Foto: privat (mit freundlicher Genehmigung von Pfarrer Rainer Maria Schießler)

In seiner Auslegung vom heutigen Sonntagsevangelium vom Richter und der Witwe (LK 18, 1-8) geht Pfarrer Rainer Maria Schießler darauf ein, wie heilendes Gebet sich von selbstsicherer Frömmigkeit unterscheidet.

Hier die Worte, die Pfarrer Schießler auf seiner Facebook-Seite veröffentlicht hat:

Ohnmächtige Mächtige?

Was für eine Ironie? Gerade der so unglaublich mächtige Richter steht am Ende als Verlierer da. Die arme Witwe, Symbol des benachteiligten Menschen, geht als Siegerin hervor. Hier wird das Magnifikat zur Wirklichkeit: „Den Mächtigen stürzt er vom Thron und erhöht den Niedrigen!“ Wenn eine christliche Religion einen Auftrag hat, dann, diese Prophezeiung konsequent umzusetzen.

Muss man also fest beten, um Gott weich zu kriegen? Das wird so nicht gelingen. Er ist der Allmächtige, nicht wir!

Aber das Gebet ist eine Beziehungssache, manchmal sogar ein Beziehungsdrama und immer steckt der Glaube an ein Du dahinter, das zuhört. Allein, wenn man nur frei über die Angst und Not sprechen kann, ist das schon wie eine erste Erlösung. Ohne sich zu verstecken. Ohne einen fatalen Optimismus vorspielen zu müssen. „Vielleicht ist ja irgendwo Tag“, hat ein Beter es einmal ausgedrückt, wenn man im Gebet mitten ins Dunkel hineinspricht.

Auf ihre Weise hat die Witwe den harten Richter weichgeklopft. „Selig sind, die das Harte in sich weich gemacht haben“ lautet eine Übersetzung eines Bergpredigtwortes Jesu. Erst müssen also die Verhärtungen in uns durch das Gebet, durch Vertrauen und Glauben weich gemacht werden.

Das Harte versperrt nämlich der Heilung wie dem Heil den Zugang.

Nichts trennt uns also mehr von Gott als eine selbstsichere Frömmigkeit.

Das aufrichtige Gebet bewahrt uns davor. Durch Selbsterkenntnis und Selbstfindung dürfen wir uns als Sünder bei Gott gut aufgehoben wissen. So macht Beten demütig und gerade deswegen gesund. Die Witwe hat nichts zu verlieren, aber sie weiß, sie ist auch wer, darum kann sie den Richter bedrängen ohne Ende.

Das muss auch eine Kirche heute immer neu verstehen lernen.