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In seiner Auslegung zur heutigen Sonntagslesung (Jona 3, 1-5.10) sowie zum heutigen Sonntagsevangelium (Mk 1, 14-20) geht unser geistlicher Begleiter Pfarrer Christoph Kreitmeir darauf ein, wie ein Erkennen von Gleichgültigkeit im eigenen Leben zum Aufbruch in ein neues Leben führen kann.

Hier die Worte seiner Predigt als Audio-Datei und anschließend im Text-Format:

 

 

Der deutsche Bundespräsident Frank Walter Steinmeier appelliert immer wieder und unermüdlich dafür, einer zunehmenden Gleichgültigkeit in unserer Gesellschaft und auch in uns selbst entgegenzutreten.

Es gibt z. B. ein großes „freundliches Desinteresse“ gegenüber unserer Bundeswehr, was der Wehrhaftigkeit eines Staates nicht dienlich ist. Es gibt eine wegsehende Gleichgültigkeit gegenüber zunehmenden antisemitischen Tendenzen, eine gefährliche Gleichgültigkeit angesichts erstarkender rechtsradikaler Kräfte und eine Abstumpfung gegenüber Fakenews, Halbwahrheiten, Vorurteilen und Verschwörungstheorien. Realitätsverlust und zunehmende Undifferenziertheit sind die Folgen. Menschen können daraus folgend leicht missbraucht, gegängelt und manipuliert werden.

Wenn man wie ich nach Synonymen für Gleichgültigkeit sucht, dann wird man sehr schnell fündig. Und, was man da findet, das erschreckt einen dann doch, zumindest mich.

Synonyme von Gleichgültigkeit sind: Kühle, Apathie, Phlegma, Sturheit, Lethargie, Trägheit, Abstumpfung, Indifferenz, Desinteresse, Achtlosigkeit, Unachtsamkeit, Abgestumpftheit, Gefühllosigkeit, Stumpfsinnigkeit, Unbedachtsamkeit, Gedankenlosigkeit, Unempfindlichkeit, Leidenschaftslosigkeit und Teilnahmslosigkeit.

In jedem einzelnen Menschen und in einer Gesellschaft als ganzer hinterlassen Gleichgültigkeit und all ihre gerade vernommenen Verwandten eine Schneise der seelischen und gemeinschaftlichen Verwüstung, innere emotionale Leere wächst, seelische schwarze Löcher dehnen sich aus und saugen Energie auf und all das hinterlässt Depression, Aggression, dissoziales und kriminelles Verhalten sowie Abhängigkeiten von Ersatzglücklichmachern verschiedenster Art.

Die Gleichgültigkeit raubt uns Lebensenergie und Menschlichkeit, die daraus folgende Unentschlossenheit und Apathie hindern uns am Handeln und Weitergehen und die Hoffnungslosigkeit, die allem Denken, Fühlen und Handeln sofort ein Ende setzt, wird zur Lebensbegleiterin.

Ähnliches hat wohl auch den Propheten Jona ausgezeichnet, von dem wir in der heutigen Lesung gehört haben. Bevor es zur heutigen Geschichte kommt, nämlich dass Jona sich mehr oder weniger motiviert auf Gottes Auftrag einlässt, geschah dieses: Gott macht den ersten Schritt und beruft Jona, einer Stadt namens Ninive voller Unzucht, Unglauben und Gott missfallendem Verhalten Drohung und Strafe anzukündigen. Jona will nicht. Er kehrt Gott den Rücken zu und flieht in die entgegengesetzte Richtung. Übers Meer auf einem Schiff macht er sich davon. Er will seine Ruhe haben, er drückt sich, würden wir sagen. Gott lässt das aber nicht zu – er stört Jonas Gleichgültigkeit und Desinteresse. Ein gewaltiger Sturm, eine angstvolle Mannschaft, die Jona als Urheber der Katastrophe entlarvt und ihn in die Tiefen des Ozeans hinabstürzt. Er ertrinkt aber nicht, sondern landet im Bauch eines Wales. Dort stimmt er einen Dankpsalm für seine Errettung an. Dann aber heißt es: „Da befahl der Herr dem Fisch, Jona ans Land zu speien.“ (2,11) Der Prophet ist schachmatt gesetzt, denn Gott hat ihn genau dorthin zurückgebracht, wo Jona schon einmal war. Er kommt nicht aus. Er wird von Gott nicht in Ruhe gelassen!

Gott hat uns Menschen als einzigen Lebewesen ein inneres Organ mitgegeben, das uns nicht in Ruhe lässt, das uns immer wieder wie ein innerer Kompass darauf hinweist, ob wir auf dem richtigen Weg sind oder nicht. Theologen nennen diese innere Stimme „Gewissen“!

Viktor Emil Frankl, ein weltberühmter Psychiater, bezeichnet sie als das „Sinnorgan“, das den Menschen Richtung Sinnhaftigkeit und Lebensförderlichkeit ziehen will.

Wie viele Menschen gehen nach Süden obwohl die innere Kompassnadel nach Norden zeigt.

Wer immer wieder und vor allem immer mehr gegen seine innere Bestimmung und die von Gott uns gegebenen Werte lebt, der verliert sich, der läuft sich wund, dem geht seine Kraft verloren.

Er wird leer, antriebslos, profillos und anfällig nicht nur für alle möglichen Krankheiten, sondern auch für krankmachende Einstellungen und Haltungen des Zeitgeistes. So jemand wird zum Mitläufer und dadurch immer schwächer, innerlich und äußerlich. Mit ihm können Volksverführer und Volksverhetzer machen, was sie wollen. Wir kennen solche geschichtlichen Zeiten sehr wohl und erleben zur Zeit selbst die Anfänge von solchen in unserem Land wie auch weltweit.

Gott ist Gott sei Dank erfinderisch, um uns aus unserer Gleichgültigkeit mit all ihren gefährlichen Synonymen aufzuwecken.

Und wer unbedingt und auf keinen Fall hören will auf Gottes Botschaften und Aufträge, wer sich widerspenstig auf eigene von Gottes Willen abgewandte Wege macht, der wird früher oder später spüren müssen, wie das Sprichwort so treffend sagt: „Wer nicht hören will, muss fühlen.“ Das gilt für Jona, das gilt für uns.

Jeder von uns hat seine eigenen sich antrainierten Ausweichmanöver und Fluchtwege, um der inneren Stimme auszuweichen und letztlich Gottes Auftrag nach Umkehr aus dem Weg zu gehen.

Der heutige Sonntag zeigt uns durch Lesung und Evangelium die beiden Extreme auf, wie Menschen auf Gottes Ruf reagieren: Auf der einen Seite Jona, der flieht, als Gott ihn ruft. Auf der anderen Seite die ersten Jünger Jesu, von denen es im Evangelium heißt: „Sogleich ließen sie ihre Netze liegen und folgten Jesus.“ Irgendwo dazwischen wird wohl unser Verhalten liegen, unsere Art und Weise, auf Gottes Ruf zu reagieren.

Dieser Ruf Gottes will Umkehr, Abkehr von der Gleichgültigkeit, Aufbruch zu Leben, Gemeinschaft und Barmherzigkeit.

Dieser Ruf Gottes will Liebe, begleitet durch Liebe und schenkt Liebe.

Der Frankfurter Pfarrer und Dichter Lothar Zenetti bringt dies in gute Worte:

AUFBRUCH

Aus: Lothar Zenetti, Sieben Farben hat das Licht. Worte der Zuversicht. Matthias Grünewald Verlag, Mainz 2006.

Es wird kommen der Tag,
da verlasse ich, zaghaft
zuerst, dann beherzt
meine einsame Insel.

Wage mich endlich hervor
aus dem bewährten Versteck
und der sicheren Deckung,
fast ohne Angst und ohne
noch einmal mich umzusehn.

Meine Rüstung tue ich
ab und alle die Waffen,
das Wenn und das Aber
und steige ins Boot.

Wehrlos werde ich sein
und verwundbar, ich weiß,
auf dem offenen Meer
und einzig beschützt
von der Liebe.

Amen!

 

Anbei ein Song voller Lebensfreude fern jeder Gleichgültigkeit: