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Pfarrer Kreitmeir: „Gottes Kraft zeigt sich auch und gerade in Zeiten von Ohnmacht“

In seiner Predigt zum 1. Weihnachtstag (Lesung: Jes 52, 7-10; Evangelium: Joh 1,1-5.9-14) beschreibt unser geistlicher Begleiter Pfarrer Christoph Kreitmeir, wie wir mit Blick auf das tiefe Gottvertrauen von Maria und Josef uns zu einem Leben voller Vertrauen, Halt und Mut anstecken lassen können.

Hier die Worte seiner Predigt als Audio-Datei und im Anschluss als Textformat:

 

 

„Weihnachten“ vor gut 2000 Jahren in Palästina: Ein junger Mann macht sich mit seiner Verlobten, die ein Kind erwartete, auf zur Volkszählung in seine Heimatstadt. Dort bringt Maria das Kind Jesus in einem Stall zur Welt, weil es keine Herberge für sie gab.

Wenn ich das immer wieder und immer wieder neu höre, dann bewegt mich das große Grundvertrauen, welches Maria und Josef haben.

Maria überlässt sich dem Willen Gottes und vertraut dabei auf ihren Anvertrauten. Und Josef, obwohl nicht der Vater von Jesus, vertraut dem höheren Willen Gottes. Ihr tiefes Gottvertrauen, welches die beiden auszeichnete, wurde ihnen unabhängig voneinander durch Engelsbotschaften genährt und gestärkt.

Vertrauen – Selbstvertrauen – Gottvertrauen, das sind schon seit längerem Begriffe, die in mir eine innere Wärme und gleichzeitig eine Ursehnsucht entstehen lassen.

Vertrauen ist etwas Basales, etwas Grundlegendes, etwas, welches uns zum Leben überhaupt erst befähigt. Wenn dem nicht so wäre, dann würde uns jede auch nur so kleine Bedrohung in einen inneren Abgrund reißen. „Es ist völlig egal, wer oder was vor dir steht, wenn du weißt, wer hinter dir steht.“ Diesen Satz bekam ich vor kurzem als WhatsAppBotschaft geschickt. Darunter war ein kleines Löwenjunges mit offenem Blick nach vorne ausgerichtet, hinter ihm stand seine kräftige Löwenmutter.

Dem Leben trauen, weil einer, eine, etwas hinter dir steht. Dies gibt Rückhalt, Stütze, Hilfe.

Der Jesuit Alfred Delp prägte während der Nazizeit einen ähnlichen Ausspruch, der mich schon seit Jahren innerlich in Schwingung bringt und mir Halt im Unsicheren gibt: „Lasst uns dem Leben trauen, weil wir es nicht allein zu leben haben, sondern Gott es mit uns lebt.“ Diesen Satz schrieb Pater Delp nieder, als er äußerlich total verlassen war, im Gefängnis, an den Händen gefesselt, mit 37 Jahren den Tod vor Augen. Woher hatte er diese Kraft, dieses Vertrauen? Er wuchs im und mit Gottvertrauen auf, handelte und arbeitete getragen und motiviert von diesem Glauben an die Zuwendung Gottes, die ihre tiefe Kraft auch und gerade in Zeiten von Ohnmacht zeigt.

Der Neurowissenschaftler und Psychologe Niels Birbaumer erwähnt in seinem Buch »Vertrauen. Ein riskantes Gefühl« das Risiko des Vertrauens: Schwingt sich z. B. ein Artist über eine Manege, gehalten allein von der Hand eines Partners, so tut er dies nur, weil er davon ausgeht, dass der andere sein Möglichstes geben wird. Doch wissen kann er es nicht. Er kann nur vertrauen und wählt gewissermaßen den Mittelweg zwischen Wissen und Nichtwissen, zwischen Sicherheit und Unsicherheit. Kurz: Er riskiert etwas. Vertrauen ist also ein riskantes Gefühl. Der Gegenspieler des Vertrauens ist die Angst.

Je stärker das Vertrauen ist, desto weniger hat die Angst Macht im Leben.

Vertrauen ist wie eine Brücke über den Strom der Unsicherheiten.

Die beiden Brückenpfeiler heißen Halt und Mut.

