Foto: facebook.com/rainer.maria.schiessler (mit freundlicher Genehmigung von Pfarrer Rainer Maria Schießler)

In seiner Auslegung des heutigen Sonntagsevangliums vom Gleichnis vom Feigenbaum plädiert Pfarrer Rainer Maria Schießler für mehr Gelassenheit unter Christen – einer Gelassenheit, die gegen alle religiösen Aufgeregtheiten, für die christliche Fundamentalisten so anfällig sind, spricht und dabei nichts mit Leichtsinn oder Oberflächlichkeit zu tun hat.

Hier die Worte einer starken Auslegung zum Gleichnis vom Feigenbaum (Lk 13, 1-9)

Das Gleichnis vom Feigenbaum im Evangelium vom 3. Fastensonntag spricht eine ganz besondere Sprache; es ist die einzigartige Sprache Jesu, die Verständnis hat, Geduld zeigt, Gelassenheit predigt.

Mit Gewalt ist die Welt nämlich nicht zu verändern; unter Druck zerbricht höchstens ein Mensch, bevor er sich ändert.

Gelassenheit ist eben doch einer der Namen Gottes.

Eine Gelassenheit, die uns zeigt, wie Kleinigkeiten Großes bewirken können. Vielleicht fehlt dem Feigenbaum wirklich nur ein bisschen Dünger; vielleicht braucht er gerade noch ein Jahr, um Früchte anzusetzen. Wer weiß das alles z.B. bei einem Kind, bei einem Menschen schon?

Manchmal tritt das Christentum auf wie eine der Werbesendungen im Verkaufsfernsehen: Mit allen Mitteln und Tricks werden die Zuschauer beschworen, möglichst sofort zum Telefon zu greifen, um eine Ware zu bestellen, die sie überhaupt nicht brauchen.

In der Verkündigung Jesu läuft das anders: Da darf der Sohn erst einmal in die Ferne ziehen, das Leben ausprobieren bis an den Rand, bevor er sich besinnt und heimkehrt. Da kann ein neugieriges Schaf erst einmal die Herde verlassen und nach besonderen Kräutern zu suchen und wird liebevoll heimgeholt. Da bekommt ein Feigenbaum ein viertes Jahr zugebilligt, einschließlich Dünger und sorgfältiger Behandlung. Selbst das Unkraut darf zusammen mit dem Weizen wachsen bis zum Ernteschnitt; wobei noch offen bleibt, was in den Augen Gottes überhaupt Unkraut ist. Vielleicht sind es gar die Disteln, die Einzug halten ins Gottesreich, und nicht der fette Weizen?

Jesu Worte sind von solch großer Gelassenheit geprägt, die aber gerade das Heute ernst nimmt.

Jesus verschiebt nichts, was jetzt getan werden muss und wäre es am Sabbat. Er bleibt aber nicht am Gestern hängen und macht sich keine großen Gedanken über das Morgen. Denn Gelassenheit hat viel mit Zulassen, Geschehen-Lassen zu tun, jedoch nichts mit Leichtsinn oder Oberflächlichkeit. Ein gelassener Mensch zeigt gerade seine Verantwortung vor dem Leben, das nicht festgehalten werden will und kann.

Ein gelassener Christ erkennt den Fluss des Lebens und kommt gerade dadurch zur Ruhe.

Der Feigenbaum im Evangelium heute gehört zu den sieben Segnungen des Landes Israel. Unter dem Feigenbaum zu wohnen wird in der Bibel als Bild für ein Leben in Frieden und Sicherheit gebraucht und der Baum ist ein Bild für das jüdische Volk selbst. Kurz: Ein Bild für uns gewöhnliche Menschen.

Da berührt es uns noch mehr, wie behutsam und mit welcher Geduld Gott mit uns umgeht, wenn wir immer noch nicht vorwärts kommen. Das spricht gegen alle religiösen Aufgeregtheiten, für die christliche Fundamentalisten so anfällig sind.

Sie wollen für das still wachsende Reich Gottes schnelle und harte Lösungen. Das Reich Gottes aber verträgt weder Hektik noch Verbissenheit, also jene falsche Ernsthaftigkeit, die nicht darauf vertraut, dass Gott auf krummen Wegen gerade Linien ziehen und Fünfe grad sein lassen kann.

Amen!

 

Mehr darüber, wie Gott mit Gelassenheit begeistert, ist im neuen Buch „Jessas, Maria und Josef“ von Pfarrer Schießler zu erfahren: