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In seiner Predigt zum heutigen Sonntagsevangelium (Mt 13,24-30) legt unser geistlicher Begleiter Pfarrer Christoph Kreitmeir „das Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen“ aus und verweist dabei auf den Feind um uns und in uns.

Hier die Worte seiner Predigt als Audio-Datei und anschließend im Text-Format:

 

 

„Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbar nicht gefällt.“

Dieses wohlbekannte Zitat von Friedrich Schiller in seinem Wilhelm Tell, fällt mir ein, wenn ich von diesem Feind im heutigen Evangelium höre, der des Nachts, während die Menschen schliefen, Unkraut unter den Weizen eines redlichen Mannes säte und wegging.

Allein die knappen Formulierungen und die klugen Beobachtungen zeigen, wie diabolisch, wie teuflisch das Ganze ist: Jemand tut Gutes, sät Gutes mit dem Ziel von gutem Ertrag für sich und andere. Ein „Feind“ kommt des Nachts, im Dunkeln und heimlich – man beachte: während die Menschen schliefen – und sät Böses, Giftiges aus, um dem anderen zu schaden. Und er geht weg, beobachtet, so können wir annehmen, aber aus sicherer Distanz das Aufgehen seiner schädlichen Aussaat und freut sich hämisch darüber.

Fast jeder Mensch kennt solche „bösen Nachbarn“, solche „Feinde“ und wer schon erlebte, wie das Giftkraut, das sie aussäen, wirkt, dem kommen keine guten Gedanken und Gefühle in den Sinn.

Wenn man weiß, wer es war, der so etwas tat, dann kann man mehr oder weniger erfolgreich gegen ihn vorgehen. Es kostet aber auf jeden Fall Nerven, Kraft, Geld und die Hoffnung in das Gute der Mitmenschen.

Wenn man aber gar nicht weiß, wer anonym Böses gegen einen hegt, dann wird das Ganze noch schlimmer. Du hast niemanden gegen den du vorgehen kannst, den du in Schranken verweisen kannst. Er ist des Nachts weggegangen und lässt seine böse Saat einfach für sich arbeiten.

Bei dem Unkraut, von dem im heutigen Evangelium die Rede ist, handelt es sich um ein Süßgras, nämlich dem Taumellolch (Lolium temulentum). Dieser sieht anfangs dem Weizen sehr ähnlich, ist aber jedoch giftig. Das Vergiften ist also ganz bewusst gewollt!

Wichtig ist auch, zu wissen, dass dieses Gleichnis nicht mit landwirtschaftlichen Ohren zu hören ist, denn ohne die Bekämpfung von Unkräutern aller Art wäre schon lange die Ernährung der Weltbevölkerung, die nun bei 7,8 Milliarden liegt, nicht mehr gewährleistet.

Jesu Weisheit zielt nicht in diese Richtung, ihm geht es vielmehr um eine existenzielle, religiöse Erfahrung: In persönlichen Lebensläufen wie auch im Zusammenleben von Menschen sind Gutes und Böses ineinander verstrickt.

Wir können das, was uns nicht passt, nicht vorschnell „ausreißen“, sondern wir müssen auf dem Weg unseres Lebens uns innen und außen mit Tatsachen mehr oder weniger arrangieren, Geduld und langen Atem einüben und eine gläubige Zuversicht entwickeln, dass das Gute letztlich doch siegen wird. Ich weiß, dass das nicht leicht ist, das hat auch niemand gesagt, aber diese innere Haltung ist notwendig, wenn wir am Leben nicht zerbrechen, sondern wachsen wollen.

Das spannungsvolle Ineinander von Gut und Böse, von Licht und Schatten, von Recht und Unrecht in uns selbst und in unserem Zusammenleben gehört zu unseren großen Lebensaufgaben.

Wer vorschnell Ausreißen, Ausmerzen oder intensive Gegenmaßnahmen als Lösungen ansieht, der wird sich dabei nicht nur auslaugen und Kraft, Energie und Nerven verlieren, er wird bei so einer Lösung scheitern müssen, denn das Eigentliche können wir nicht erzwingen!

