In seiner Auslegung zum heutigen Sonntagsevangelium (Mk 3,20-35) geht unser geistlicher Begleiter Pfarrer Christoph Kreitmeir auf die Frage ein, wer oder was die wichtigste Beziehung in meinem Leben ist.

Anbei die Worte seiner Predigt als Audio-Datei und anschließend im Text-Format:

 

 

Wer steht mir am nächsten?

Wer ist für mich der wichtigste Mensch in meinem Leben?

Und wem könnte ich der wichtigste Mensch in seinem, in ihrem Leben sein?

Ob da schnelle Antworten kommen?

Ob es dann Menschen sind, denen ich blutsverwandt, geistes- oder seelenverwandt bin?

Wie kommt es zu meinen Fragen heute? Das Evangelium hat mich darauf gebracht.

Wer ist Jesus am nächsten, seine Mutter, seine Brüder oder seine Jünger oder die, die ihm zuhören? Die, von denen man es am ehesten erwarten würde, weil sie aus den gleichen Quellen des Glaubens und der Spiritualität trinken, sie lehnen Jesus in Bausch und Bogen ab. Bei den Theologen, Schriftgelehrten, Priestern und Vertretern der Religionsbehörde in Jerusalem erntet sein Ruf zu Umkehr und Gottvertrauen massiven Widerstand, Ablehnung, ja sogar Verteufelung. Sie bezeichnen Jesus als vom Teufel besessen.

Bei seinen Blutsverwandten sticht vor allem seine Mutter heraus, weil sie nicht nur seine leibliche Mutter ist, sondern auch vom selben Geist beseelt ist, der sie Jesu Weg von Anfang an bis zum Ende und dann auch darüber hinaus in seiner sich auf ihn berufenden Kirche begleiten lässt. Von seinen Brüdern hört man im Laufe seiner Lebens- und Wirkungsgeschichte fast nichts mehr.

Wer den Willen Gottes tut, der ist für Jesus Bruder, Schwester und Mutter.

Das ist eine klare und eindeutige Aussage von Jesus selbst. Das waren nicht nur einige seiner Jünger und Jüngerinnen, das waren und sind bis heute:

  • Die Menschen, welche von Jesu Geist beseelt in seinen Spuren gehen,
  • die versuchen, Gottes Reich in diese Welt hinein zu bringen,
  • die in der Welt, aber nicht von der Welt sind,
  • die bezeugen, trotz allem Gegenteil bezeugen: Gott ist da, er ist der Dreh- und Angelpunkt der Welt, er muss und will bezeugt werden, damit Gott- und Sinnlosigkeit verbunden mit Leere und Lieblosigkeit nicht überhand nehmen.

Aufgrund des bisher Gesagten möchte ich erneut die Anfangsfragen stellen:

Wer steht mir am nächsten?

Wer ist für mich der wichtigste Mensch in meinem Leben?

Und wem könnte ich der wichtigste Mensch in seinem, in ihrem Leben sein?

Schon im rein menschlichen Bereich gibt es ja gleichsam eine Hierarchie in der Wichtigkeit der Beziehungen.

Ein Psychologieprofessor hat diese Fragen nach der Hierarchie und der Wichtigkeit unserer Beziehungen einmal ziemlich drastisch in einem Experiment veranschaulicht.

Gegen Ende seiner Vorlesung wandte er sich plötzlich persönlich an seine Studenten mit den Worten: „Lassen Sie uns ein Experiment machen. Dafür bräuchte ich aber ihre Hilfe. Wer ist bereit?“ Es meldete sich eine Studentin, die mit Ende Dreißig noch einmal umsattelte und Psychologie studierte. Der Professor bat sie, 20 Namen von Menschen, die ihr nahestehen und die sie nicht missen möchte, auf die Tafel zu schreiben. Sie tat es und schrieb die Namen auf die Tafel, angefangen von den Nachbarn und Studienfreunden und Bekannten bis hin zu den engsten Verwandten.

Darauf sagte der Professor: „Nun streichen Sie bitte jene Person aus, die ihnen vergleichsweise weniger wichtiger erscheint.“ Sie strich also den Namen einer Person aus, die für sie von geringerer Bedeutung war. Der Professor bat sie fortzufahren. Sie tat es, bedachtsam und mit Herzklopfen, bis sie zum engeren Familienkreis kam. Da begann sie zu zögern. Sie musste sich fragen, wer ihr davon am wichtigsten ist, wer ihr sehr nahestand und auf wen sie nicht verzichten konnte.

Am Ende standen nur noch die Namen der Eltern, der ihres Sohnes und der Name ihres Mannes an der Tafel. Der Professor bat sie, weiterzumachen. Alle Anwesenden spürten, dass dies ans Eingemachte ging und wirklich ernst zu werden begann.

Als nächste Person strich sie den Namen ihres Sohnes von der Tafel, wobei ihre Hand merklich zitterte, dann den ihrer Eltern. Am Ende stand nur noch der Name ihres Mannes an der Tafel. Da standen ihr bereits die Tränen in den Augen.

Als sie sich beruhigt hatte, fragte sie der Professor: „Wie kommt es, dass nicht die Eltern und der Sohn ihnen am nächsten stehen, wo es doch nicht schwer sei, erneut zu heiraten.“ Sie antwortete langsam und sichtlich bewegt: „Meine Großeltern und meine Eltern werden im Laufe des Lebens als erste vor mir aus dem Leben scheiden, mein Kind wird erwachsen sein und seine eigenen Wege gehen. Wer mich wirklich ein Leben lang begleitet und mit mir Schmerz und Freude teilt, ist mein Mann.“

Als ich diese Antwort zum ersten Mal hörte, hat sie mich wirklich bewegt.

Und auch jetzt noch komme ich selbst ins Stocken, wer bei mir bei so einer Ausstreichliste als wichtigste Person übrigbleiben würde. Ich würde mich fast weigern wollen, die Zahl auf nur eine Person reduziert zu sehen.

Wer begleitet mich in guten und schlechten Zeiten, in Gesundheit und Krankheit und wem bin ich so ein Begleiter?

Eines ist für mich nach all diesen Überlegungen über ferne, nahe und ganz nahe Beziehungen aber auch deutlich geworden.

Für mich ist die Beziehung zu Gott auch eine überaus nahe, ohne die ich nicht mehr leben möchte. Für mich ist sie zu einer Frage des Überlebens geworden.

Amen.

 

Hinweis: Pfarrer Kreitmeir ist heute mit einem Impuls zum Sonntagsevangelium auf katholisch.de