf zu sehen; die mir den göttlichen Auftrag ins Gedächtnis rufen, die Erde zu hegen und zu pflegen.

Mit der Geschichte von den Winzern führt mich Jesus auch zum Fenster des Glaubens. Pächter oder Besitzer? – fragt er wieder.

Ich sehe, wie sich aus der Reich-Gottes-Botschaft Jesu im Lauf der Jahrhunderte ein riesiges Gebilde von Glaubenssätzen und Dogmen entwickelt und wie die Verantwortlichen der Kirche immer mehr zu Herren und Besitzern der Wahrheit werden, die sie streng bewachen und ihr gegenüber absoluten Gehorsam einfordern. Ich sehe Glaubenshüter, die vor Kriegen und Scheiterhaufen, vor Exkommunikation und schlimmen Strafen für vermeintliche Ketzer nicht zurückschrecken.

Ich höre aber auch die warnenden Stimmen der Prophetinnen und Propheten, die sich von den Ideen Jesu überraschen und mitreißen lassen; die sich mit Begeisterung an seinen Worten und an seinem Handeln orientieren; die den Glauben aus verstaubten Formeln und Worthülsen befreien und ihm wieder Strahlkraft geben wollen. Ich denke an die Bettelorden, die sich im Mittelalter gegen die Herrschaftsstrukturen der Kirche auflehnen; an Päpste wie Johannes XXIII. und Franziskus, die sich nicht als Glaubensherren verstehen; und an viele Theologinnen und Theologen, die oft mundtot gemacht werden, sich aber nicht entmutigen lassen und mit ihren Fähigkeiten unermüdlich versuchen, Menschen heute wieder auf den Glauben neugierig zu machen.

Ich entdecke einzelne Christen und Gruppen, die sich neu auf die Anliegen Jesu besinnen und mir die Freude am Geschenk des Glaubens zurückgeben können.

Schließlich zeigt mir Jesus etwas, das ich oft übersehe. Er nimmt mich mit seinem Gleichnis an der Hand und führt mich zum Fenster meines Lebens – auch diesmal mit der Frage: Pächter oder Besitzer?

Ich sehe, wie selbstverständlich ich es oft nehme, dass es mir gut geht und ich in Frieden leben darf; sehe, wie sehr ich an materiellen Gütern hänge und auf den eigenen Vorteil schaue; wie oft ich vergesse, dass mein Leben nicht nur von meiner eigenen Leistung abhängt, sondern immer ein Geschenk bleibt – eine Leihgabe, an der ich mich freuen kann, mit der ich aber auch verantwortungsvoll umgehen muss.

Gleichzeitig nehme ich viele Prophetinnen und Propheten wahr – die kleinen Boten, die mich an meine Zerbrechlichkeit und Endlichkeit erinnern: Schicksalsschläge und Krankheiten, die mich treffen; überraschende Todesfälle in meiner Umgebung; Enttäuschungen und Verluste. Ich lasse mir vom deutsch-amerikanischen Sozialpsychologen Erich Fromm ins Gewissen reden und zwei gegensätzliche Existenzweisen zeigen, die um die Seele des Menschen kämpfen: den Modus des Habens, der sich am materiellen Besitz orientiert; der von Gewinnsucht, Machtstreben und Aggression geprägt ist; und der häufig in Gier, Neid und Gewalt mündet. Und den Modus des Seins, der durch die Liebe und die Bereitschaft zum Teilen gekennzeichnet ist; der sich nicht an Dinge und Menschen klammert; und der sich in eigenständigem Denken, Fühlen und Gestalten ausdrückt.

Und ich entdecke, wie viele Möglichkeiten ich habe, das mir anvertraute Leben zu gestalten und im Sinn Jesu dankbar an der neuen Welt Gottes mitzubauen.

Vielleicht hat Ihnen Jesus mit seinem Gleichnis von den Winzern noch ganz andere Fenster geöffnet. Ich bin überzeugt: Je mehr wir uns von ihm an der Hand nehmen und die Wirklichkeit zeigen lassen, desto überzeugter können wir sagen: Wir sind noch lange nicht weg vom Fenster!