Die Gedanken von unserem geistlichen Begleiter Pfarrer Christoph Kreitmeir zum heutigen Sonntagsevangelium von Jesu letzter und inniger Fürbitte, die an seine Nachfolger gerichtet ist und die Einheit erbittet (Joh 17, 20-26), wurden auf katholisch.de in der Rubrik „Ausgelegt“ veröffentlicht.

Das innigste Gebet Jesu für seine Nachfolger verbindet Pfarrer Kreitmeir mit einer sehr persönlichen Erfahrung als Klinikseelsorger und bringt dabei zum Ausdruck, wie Gebet Brücken baut und Ausdruck von inniger Liebe zwischen dem Betenden und Gott ist.

Hier die Worte seiner Predigt:

Als Krankenhausseelsorger darf ich immer wieder Sterbenden in ihrem letzten Ringen beistehen.

Die Aussage „Jeder stirbt anders“ kann ich wirklich bestätigen.

Es gibt ein schweres Sterben, es gibt aber manchmal auch die Erfahrung eines glückvollen Loslassens oder, wie ich viel lieber sage, eines Freigebens.

So durfte ich vor kurzem das Sterben einer 92-jährigen Mutter, Oma und Uroma erleben, die von ihren Lieben umgeben war. Der Pfarrer, also ich, wurde bewusst zur „letzten Ölung“, zur Krankensalbung gerufen. Das Zimmer war gefüllt von Kindern, Enkeln und Urenkeln, der Raum war erfüllt von verschiedensten Gefühlen und Stimmungen: Traurigkeit, Dankbarkeit, Schrecken, Haltlosigkeit, Tränen, Vertrauen und vor allem Liebe.

Mir wurde erzählt, dass der Ehemann der Sterbenden und einer ihrer Söhne schon verstorben waren und so „baute“ ich eine Brücke zwischen den Lebenden und den in der Ewigkeit Seienden, zwischen Diesseits und Jenseits. Im Zentrum war die Frau im Sterbe-bett. Während des ruhig und liebevoll vollzogenen Ritus der Salbung öffnete sie kurz die Augen, um sie dann wieder nach innen zu wenden. Und, das erlebte ich hier zum ersten Mal, sie betete immer wiederkehrende Gebetsformeln, die an Maria und an Jesus Christus gerichtet waren.

Lange und immer wieder eingeübtes Gebet kann zum Anker und Halt in schwerster Situation werden. So ein Gebet ist auch Ausdruck von inniger Liebe zwischen dem Betenden und Gott.

Wir alle im Raum waren von diesem Zeugnis einer erfahrenen Christin sehr beeindruckt. Ihr Sterben war wie ein Vermächtnis für ihre Nachkommen. Keiner wird das Erlebte mehr vergessen.

Jesus betet in der heutigen Evangelienstelle zu seinem Vater. Er betet für seine „Nachkommen“, damit sie eins sind. Er hat im Laufe seines irdischen Lebens ihnen den Namen und die Wirklichkeit seines Vaters im Himmel und damit die himmlische Liebe bekannt gemacht.

Die Art und Weise, wie Jesus im Johannesevangelium betet, rührt einem das Herz.

Nach Antoine de Exupéry, dem berühmten französischen Schriftsteller, besteht Liebe nicht darin, dass man einander anschaut, sondern dass man gemeinsam in dieselbe Richtung blickt. Genau so hatte Jesus seine Liebesbeziehung zum Vater gelebt und vorgelebt: „Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin …“

Viktor Emil Frankl, Psychiater, Philosoph, KZ-Überlebender, ärztlicher Seelsorger und Prophet dafür, dass das Leben unter allen (!) Umständen einen Sinn hat, sieht im Gebet ein Gespräch mit dem intimsten Seelenpartner, Gott, und einen Blick ins Unendliche.

Die lebenslang eingeübte Beziehung zu Gott, das innere Gebet und die Liebe bauen Brücken über Abgründe ins Licht und schenken neues Leben.

Jesus zeigt uns das und auch die Uroma, Oma und Mutter gibt Zeugnis davon.

 

Mehr Gedanken und Impulse von Pfarrer Christoph Krietmeir gibt’s HIER