Tiefer Halt gründet in geistigen Haltungen mit Inhalten, die Vertrauen vermitteln. Solche geistigen Haltungen sind Hoffnung, Treue, Wahrhaftigkeit und Glauben. Je tiefer solche Haltungen sind, desto fester sind sie und desto mehr können sie das Erleben von Konstanz im Leben vermitteln (siehe auch: Friedericke Westerhaus, Neues wagen – Vertrauen in Zeiten des Umbruchs, in: Leidfaden. Fachmagazin für Krisen, Leid, Trauer, 9. Jg., 2/2020, S. 10-13).

Der Mut aber ist das Therapeutikum, das Heilmittel gegen Lebensangst. Mutige Menschen haben auch Angst – sie entscheiden sich aber dafür, ihr nicht das Feld zu überlassen. Furcht und Angst sind sogar die Voraussetzung für mutiges Handeln.

Wir bewegen uns in unserem Leben in drei Zonen: der Komfortzone, der Risikozone und der Panikzone.

In der Panikzone ist alles mit Furcht und Angst verbunden – sie sind die bestimmenden Gefühle, die lähmen und sogar krankmachen können. In der Komfortzone wird primär Sicherheit gesucht, nichts wird gewagt, man wird letztlich nicht nur bequem und faul, sondern auch anfällig für Krisen und Krankheiten. Ein Sicherheitsbedürftiger ist nicht mutig. Er neigt vielmehr zur Ängstlichkeit.

Der Mut aber führt in die Risikozone.

Nur wer wagt, der kann gewinnen. No risk, no fun. Sonst wird es langweilig und überdrüssig. Der Mutige wird durch seine Bewegung raus aus der Komfortzone beweglicher, psychosomatisch gesünder, belastbarer und resilienter. „Mut kommt in dem Maße auf, indem sich ein Mensch darüber Klarheit verschafft, wofür er mutig sein möchte. Je klarer, einem ist, wofür man mutig sein möchte, desto leichter entwickelt sich der Mut. Als Faustregel gilt: Je freier ein Mensch wird, desto mutiger wird er … Ein Mensch wächst in dem Maße über sich hinaus, in dem er in sich hineinwächst …   Der Lieblingsbruder des Mutes ist das Stehvermögen. Denn Stehvermögen ist die Fähigkeit, Schwierigkeiten nicht zu übersehen, sich selbst aber stark genug zu fühlen, um ihnen nicht aus dem Weg gehen zu müssen.“ (Hans Klumbies, Die ständige Suche nach Sicherheit führt zur Verspannung, Buchrezension zu Uwe Böschemeyer, Warum nicht. Über die Möglichkeit des Unmöglichen, Salzburg 2014)

Warum macht es also Sinn, im Leben immer mehr, Vertrauen einzuüben?

·    Durch Vertrauen können wachsen, über uns hinaus und nach innen

·    Vertrauen gibt uns unsere Lebenskraft zurück

·    Vertrauen heilt krankmachende Muster

·    Vertrauen bringt Gesundheit, Lebensfreude und Glück

 

Es ist Weihnachten, Weihnachten im Coronajahr 2020.

Nach diesen interessanten philosophischen und psychologischen Gedanken über Vertrauen, Halt und Mut wollen wir erneut auf das tiefe Gottvertrauen von Maria und Josef schauen, von dem wir uns anstecken lassen können.

Das Vertrauen in Gott stärkt auch unser Selbstvertrauen, unser Vertrauen in andere und ins Leben grundsätzlich.

Je tiefer, authentischer und nachhaltiger wir an den tragenden Grund Gottes und die helfend-schützende Hand Gottes glauben und darauf vertrauen, desto mutiger, risikofreudiger, resilienter und ganzheitlich belastbarer werden wir. Wir werden dadurch nicht nur unseren Horizont permanent weiten, sondern auch tiefer in die Geheimnisse des Lebens, unserer Seele und der Welt Gottes eindringen. Lasst uns deshalb dem Leben trauen, weil Gott es mit uns lebt. An Weihnachten hat er damit begonnen.

Amen.

 

Hier ein schöner Song voller Gottvertrauen von Clemens Bittlinger: