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In seiner Predigt zum Sonntagsevangelium (Joh 13,31-35) beschreibt unser geistlicher Begleiter Pfarrer Christoph Kreitmeir mit Blick auf die Aufforderung Jesu „Liebt einander, wie ich euch geliebt habe“, dass Liebe nicht nur ein Wort ist.

Hier die Worte seiner Predigt:

Sagt Ihnen der Name Johannes Mario Simmel noch etwas?

J.M. Simmel wurde 1924 in Wien geboren und starb 2009 als einer der erfolgreichsten deutschsprachigen Romanautoren überhaupt. Ihm gelang es auf meisterhafte Weise, die verschlungenen Windungen von menschlichen Gefühlen, Sehnsüchten, Abgründen und Verhaltensweisen darzustellen. Viele seiner Romane wurden in den 1960igern und vor allem den 1970igern erfolgreich verfilmt.

„Liebe ist nur ein Wort“ ist einer dieser Romane. Darin wird die Geschichte einer großen Liebe erzählt, die Oliver Mansfeld, einundzwanzig Jahre alt, Sohn eines Schiebermillionärs, Schüler eines Internats im Taunus, erzählt. Warum? Um „aller Welt ohne Furcht und Scham die Wahrheit zu sagen“ – die Wahrheit über seinen Vater, den er hasst; die Wahrheit über seine, Olivers, Liebe zu der schönen Verena Lord, die ihren Mann, den großen Bankier, betrügt und für die Liebe „nur ein Wort“ ist; die Wahrheit über die Menschen, die Olivers Liebe zu Verena zunichte machen wollen: den heimtückischen, bösen Krüppel Hansi, die mannstolle Geraldine, den erpresserischen Diener Leo und den so nobel auftretenden Bankier Lord.

Upps, wir sind mitten drin in den menschlichen Auf und Abs, wollen aber herausbekommen, ob Liebe wirklich nur ein Wort ist.

Sehr oft stehe ich als Krankenhausseelsorger am Bett eines Sterbenden oder eines Verstorbenen. Sehr oft erlebe ich in diesen emotional überaus dichten Situationen die Gefühle der anwesenden Angehörigen, Verwandten oder Freunde mit.

In der Dichte von Sterben, Tod, Abschiednehmen und Trauer kommen tiefe Gefühle zum Vorschein, brechen gleichsam hervor, die sehr oft mit Liebe zu tun haben.

Liebe ist nur ein Wort.
Ist Liebe wirklich nur ein Wort???
Wirklich nicht!

Liebe ist die Kraft, die in ihrer Dichte durch nichts anderes einzuholen ist. Liebe, echte Liebe ist viel mehr als nur ein Wort, sie ist sogar stärker als der Tod, sie bleibt!

Nicht selten – wenn es wirklich dran ist – sage ich das dann auch zu den Trauernden. Die gemeinsamen 30, 40, 50 Jahre und mehr kann niemand nehmen, sie bleiben in den Scheunen eines gelebten Leben erhalten. Nicht einmal der Tod kann die Jahre und die Liebe vernichten!

Jesus verabschiedet sich im heutigen Evangelium von seinen Jüngern. Abschiede bereiten Kummer. Die Jünger müssen nun lernen, alleine zurechtzukommen, mit ihren Fragen und Zweifeln.

Aber Jesus zeigt ihnen auch den Weg, auf dem er zu finden ist: in der Liebe zueinander, zu den Menschen und in der Erinnerung an ihn.

An echter Liebe werden die Menschen erkennen, dass die Anhänger Jesu seine Jünger sind. Hm … Das Christentum wird als die Religion der Liebe bezeichnet, auch wenn viele Zeugnisse aus all den Jahrhunderten diesem Vermächtnis und diesem Auftrag leider Lügen strafen.

Christen sind auch nur Menschen. Das darf aber keine faule Entschuldigung dafür sein, sich nicht zu bemühen, dem Liebesauftrag Jesu gerecht zu werden.

Liebe ist nicht nur ein Wort, Liebe das sind Worte und Taten, die aus einer echten Gesinnung herauskommen müssen.

Am Sterbe- oder Totenbett kann man erleben, wie echt so manche Liebe zwischen Menschen war, ist und bleibt. Wahrhaft Liebende, die christlich-gläubig sind, trauern zwar wie alle anderen Menschen um den Geliebten, sie wissen ihn aber bei Gott und in Gott geborgen. Diese Geborgenheit ist genau das, was in der Lesung aus der Offenbarung des Johannes in der heutigen Lesung (Offb 21, 1-5) ausgedrückt wird: ein neuer Himmel und eine neue Erde … die Wohnung Gottes … Er wird in ihrer Mitte wohnen … Er wird bei ihnen sein … Er wird alle Tränen wegwischen … Der Tod wird nicht mehr sein … Er macht alles neu.

Christen sind zwar auch nur Menschen, sie haben aber die Kraft Jesu, die Kraft der Liebe in ihrer Seele.

Egal, wo sie sind, egal, was sie tun: Die innere Haltung der Hingabe in Liebe soll sie auszeichnen. In allem geht es um eine Liebe und eine Lebenshingabe, die über sich selbst hinaus denkt, fühlt und handelt und sich ohne Berechnung ganz einbringt.

Wir dürfen in Zeiten, wo uns tagtäglich die Verfehlungen der Kirche und deren Vertreter so schmerzlich vor Augen gehalten werden, uns dadurch nicht entmutigen lassen. Es gibt sie und es gibt sie mehr als es uns die Medien vormachen wollen:

Es gibt die Christen, die tagtäglich als Mütter und Väter, Erzieher, Lehrer, einfache Arbeiter oder hochstudierte Professoren, als Krankenschwestern oder Ärzte, als Busfahrer oder Polizisten … sich für die ihnen Anvertrauten mit Hingabe, Liebe und der Botschaft Jesu im Herzen ins Zeug legen.

Ich halte mich an diese Beispiele und will selbst so werden.

Dann ist Liebe viel mehr als nur ein Wort. Dann ist sie die unsterbliche Kraft Gottes, die in einer sonst so kühlen und berechnenden Welt alles neu machen kann und echte Geborgenheit schenkt. Amen.