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In seiner Auslegung zum heutigen Sonntagsevangelium vom Verlorenen Sohn (Lk 15,11-32) beschreibt Pfarrer Rainer Maria Schießler den Paradigmenwechsel im Gottesbild, das Jesus den Menschen näher bringt. Dieser Paradigmenwechsel scheint auch in so manch christlichen Milieus nach 2000 Jahren noch nicht angekommen zu sein.

Hier die Worte zum Gleichnis vom Verlorenen Sohn von Pfarrer Schießler

Wenn Jesus Geschichten erzählt, dann ist immer auf die Pointe zu achten, auf den springenden Punkt

– so wie im Evangelium am 4. Fastensonntag, dem Gleichnis vom verlorenen Sohn: Er verkündet einen anderen Gott! Für Jesu Zuhörer bedeutete das eine große Herausforderung: Sie erkennen ihre Vorstellung von Gott nicht wieder; ihr Gottesbild bekommt einen großen Sprung. Der ältere Sohn verdeutlicht dabei das alles. Er ist der konservative Typ, der eine klare Linie vertritt und sich selber auch daran hält. Alles muss auf Erden und im Himmel seine Ordnung haben. Es muss vor allem gerecht zugehen. Gerechtigkeit aber heißt für ihn: Gott lohnt und straft. Gott vergibt Treueprämien für Wohlverhalten oder erteilt Sündern saftige Lektionen. So wird die Gerechtigkeit bewahrt. Heißt es denn nicht in der Schrift: „Gott, der Gerechte!?“

Wie also kann der Vater mit dem verkommenen Heimkehrer, dem jüngeren Sohn, ein Fest feiern, noch bevor er Buße getan hat? Das verbietet sein Vaterbild- , das verbietet sein Gottesbild.

Viele in den Kirchen stehen nach wie vor in der Tradition des älteren Sohnes: Erst Reue, Buße, Sühne, Wiedergutmachung, dann … .

Wo kämen wir denn sonst hin? Vergebung zu schenken ohne für die Schuld bezahlen zu müssen oder wenigstens eine Zeit der Bewährung zu fordern – das ist die Methode der alten Zeit. Jesus hat die neue Zeit verkündet: Er stellt mit seinem Gleichnis die überkommene Rechtfertigungslehre auf den Kopf:

Für Jesus genügt Gott die Umkehr, die Heimkehr vollkommen, das ist alles. Diese Wende von der Gerechtigkeit zur Barmherzigkeit, von den Bedingungen zum Entgegenkommen Gottes kommen einem Erdrutsch gleich.

Jesus aber legt nicht für Gottes Gerechtigkeit Zeugnis ab, sondern für seine Barmherzigkeit – bis in seinen Tod.

Sein Gleichnis bedeutet die Abkehr von einem kriegerischen Gott der Bibel, von einem Patriarchen-Gott, und die Hinwendung zu einem Vater-Gott, den Jesus in seiner Sprache zärtlich „Papa“ nennt. Es ist die Hinwendung zu einem mütterlichen Gott, der in seinem Innersten voller Sorge für den Menschen ist.

Gott erzieht sein Volk nicht durch Strenge und Strafe. Er will sie auf die Seite des Guten ziehen. Wer Gutes tut – wird selber gut! Heißt sein Motto! Gott geht mit offenen Armen auf den Menschen zu. Je öfter ein Mensch Gutes tut, verzeiht, entschuldigt, aufrichtet, begleitet … desto leichter wird dieses Tun, desto anziehender und attraktiver wird er.

Denn Gutes tun, barmherzig sein, macht schön.

In welchen Zeiten leben wir und vor allem unsere Kirchen? Leben wir immer noch in den alten Zeiten, die Jesus aufbrechen will? Welche Anerkennung bekommen Menschen in unserer Kirche, „die nicht in voller Einheit mit der Kirche stehen“, eine andere sexuelle Orientierung haben, wiederverheiratet geschieden sind? Änderungen im Umgang sind nach diesem Evangelium jedenfalls erlaubt und erwünscht. Der Psychotherapeut Viktor Frankl drückt es so aus: „Mensch sein heißt ja niemals, nun einmal so und nicht anders sein müssen; Mensch sein heißt immer, immer auch anders werden können.“