Image by ali konak from Pixabay

In seiner Auslegung zum Evangelium am Palmsonntag (MK 11, 1-10) beschreibt unser geistlicher Begleiter Pfarrer Christoph Kreitmeir den Einzug von Jesus in Jerusalem. Dabei geht er auf die Bedeutung des Esels, damals wie heute, ein.

Anbei die Worte seiner Predigt als Audio-Datei und anschließend im Text-Format:

 

 

So ein dummer Esel ???

Wenn man jemanden beleidigen will, dann sind Bezeichnungen wie „Du blöde Ziege!“, „Du depperter Ochs!“, „Du falsche Schlange!“ sehr gängig. „Du dummer Esel!“ ist auch sehr beliebt. Dabei sind der Esel und die Eselin alles andere als dumm. Der Esel – und dabei meine ich nun Esel und Eselin – begleitet den Menschen durch viele Jahrtausende hindurch als Kulturbegleiter, als Nutz- und Lasttier, als jemand, dem viel mehr Respekt gehören sollte, als man ihm gab und gibt.

Es ist ja wie im richtigen Leben. Der Dumme ist der, der mit sich alles machen lässt von denen, die ihn ausnutzen. Der Dumme ist der, der sich an Regeln hält, während andere sie permanent überschreiten oder zu ihren Gunsten auslegen. Der Dumme ist der, dem man bewusst klein hält, damit er sich mit Alltagssorgen herumschlägt und keine Kraft zum Aufmucken hat. Der Dumme ist wirklich wie ein Esel. Nur, ist der wirklich so dumm?

Der Esel taucht in orientalischen Weisheitsgeschichten und vor allem in der Bibel als Tier auf, das bewusst von Gott gewählt wird, wenn er außergewöhnliche Zeichen setzen will.

Besondere Propheten im Alten Testament kamen auf Eseln geritten und nicht auf Pferden, Dromedaren oder Kamelen, wie es höhere gesellschaftliche Schichten taten.

Von Anfang an spielt der Esel bei der Erlösungsgeschichte durch Jesus Christus eine begleitende und im wahrsten Sinne des Wortes tragende Rolle.

Bei der Geburt Jesu war er neben dem Ochsen da. Auf der Flucht nach Ägypten trug er Maria mit dem Jesuskind. Am sog. Palmsonntag lässt Jesus sich von seinen Jüngern ein junges Eselsfohlen besorgen mit dem Hinweis „Der Herr braucht es!“ Auf dem Rücken dieses unschuldigen Tieres reitet Jesus, anlehnend an alte prophetische Voraussagen wie der sehnlichst erwartete Messias in die heilige Stadt Jerusalem ein und die Menschen huldigen ihm.

Ich möchte heute am Palmsonntag, dem Beginn der Karwoche 2021, einen unscheinbaren Satz des Evangeliums hervorheben. Diese Karwoche steht wie schon letztes Jahr unter dem Eindruck von Hilflosigkeit und Ausgeliefertsein an einen Virus, der seit über einem Jahr der ganzen Welt den Atem nimmt. Genauso wie der Esel, ohne den Alltägliches und Außergewöhnliches in der Menschheitsgeschichte nicht hätte geschehen können, ist dieser kleine unbedeutende Satz „Der Herr braucht es, der Herr braucht sie, die Eselin“ von großer Bedeutung.

Jesus wählte ganz bewusst das „Zeichen des Esels“, um ganz gezielt von Pomp, Herrschaft, Macht und Ähnlichem abzulenken.

Der Herr braucht ihn, den Esel, um sein ganz anderes Reich des Friedens voranzubringen.

Der Esel steht für mich auch als Bild für eine bescheidenere Kirche als Gegenbild zu einer triumphalistischen Kirche, die ausgedient hat, die von Gott nie so gewollt war.

Wir erleben in den letzten Jahren erdrutschartige Ab- und Einbrüche innerhalb der katholischen Kirche, die einem Angst machen könnten, aber …

… der Herr braucht eine andere Kirche, eine die nicht hoch zu Ross daherkommt, die mehr das Evangelium und weniger das Kirchenrecht und die Finanzen vor Augen hat! Der Herr reitet eine Eselin, einen Esel, der friedfertig, uneitel, den Kleinen und Armen nahe ist, der seinen Rücken krumm macht, der dient, manchmal als dumm und naiv verlacht und nicht selten störrisch ist und deshalb geschlagen wird.

Diese Eselin, dieser Esel trägt den Messias, den Erlöser auf seinem Rücken, der von Geburt an bis hin zur Vollendung seiner Mission der Friedfertigkeit, auf Kampf verzichtend und mit Bescheidenheit, Barmherzigkeit und Liebenswürdigkeit die Seelen der Menschen verändern will.

Der Herr braucht ihn, den Esel. Der Herr braucht sie, die Eselin.

Er braucht Menschen, die in allen möglichen Berufen auch heute den Kopf und den Rücken hinhalten, die unscheinbar und doch voller Würde ihren Dienst an den Mitmenschen leisten, die aus tieferen Wertquellen schöpfen als es Geld, Aktien oder Immobilien jemals geben können.

Als das Christentum sich im zweiten und dritten Jahrhundert in der damaligen Weltmetropole der Macht, in Rom, im Untergrund und in den zahlreichen Katakomben verstecken musste und gleichzeitig geistig immer stärker wurde, da wurde – so zeigten es Ausgrabungen in der Mitte des 19. Jahrhunderts – , Jesus als Gekreuzigter mit einem Eselskopf dargestellt. An einer Wand einer Offiziersanwärterschule der römischen Armee wurde ein Graffiti entdeckt, das einen Gekreuzigten mit Eselskopf darstellt. Links davon steht ein Junge, die Hände zum Gebet erhoben. Darunter stehen die griechischen Worte: „Alexamenos verehrt einen Esel als Gott.“

Jesus als gekreuzigter Esel, der Christ als Esel. In den Augen der Welt ist der Glaube an diesen Jesus eine Eselei, eine Dummheit, ein Irrsinn, damals wie heute. Mit Pferden und Soldaten früher, heute mit Panzern, Raketen und Drohen gewinnt man vielleicht Kriege und erzeugt unendlich viel Elend. Der Friedenskönig kommt auf einem Esel daher. Langsam, bedächtig, ausdauernd und manchmal auch ein bisschen starrköpfig. Dr. Martin Luther King zum Beispiel bewirkte durch den Busaufstand in Montgomery eine Wende in der rassistischen Politik der USA in den 60iger Jahren des 20. Jahrhunderts. Statt der Busse fuhren die Leute wieder mit Eselskarren und kämpften so für die Rechte der schwarzen Amerikaner.

Der Frieden kommt auf einem Esel.

Und hoffentlich finden sich viele Menschen bereit zu solchen „Eseleien“, die den Frieden bringen. Damit es ein bisschen friedlicher, ehrlicher und solidarischer zugeht: In Nachbarschaften, in Klassenzimmern, in Krankenhäusern, in Fabriken, in Büros und Firmen, in Internetforen, auch – Gott sei´s geklagt – in den Kirchen und an den Kabinettstischen unserer Regierungen und den Verhandlungstischen der Sicherheitskonferenzen. Langsam, ausdauernd, sensibel, geduldig und auch ein bisschen starrköpfig und vor allem aus tieferen Werten schöpfend.

Gott braucht mich, auch wenn ich mir oft wie ein dummer Esel vorkomme.

Stephan Wahl hat dies in gute Worte gebracht (Stephan Wahl, Die Nacht wird hell wie der Tag, Echter 2014, S.10f):

„Du brauchst mich?
Herr, wie soll das gehen?
Ich kenne mich,
ich weiß wer ich bin.
– jedenfalls zum größten Teil.
Nichts ist perfekt,
nicht alles so, wie ich es gerne hätte.
So viel ist schwach an mir.
Nicht immer ist mir danach
die Hände zu falten,
nicht immer Amen zu sagen
bei allem was geschieht.
Ich kenne die Zweifler,
ich kenne mich.


Allein schaffe ich das nicht.
Wenn du mich aushältst,
dann vielleicht,
wenn Du mir Rückenwind gibst,
meine Knie stärkst,
mich aus der Reserve lockst,
dann vielleicht …
Nimm mir die Angst
vor allem was kommen mag.
Wirf mich ins Leben,
und lass mich in ihm
auf meine Weise,
unverwechselbar,
kraftvoll dein Loblied singen.“

Und, lass mich diese Welt ein wenig zum Besseren gestalten. Amen.