In seinem Impuls zum Sonntag wirft der Münchner Stadtpfarrer Rainer Maria Schießler, passend zur aktuellen Situation der Corona-Pandemie, einen Blick auf die Frage des Leids aus christlicher Perspektive.

Hier (mit freundlicher Genehmigung) sein Impuls mit dem Titel „Scheitert Gott am Leid?“, den Pfarrer Schießler auf seiner Facebook-Seite veröffentlicht hat:

Schmerz und Leid sind in unserer Gesellschaft wie ein unabwendbares Schicksal. Der christliche Glauben aber widerspricht:

Der Mensch ist eben nicht in jedem Fall ohnmächtig dem ausgeliefert, was ihn trifft.

Der erste Schritt zur Überwindung des Leides ist es, Worte zu finden – und einen Menschen der zuhören kann. Die Psalmen sind ein Zeugnis davon: wenn schon kein Mensch hört, dann wenigstens Gott. Trotzdem können wir uns dem Leid nur nähern, es nur umschreiben, vielleicht ein wenig mildern.

Und auch beim gläubigen Menschen rüttelt es an seiner Gottesbeziehung: Warum gerade ich?

Der Grund, auf dem das Leben aufgebaut war, kommt ins Wanken. Es ist unmöglich, sich dem Leiden in allem zu verweigern; sonst verweigert man sich dem Leben überhaupt. Den glatten Lebenslauf gibt es nicht. Schmerzen, Verluste, Abschiede, Wunden, Ängste gehören zum Leben dazu. Sie stellen unser Vertrauen, unseren Glauben, selbst unsere Beziehungen in Frage.

Dennoch hören wir immer wieder skandalöse Antworten in der Frage nach dem Warum des Leidens.

Zum Beispiel sei das Leid die Strafe Gottes für die Sünde des Menschen. Ganz geschickt entlastet hier meine Schuld am Unglück wenigstens Gott selbst. Oder man sagt, Jesus musste ja für uns leiden und zwar unvergleichlich größer als je ein Mensch sonst. Aber spüren wir da nicht gleich Verhöhnung so vieler Unschuldiger auf der Welt und zugleich die Behauptung, es gäbe ja doch einen rachsüchtigen Gott?

Leid als Sühne und Strafe gedacht lähmt unseren Widerstand.

Alle Leiden, die überwunden werden können, sind zu überwinden. Dann gibt es immer noch genug an Leid, das zu tragen oder zu ertragen ist und nicht abgeschafft werden kann, weil es zu unserem Menschsein gehört. Darin ist uns Jesus ganz gleich geworden.

Aber auch diesem Leid kann man wirksam begegnen und zwar mit Zeichen der Liebe. Sie machen das Leiden nicht weg, aber sie gehen ihm um des Menschen willen auch nicht aus dem Weg. Eine Mutter sagte: „Meine Tochter im Rollstuhl braucht kein Mitleid, sondern einen Menschen, der mit ihr lachen kann.“

Jesu Leiden wäre vermeidbar gewesen. Doch das Kreuz Jesu und seine Auferstehung, sein Scheitern und sein Sieg machen die Vision eines anderen, eines besseren Lebens erst möglich. Das nur kann es bedeuten, wenn es heißt, er ist für uns gestorben.

Es gibt seitdem kein Leid mehr, das fremdes Leid ist: Jeder Mensch, der einem anderen hilft, handelt wie Christus. Und wo immer Menschen leiden, steht Jesus Christus an ihrer Seite. So lange es Christen gibt, werden sie bei den Leidenden sein.