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In seiner Auslegung zum heutigen Sonntagsevangelium (LK 13,22-20) rund um die Worte Jesu „Die letzten werden die ersten sein“ findet unser geistlicher Begleiter Pfarrer Christoph Kreitmeir, dessen neues Buch „Der Seele ein Heimat geben“ vergangene Woche in den Druck gegangen ist und im Oktober im Gütersloher Verlagshaus veröffentlicht wird, wieder mal prägnante Worte, die wachrütteln. Ganz so wie es die Gottesdienstbesucher an seiner früheren Wirkungsstätte im oberfränkischen Vierzehnheiligen gewohnt waren und nicht selten nach den Gottesdiensten mit Blick auf seine Predigten folgenden Tenor von sich gaben: „Also, der Kreitmeir hat heute wieder neiglangt!“

Hier die Worte seiner heutigen Predigt:

In London, in Paris, in Rom, in Berlin, in München, ja auch in Ingolstadt, man sieht sie immer wieder und immer mehr an öffentlichen Plätzen, in U-Bahnen und Zügen, in Cafes, in Parks, eigentlich überall: Menschen, die mit oder ohne Kopfhörer in ein Smartphone, ein Tablet oder in ein Notebook vor sich hineinstarren, die chatten, Musikhören, online sind oder Computerspiele machen. Mir fällt dabei aber immer mehr auf, dass sie immer weniger auf ihre Umgebung oder den Mitmenschen achten und dass sie mit dem Ach-so-Wichtigen in diesem „Kasterl“ die Welt um sich herum nicht mehr wahrnehmen. In Geschäften wehren sich immer mehr die Angestellten dagegen, dass während dem Abkassieren an der Kasse z.B. die sog. Kunden telefonieren oder sonst was mit ihrem technischen Gerät machen und zu zwischenmenschlichem Kontakt nicht mehr fähig zu sein scheinen.

Und, all diese sog. modernen Menschen verbringen und verplempern sehr viel Zeit in dieser Cyberwelt, werden immer stärker in sich gekrümmt und sind eigentlich in einer Anderwelt und nicht in der realen Welt.

Nicht selten gehen sie darin auf und verlieren sich darin. In den Psychiatrien nimmt eine Gruppe von Patienten stetig zu, die computersüchtig geworden ist und aus dieser Cyberwelt nicht mehr herausfindet.

Wer aber etwas in seinem Leben und im Leben überhaupt verändern will, wer etwas gestalten möchte und nicht nur ein Zuschauer sein will, der muss aus dieser Scheinwelt heraus, der muss sich engagieren, weil sonst die Welt, die ihn umgibt mit all den sich zuspitzenden Entwicklungen der Klimaproblematik, der Außen- und Innenweltverschmutzung, der zunehmenden nationalen Egoismen und dem internationalen Säbelrasseln ins Unglück rennt.

Jesus spricht heute im Evangelium sehr deutlich davon, dass wir uns mit allen Kräften darum bemühen müssen, durch die enge Tür zu gehen und so zur Rettung zu kommen, zur Rettung von uns selbst und zur Rettung der uns umgebenden Welt.

Das ist unbequem und fordert echten Einsatz. Der moderne Mensch von heute übernimmt immer mehr die Zuschauerrolle und ändert durch sein offensichtliches Nichts-Tun nicht nur Nichts, er verschlimmert die Situation nur noch mehr, weil dadurch andere, die nichts Gutes im Schilde führen, die Oberhand gewinnen. Der moderne Mensch von heute ist in einem Käfig gefangen wie der Panther in dem berühmten Gedicht von Rainer Maria Rilke, der ihn im Pariser Jardin des Plantes in seinem Käfig hin- und herschleichen sah, zwar voller Kraft, die aber, weil eingesperrt, nicht richtig fließen konnte.

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille –
und hört im Herzen auf zu sein.
(Rainer Maria Rilke, 6.11.1902, Paris, hier: http://rainer-maria-rilke.de/080027panther.html )

Wer in selbst- oder fremdgebauten Käfigen gefangen seine Lebenskraft so nach und nach verliert, neurotisch, in sich gekrümmt und selbstbefangen dahinlebt, der wird den Weg zur Rettung nicht finden.

Es braucht jemanden, der die Gitterstäbe sprengt und den Panther befreit. Dieser Jemand will Jesus sein!

So ein Panther mit seiner Lebenskraft wohnt auch in jedem von uns und will befreit werden.

Aber es gibt so viel Gründe, sich nicht zu engagieren, sich nicht die Hände schmutzig zu machen, sich einzuigeln und nach der Devise zu leben: „My home is my castle“ – das, was um mich herum passiert, interessiert mich nicht. Der innere Schweinehund scheut die Auseinandersetzung, er will es bequem und einfach. Seine Lieblingssätze lauten: „Die lange Bank ist der Schweinehunde liebste Werkzeugbank.“, „Wer nicht zuständig ist, der braucht nicht zu handeln“, „Bitte nichts ändern! Es könnte anders werden…“, „Wer nichts riskiert – sich nicht blamiert“, „Wer morgen träge sein will, übe sich heute schon in Bequemlichkeit.“, „Kein Termin – keine Tat.“

So ein Leben im ewigen Aufschieben wird mit der Zeit kränklich, schwach, muffig und unglücklich.

Es gibt so viele Gründe, warum man sich einsetzen, sich die Hände schmutzig machen, Vertrautes verlassen und sich durch die enge Tür zwängen sollte.

Es gibt so viele Gründe, dem inneren Schweinehund der Bequemlichkeit entgegenzutreten.

Diese Gründe führen nämlich in die Freiheit, in die eigene und in die Befreiung unserer uns umgebenden Welt.

Diese Gründe zeigen uns, dass der Zustand unserer Welt kein unabwendbares Schicksal ist, das uns ereilt, sondern dass wir selbst daran mitwirken können, ob Heil oder Unheil über uns kommen wird.

In der Zuschauerrolle werden wir nie erfahren, was es heißt, die befreiende Botschaft unseres Herrn Jesus Christus zu spüren.

Jesus hat nie davon gesprochen, es sich auf der Couch gemütlich zu machen, er sprach vom Umkehren, Aufbrechen, Nachfolgen, das Kreuz auf sich nehmen und vom durch die enge Tür gehen. So manche Christen, die es sich gemütlich eingerichtet haben, werden sich einmal wundern, wenn Jesus dann sagen wird: „Du, dein Faultierstil hatte nichts mit dem zu tun, was ich als Frohe Botschaft Dir verkündet hatte. Ich kenne dich nicht, weg von mir …“

Und andere, die nicht einmal getauft waren, die aber die Botschaft Jesu in ihrem Leben verwirklichten, die es in allen Himmelsrichtungen gibt, werden nicht nur in Jesu Nähe sein dürfen und seine Rettung erfahren, sie werden als sogenannte „Letzte“ die „Ersten“ sein.

Bemühen wir uns also mit allen Kräften darum, den Weg zum wirklichen Leben zu finden. Er geht durch die enge Tür. Noch haben wir Zeit dazu. Amen.

 

Mehr Impulse von Pfarrer Christoph Kreitmeir sowie News zu seinem bald erscheinenden Buch „Der Seele eine Heimat geben“ gibt’s

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