In dem Gedicht „Unkraut“ von Erika Pössinger heißt es so klug:

„ … Doch hat das (Böse) heimlich über Nacht,

und völlig ohne Schrecken,

Samen produziert mit aller Macht

und verteilt in alle Ecken.

Ja, wenn ich glaub, ich hab’s besiegt

so ist das nur ein Wunschtraum,

denn der neue Samen liegt

schon wieder unter einem Baum.

Ach, oh Schreck was mach ich bloß,

alles geht von vorne los.“

 

Alleine ist es nicht zu schaffen, im Umgang mit der Realität des „Feindes“, der heimlich still, leise, im Dunkeln, selbst oder durch Mittäter unterstützt immer und überall sein Unwesen treibt, anzugehen oder ihn zu besiegen.

Das Judentum, Jesus Christus und die auf ihn aufbauende christliche Kirche, gingen immer davon aus, dass die letzte Gerechtigkeit, der Sieg über das Böse/den Bösen immer bei Gott und in seinem Endgericht, am „jüngsten Tag“ liegt.

Die Lösung – und das Leben und die Botschaft so vieler Heiliger belegen dies – liegt nicht im Bekämpfen, sondern im geduldigen und auf Gottes ausgleichende Gerechtigkeit hoffenden Aushalten. So kann man ungeahnte Seelenkräfte in sich entdecken und entwickeln.

Dem Feind vergeben, ihn sogar zu lieben sind übermenschliche Kräfte, die nur von Gott kommen können. Als Beispiele möchte ich hier nur P. Maximilian Kolbe, der bis zuletzt im KZ-Hungerbunker sang, oder PP. Johannes Paul II. nennen, der seinem Fastmörder vergeben hatte. Und Jesus selbst gibt uns hierfür das Urbeispiel: Nicht ausreißen … Judas … Petrus. Und die Kirche selbst besteht seit jeher aus weißen und schwarzen Schafen, aus Sündern und Heiligen.

Eine innere und äußere Haltung der gläubigen Gelassenheit im Vertrauen auf Gottes Tun IRGENDWANN hat nichts mit Kleinbeigeben, Sklavenmentalität, Feigheit oder Schwäche zu tun. Ganz im Gegenteil!

Gewaltfreier Widerstand, wie ihn Mahatma Gandhi, Martin Luther King oder Nelson Mandela kraftvoll vorlebten, kann Unrechtssysteme ins Wanken, ja sogar zum Einstürzen bringen. Vergessen wir bitte auch nicht das „Wunder“ des Zusammenbruchs des kommunistischen Systems und die gewaltfreie Wiedervereinigung Deutschlands nach Jahrzehnten der Knechtschaft, Unfreiheit und Unterdrückung.

Im heutigen Evangelium – ich möchte noch einmal ganz bewusst darauf hinweisen – gibt es eine kleine Formulierung, die es aber in sich hat: „Während nun die Menschen schliefen …“ Während sie schliefen, konnte der Feind sein Böses ausstreuen. Wenn sie wach, wachsam geblieben wären, dann wäre das nicht passiert.

Jesus betont in seiner Verkündigung immer wieder die Wachsamkeit, die notwendig ist, damit das Böse nicht überhand nimmt.

Innere und äußere Achtsamkeit, Wachsamkeit und Wehrhaftigkeit sind bei der Verteidigung eines Landes im Großen wie auch beim Schutz der eigenen Seele im Kleinen von Nöten. Nur so können wir dem Bösen, das immer und überall, listig und sehr mächtig wie ein unbekannter Virus Schlupflöcher sucht und findet, um Unheil zu stiften, Einhalt gebieten.

Wachsamkeit, Achtsamkeit und Wehrhaftigkeit schützen das Immunsystem unserer Seele, unserer Gesundheit und unseres Zusammenlebens.

Seid wachsam! Passt auf, was euch durch wen in euer Herz gesät wird und was ihr in euer Herz säen lasst!, denn „Unkraut trägt das Feld, wenn man´s nicht recht bestellt (Alte Bauernweisheit). Amen.