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In seiner Auslegung zur heutigen Sonntagslesung (Lev 13, 1-2, 43-46) und zum heutigen Sonntagsevangelium (Mk 1, 40-45) verweist unser geistlicher Begleiter Pfarrer Christoph Kreitmeir auf die Bedeutung menschlicher Zuneigung in Zeiten von Pandemien der unterschiedlichsten Art.

 

Anbei die Worte seiner Predigt als Audio-Datei und anschließend im Textformat:

 

 

Haben Sie noch die Lesung im Ohr?

Der Herr, also Gott, gibt den Führern des auserwählten Volkes der Juden – Moses und Aaron – klare Anweisungen, wie sie mit Menschen umgehen sollen, bei denen sich Anzeichen von Aussatz zeigen.

Dem Priester, dem sich der vermeintlich Aussätzige dann zeigen soll, kommen dann fast medizinische Fähigkeiten zu. Am Ende seiner „Diagnose“ soll dieser, wenn eindeutige Anzeichen von Aussatz vorliegen, den Kranken für aussätzig erklären und ihn aus der Sozialgemeinschaft entfernen, um diese vor Erkrankung zu schützen. Der Aussätzige seinerseits soll sich fernab von anderen aufhalten und durch bestimmte Verhaltensweisen andere vor sich selbst warnen.

Für unsere heutigen Ohren ist das fast unerträglich zu hören, auch, wenn diese Vorgehensweise auf die eine oder andere Weise bis weit in die moderne Zeit hineinwirkte. Aussätzige, Lepröse, Pestkranke und andere schwer Erkrankte wurden nicht selten vor den Stadtmauern mehr oder weniger versorgt, meist aber ausgeschlossen. Das Rosental am Rande von Eichstätt zum Beispiel, wo heute Salesianerpatres leben und arbeiten, heißt nicht deshalb so, weil es dort Rosen gab, ganz im Gegenteil, der Name kommt von Leprosen, von Leprakranken.

Seit gut einem Jahr wütet ein neuer Aussatz in unserer Welt.

Ein bisher unbekannter Virus zwingt unzählige Menschen, vor allem Alte, Vorerkrankte, Patienten, Altenheim- und Rehabewohner dazu, sich in Quarantäne begeben zu müssen, was mittlerweile ganz vielen Menschen seelisch und psychisch hart angeht. Die soziale Isolation, das Sich-aussätzig-fühlen, das sich Fernhalten-müssen von Verwandten, Freunden und Angehörigen zerrt nicht nur an den Nerven, sondern auch an der Lebensfreude und Lebensenergie. Depressionen, Ängste und menschliche Verkümmerungserscheinungen nehmen erschreckend zu. Soziale Medien, wie Telefon, Smartphone, Internet, Social Medias wie Skype und viele andere helfen nur bedingt.

Der Mensch ist ein soziales Wesen, er benötigt direkten Zuspruch und Hautkontakt.

Wenn ihm dies länger verwehrt wird, tut ihm das nicht gut, um es gelinde auszudrücken.

In der Lesung hieß es, dass der Aussätzige z. B. schon aus der Distanz rufen musste: Unrein! Unrein!

Und genau deshalb fällt mir auf, dass der Aussätzige im Evangelium sich nicht nur an diese Weisung hält, sondern Jesus sogar direkt anspricht: „Wenn du willst, kannst du mich rein machen.“ Und Jesus hatte Mitleid mit ihm, sagte „Ich will, werde rein!“ und sofort wurde dieser gesund.

Wir haben dann gehört, wie es weiterging. Jesus schärfte ihm ein, sich dem Priester zu zeigen und seine Heilung sonst nicht weiter zu erzählen. Letzteres tat er überhaupt nicht und wer kann es ihm übel nehmen, wenn er vor lauter Freude überall weitererzählte, was mit ihm geschehen war.

Die Wirkung – und das wollte Jesus ja verhindern – war, dass Scharen von Menschen auch so eine wundervolle Behandlung von Jesus bekommen wollten und er sich deshalb nirgends mehr blicken lassen konnte. „Er hielt sich nur noch an einsamen Orten auf“, so heißt es im Evangelium. Weil er einen Aussätzigen, der sich zwangsweise an einsamen Orten fernab der Menschen aufhalten musste, geheilt hatte, musste Jesus die Menschen fliehen und gleichsam selbst ein Aussätziger werden.

Gleiches mit Gleichem heilen, den Armen ein Armer werden, den Kranken ein Kranker, den Aussätzigen ein Aussätziger.

Dieser Weg Jesus wurde nicht selten durch die Jahrhunderte durch besondere Menschen und den Bewegungen, die aus deren Beispiel entstanden, nachgeahmt und brachten viel Heil und Segen. Allen voran möchte ich den hl. Franz von Assisi nennen, der einen Aussätzigen, dessen Wunden Ausfluss hatten und stanken, umarmte, ihn sogar küsste.

Die ersten Sätze im Testament des Heiligen aus Assisi lauten:

So hat der Herr mir, dem Bruder Franziskus, gegeben, das Leben der Buße zu beginnen: Denn als ich in Sünden war, kam es mir sehr bitter vor, Aussätzige zu sehen. Und der Herr selbst hat mich unter sie geführt, und ich habe ihnen Barmherzigkeit erwiesen. Und da ich fortging von ihnen, wurde mir das, was mir bitter vorkam, in Süßigkeit der Seele und des Leibes verwandelt. Und danach hielt ich eine Weile inne und verließ die Welt.“

Aus einer äußeren Tat der Überwindung erwuchs dann seine tiefe Hinwendung zu allem, was abgelehnt, ausgestoßen oder als nicht erwünscht verdrängt worden war.

Franziskaner, Kapuziner, Klarissen und unzählige Franziskanerinnen standen viele Jahrhunderte hindurch vor allem den vielfältig Ausgestoßenen zur Seite und versuchen es bis heute.

Als Klinikseelsorger kann ich Gott sei Dank immer wieder zu den vielfältig Erkrankten und seit einem Jahr auch sehr oft durch die Coronaerkrankung Ausgesonderten hingehen.

Wenn ich aber an den Alten- und Rehaeinrichtungen hier in meinem Stadtviertel vorbeikomme, die wie Hochsicherheitstrakts abgeschottet sind, dann weint mein Herz.

Denn ich weiß, wie sehnsüchtig sich die dort Lebenden nach Kontakten sehnen, die das Fachpersonal neben all seiner Arbeit dort nicht geben kann. Ich kann deshalb nur dafür beten, dass all die Betreuer und Betreuerinnen persönlich nicht ausbrennen, dass sie den ihnen Anempfohlenen auch menschliche Zuneigung schenken können.

Und ich kann und will dafür beten, dass unsere Wissenschaftler und Politiker weiter zügig gute Impfstoffe entwickeln und richtige Entscheidungen treffen, damit diese schlimme und außergewöhnliche Zeit der Pandemie endlich ein Ende finden kann.

Ich kann unserem Bundespräsidenten Frank Walter Steinmeier nur danken, der am 18. April den über 62.000 Coronatoten in unserem Land gedenken und den Hinterbliebenen eine Stimme geben möchte. Nicht selten konnten Verwandte, Kinder und Enkelkindern ihre sterbenden Eltern, Großeltern oder Partnern in den schweren Wochen aus Sicherheitsgründen nicht beistehen und, wenn überhaupt, erst in den letzten Stunden nahe sein. Unzählige Ärzte, Krankenschwestern und –pfleger, AltenpflegerInnen und auch wir Seelsorger können ein trauriges Lied von solchen Erfahrungen singen. Gott gebe es, dass dies bald ein gutes Ende nehme.

Amen.